Donnersbergkreis Leichtfüßiger Gang durch die Stadtgeschichte
650 Jahre Kirchheimbolander Stadtrechte fordern natürlich gebieterisch auch eine Sonderausstellung im städtischen Museum. Die wurde am Sonntag vor einem zahlreichen historisch interessierten Publikum mit erläuterndem Vortrag von den beiden Museumsleitern Rainer und Eva Karneth eröffnet. Damit bis 15. Juli möglichst viele Besucher hinzukommen, sei gleich versichert, dass der scheinbar überwältigenden Masse von sechseinhalb Jahrhunderten alles Bedrohliche genommen wurde durch eine kleine, aber feine Präsentation und ein bescheiden-kluges Vorgehen, dem die Ausstellungsmacher den Titel „Museales Kaleidoskop“ gaben.
Ihr Verfahren beruht zum einen auf einer schlaglichtartigen Beschränkung der Exponate, die dem einfachen „Algorithmus“ folgt, mit eins beginnend in jedem folgenden Jahrhundert die Zahl der Objekte um ein weiteres zu erhöhen, was zu einer Gesamtzahl von etwa 30 führt, die in Augenschein zu nehmen nicht Last, sondern Lust bedeutet. Für jedes Jahrhundert gibt es dann noch ein informatives Textbanner, zum schnellen Erfassen und Vergleichen in „Steckbrief“-Format: „Name“: Kirchheim bey Bolanden / später Kirchheim / zu Mozarts Zeiten Kirchheim-Poland, erst im 19. Jahrhundert setzte sich die heutige Form durch. – „Geburtsdatum“: Natürlich gleichbleibend 1368! – „Staatsangehörigkeit“: Gräflich Bolanden-Sponheimisch-Nassau-Weilburgische Residenz / französische Kantons- und bayerische Amtsstadt innerhalb verschieden organisierter Deutschlands bis zur heutigen rheinland-pfälzischen Kreisstadt. „Konfession?“ „Größe?“ „Aussehen?“ „Lebensunterhalt?“ – Die Exponate machen anschaulich, was in den Steckbriefen jeweils steht, und ermöglichen so einen leichtfüßigen Gang durch die Stadtgeschichte, eingebunden in größere politisch-kulturell-gesellschaftliche Zusammenhänge, mit Fort- und Rückschritten, guten und schlechten Zeiten. 14./15. Jahrhundert: Die gesiegelte Urkunde des Kaisers Karl IV. von 1368 verlieh dem Dorf Kirchheim der Bolander Grafen das Stadtrecht, was unter anderem bedeutete, dass der Ort befestigt, also von einem Mauerring umgeben werden durfte, der ja in Teilen noch heute die Altstadt prägt. Im 16. Jahrhundert signalisiert die silberne Halbporträt-Medaille eines Grafen Albrecht den Übergang der Stadt ans Nassau-Weilburger Geschlecht, was auch den Wechsel der „Herrschaft Kirchheim“ zum lutherischen Protestantismus bedeutete. Eine Nassau-Weilburger Münze, ein „halber Batzen“, soll zeigen, dass hier auch Geld geprägt wurde, das aber keinen guten Ruf gehabt haben soll. Das von Kriegen zerrissene 17. Jahrhundert führte die Stadt wie viele andere an der Rand des Untergangs. Die Einwohnerzahl ging zurück auf die eines kleinen Dorfes. Ein stolzes Flugblatt des katholischen spanischen Generals Spinola präsentiert unter den von ihm eroberten Städten auch einen Ort namens „Kircheim Bolanden“, wenngleich es sich bei der dargestellten verheerten Burg eher ums benachbarte Neu-Bolanden handeln dürfte. – Aber dann das Aufblühen in der höfischen Zeit zur „Kleinen Residenz“ unter den Fürsten Carl August und Carl Christian (von letzterem ein idealisiertes Gipsrelief-Profilbild mit goldenem Hintergrund; schade, dass die kunstsinnige Gattin Caroline nicht dabei ist!), die der Stadt architektonisch und kulturell einen gewissen, bis heute nachwirkenden Glamour verliehen. Die ausgestellte Wetterfahne der fürstlichen Oberjägerei zeugt auch von zunehmender Entfaltung des bürgerlichen Handwerks – wenngleich zunächst vornehmlich zu höfischen Zwecken, neben dem bis dahin vorherrschenden Ackerbürgertum. 1794 war die Residenz-Herrlichkeit abrupt zu Ende, aber die folgende Franzosenzeit erschloss neue Möglichkeiten, wie viele Napoleon-Bilder dokumentieren, die im 19. Jahrhundert Kircheimer Wohnzimmer zierten. Das entsprechende Exponat zeigt Napoleons Abschied Richtung Elba. Profiteure der neuen rechtlichen Errungenschaften waren Beamte, Advokaten, Notare, Besitzbürger. Auch unter den ehemaligen Soldaten der „Grande Armee“ muss es beachtliche Napoleon-Nostalgie gegeben haben. Das fortschreitende 19. Jahrhundert – Kibo ist jetzt wie die ganze Pfalz bayerisch – imponiert durch weitere aussagestarke Exponate, die viel Aufbruch zeigen: Das Aufkommen des Vereinswesens (Fahne des Donnersberger Musikvereins); den tragisch endenden Kampf der Freischärler 1849 im Schlossgarten; ein Schmuckblatt zur Anlage des Schillerhains, mit dem ein Bürgerpark geschaffen werden sollte, auch in der vagen Hoffnung, die Stadt könne Luftkurort werden: Zerstoben im Ersten Weltkrieg. Aber es fehlen nicht Ausstellungsstücke zu vielen Protagonisten auf anderen, wichtigeren Gebieten: Georg v. Neumayer, Carl Glaser, Heinrich v. Brunck. Ein „Volksempfänger“ steht für das Aufkommen neuer Medien im 20. Jahrhundert – und zugleich für deren Missbrauch zu totalitären Zwecken. Eine Schiefer-Preistafel und Papiertüten erinnern an die „Tante-Emma-Läden“, der Turbolader dagegen verweist auf modernste Technik „made in Kibo“. Eine prächtige Amtstracht gegen Ende der Ausstellung wiederum veranschaulicht ein absolutes Alleinstellungsmerkmal Kirchheimbolandens: Den „Bierkönig“, der alle zwei Jahre die Stadt wieder zur Residenz erhebt! Zuletzt überrascht eine Zigarrenpackung mit „Krummen Hunden“, die vorm geistigen Auge den „Vater des Wirtschaftswunders“, Ludwig Erhard, erstehen lässt, aber soweit die Besucher „Alt-Kerchemer“ sind, auch den Stadthistoriker Konrad Lucae, ohne dessen Wirken das Museum in seiner heutigen Bedeutung unvorstellbar wäre. Wenn man im dortigen Magazin Objekte umdrehe, berichtet Rainer Karneth, falle einem noch heute Asche von Lucaes Zigarren entgegen.