Bolanden
Lucy van Kuhls Fangemeinde im Blauen Haus ist gewachsen
Kühl, blond und lässig im Erscheinungsbild: So präsentiert die Chansonsängerin sich – und zwischen den Zeilen ihren intellektuellen Humor, der hochkarätig wirkt. Insofern besitzt Corinna Fuhrmann, wie die gebürtige Kölnerin mit bürgerlichem Namen heißt, einen perfekt gewählten Künstlernamen. Van Kuhl klingt adlig und erinnert beim Aussprechen an das englische Wort „cool“.
Vor zwei Jahren war Lucy van Kuhl schon einmal im Blauen Haus zu Gast. Sie spielt nun in einem voll besetzten Saal mit einer gewachsenen Fangemeinde. „Sie hat auf jeden Fall viel Eindruck hinterlassen, sonst wären wir nicht noch mal gekommen“, sagt ein Pärchen, das früh angereist ist, um in der ersten Reihe Platz zu finden. „Da hinten sieht man leider nichts.“
Eine Einheit mit dem Flügel
Der Grund dafür ist der Flügel, der zu schwer ist, um ihn auf die Bühne zu heben. Daher spielt die Künstlerin vor Ort auf Augenhöhe mit dem Publikum, was vorne den Eindruck einer Privatvorführung vermittelt. Ihre dynamischen Tastenanschläge und kraftvoll akzentuierten Passagen begeistern die Zuhörer. Lucy van Kuhl ist eins mit dem Flügel, wobei einige Stücke stellenweise zum Träumen einladen. Dank der Lautsprecher ist die Akustik bis in die hintersten Reihen gut.
Das überwiegend ältere Publikum fühlt sich angesprochen, versteht von Anfang an die Bedeutung der Sprache. Während der Vorstellung nicken manche Gäste zustimmend oder stupsen ihren Partner an, der daraufhin mit einem leisen „Ja, stimmt“ antwortet.
Deutsche Urlauber und lebensmüde Smartphones
Lucy van Kuhl beherrscht die Kunst, mit Sprache zu spielen, und erzählt Geschichten, die viele selbst erlebt haben. Man erkennt einiges wieder. Etwa beim Thema Deutsche im Urlaub. Da geht es um diejenigen, die sich gerne mal danebenbenehmen und beim Buffet so kräftig zulangen, dass Lucy van Kuhl von „Reisepreiszurückfressern“ spricht. Über die Jugend macht sie sich ebenso her, witzelt über eine Teenagerin aus der Ich-Perspektive eines Smartphones, das am liebsten Selbstmord begehen möchte, um nicht weiterhin den Klingelton von Justin Bieber abspielen zu müssen.
Die Künstlerin besitzt die Fähigkeit, sich in Dinge hineinzuversetzen und eine sprachliche Balance zu finden, sodass es niemals plump wirkt. Ihre tiefgründigen Texte sind darüber hinaus von lustigen Endreimen gekennzeichnet. Es ist bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit Lucy van Kuhl diese Sprachbegabung auf der Bühne auslebt.
Anregung zum Nachdenken
Das Programm „Auf den zweiten Blick“ regt an, über alles im Leben noch einmal nachzudenken. Van Kuhl sagt, dass beim ersten Blick innerhalb von nur drei Sekunden die Meinung vom Gegenüber feststeht. Sie beklagt die vorherrschenden Stereotypen in der Gesellschaft.
Im Blauen Haus gibt die Künstlerin auch eine Anekdote aus ihrer Kindheit zum Besten: Sie wurde oft als Junge angesehen, weil sie gerne Fußball spielte. Anschließend spielt sie das Lied „Prinzessin sein“. Es handelt von einem Jungen, der gerne eine Prinzessin sein möchte. Damit trifft sie den Zeitgeist. Ein weiteres Lied handelt vom Bauch als Navigationssystem. Es appelliert an die Menschen, auf die Gefühle zu hören. Lucy van Kuhl spielt dieses Lied sehr empfindsam, lässt am Ende die Tastenanschläge sanft ausklingen.
München, Berlin und die Deutsche Bahn
Gut ein Drittel des vorgetragenen Liedguts ist durchtränkt von Gemütsbewegungen, die die Künstlerin selbst erlebt hat. Etwa der Text über den Englischen Garten in München. Er ist ein Stück Lebensgeschichte. Es geht in dem Lied um den schönsten Tag im Jahr, der ein Gefühl von Freiheit und Glück vermittelt. Mit München verbindet die Künstlerin ein Studium der Germanistik, Geschichte und Musikwissenschaft.
Später verschlug es die Chansonsängerin nach Berlin, genauer gesagt auf den Prenzlauer Berg. Dort lernte sie eine alte Bewohnerin eines Hauses kennen, Frau Schmidt. Ihr widmete sie ein Lied, das traurig stimmt, weil es den Herzschmerz der Künstlerin offenbart – über den Verlust eines liebgewonnenen Mitmenschen.
Ein Wechselbad der Gefühle
Texte und Musik schreibt die Künstlerin überwiegend selbst. Das Bühnenprogramm, das sie in Bolanden präsentiert, wird zum Teil zu einem Wechselbad der Gefühle. Am Ende ist es gar reißerisch, als ein großer deutscher Konzern aufs Korn genommen wird: Der ganze Saal macht fröhlich mit bei dem Lied über das Zuspätkommen der Deutschen Bahn.