Kriegsfeld RHEINPFALZ Plus Artikel Leben mit Multiple Sklerose: Kriegsfelder Michael Geßner will nicht aufgeben

Michael Geßner mit seinen Kindern Marta und Merle.
Michael Geßner mit seinen Kindern Marta und Merle.

Wer an MS erkrankt, weiß nie genau, was auf ihn zukommt. Die Diagnose der „Krankheit mit den tausend Gesichtern“ hat im vergangenen Jahr auch Michael Geßner aus Kriegsfeld getroffen. Er will ihr sein Leben nicht unterordnen.

Mit den Augen fing es an. „Zuerst dachte ich an eine Erkältung, eine Bindehautentzündung oder so etwas.“ Nach vier Tagen aber war Michael Geßner klar, die Augen waren es nicht alleine. „Dass etwas nicht stimmt mit mir, wurde mir so richtig bewusst, als eines Morgens unsere Tochter ins Bett gekrochen kam. Sie berührte mich nur ganz leicht und meine ganze rechte Körperhälfte schmerzte unglaublich.“ Später kam es ihm vor, als sei sein Körper zur Hälfte in Watte gepackt. Alles fühlte sich taub an oder brannte bei der leichtesten Berührung. Das war im April 2021. Bis die Diagnose Multiple Sklerose allerdings sicher feststand, sollte noch einige Zeit vergehen.

Die lange Ungewissheit erleben viele MS-Patienten. „Die Krankheit zeigt sich im frühen Stadium auf sehr vielfältige Weise. Kribbeln, Taubheit, Schmerzen. Jeder erlebt da etwas anderes“, weiß Geßner mittlerweile. Nicht umsonst ist die MS auch als „die Krankheit der tausend Gesichter“ bekannt.

Kinder brauchen fitte Eltern

Der erste Schub, von Ärzten noch nicht sicher als MS-Symptom erkannt, verlief bei Geßner noch vergleichsweise harmlos. „Damals wurde ein erster Verdacht ausgesprochen“, berichtet er. Die Untersuchungsergebnisse ließen noch Raum für Hoffnung. Erst im November vergangenen Jahres kam dann die traurige Gewissheit: In der Rheinhessen-Fachklinik in Alzey wiesen die Aufnahmen der Computertomographie eindeutig auf eine Multiple Sklerose hin.

„Wir hatten gerade erst unser Haus in Kriegsfeld gekauft. Natürlich gab und gibt es da noch allerhand zu tun“, so der 41-jährige Familienvater. Zumal er auch für die beiden Töchter da sein will. „Merle ist neun und Marta sechs Jahre alt“, erzählt Geßner. Da wünschen sich Kinder natürlich Ausflüge, Unternehmungen, und dazu braucht es fitte Eltern.

Zum Kopf hängen lassen blieb also keine Zeit. „Ich habe mich relativ schnell damit arrangiert, dass sich in meinem Leben manches ändern wird und muss. Ich hatte ja keine Wahl.“ Schon früh stellte er den Kontakt zur Selbsthilfegruppe der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) Rheinland-Pfalz her, die auch im Donnersbergkreis eine Regionalgruppe unterhält. „Für mich war es sehr wichtig, mit anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen“, sagt er. Zwar lasse sich gerade bei dieser Krankheit kaum ein Verlauf mit einem anderen vergleichen. Gerade das aber schaffe auch Verbindung. „Wir alle müssen mit einer ständigen Ungewissheit leben. Wir alle müssen damit klar kommen, dass es keine verlässlichen Prognosen über das gibt, was uns erwartet. Dass niemand uns sagen kann, was in zehn Jahren, in 20 Jahren ist.“ Aber wenn man ehrlich sei, dann treffe das ja auf jeden anderen Menschen auch zu.

Volle Unterstützung vom Arbeitgeber

Optimistisch bleiben, das war auch das Motto für Geßner, als im April dieses Jahres der dritte Schub kam. Zwar gehört er zu den Menschen, die das Cortison, das Standardmittel zur Behandlung, recht gut vertragen. Mit erheblichen Nebenwirkungen wie starkem Schwitzen und Schmerzen beim Absetzen muss aber auch er klar kommen. „Das ist wie ein Entzug“, berichtet er.

Als großes Glück empfindet er, dass sein Arbeitgeber, die Deutsche Post, ihm von Anfang an volle Unterstützung zukommen ließ. „Da wurde sofort alles in die Wege geleitet, damit ich weiterhin arbeitsfähig bleibe“, sagt er. So wurde er aus dem körperlich anstrengenden Zustellerdienst herausgenommen, und er kann auch gegebenenfalls während der Arbeitszeit die für MS-Patienten so wichtigen Krankengymnastik-Termine wahrnehmen. „Dafür bin ich wirklich sehr dankbar.“

Beispiel an anderen nehmen

Was immer möglich ist, will Geßner tun, um sich seiner Krankheit entgegen zu stellen. „Ich bewege mich viel, ich arbeite im Garten, ich gehe regelmäßig zur Physiotherapie und powere mich manchmal auch richtig aus.“ Auch wenn das Fatigue ihn einholt, eine bleierne Müdigkeit als Begleiterscheinung der Krankheit, gibt Geßner nicht klein bei. Schließlich gebe es andere Betroffene, an denen man sich da ein Beispiel nehmen könne, wie Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Sein großer Wunsch ist, dass sich im Kreis auch die jüngeren Betroffenen zu einer eigenen Gruppe innerhalb der Selbsthilfe zusammenfinden. „Es gibt sie, die jungen Erkrankten, aber irgendwie trauen sich nur die Älteren in die Gruppen“, bedauert er. Dabei, da ist er sicher, kann das Zusammentreffen mit anderen Betroffenen in jeder Altersstufe ein großer Gewinn sein.

Info

Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark umfasst und meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. Die Krankheit ist in Verlauf, Beschwerdebild und Therapieerfolg von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Aus diesem Grund ist MS auch als „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ bekannt. Multiple Sklerose ist nicht ansteckend, nicht zwangsläufig tödlich, es hat nichts mit Muskelschwund zu tun und ist auch keine psychische Erkrankung. Sie führt nicht in jedem Fall zu einem Leben im Rollstuhl.

Zu Beginn der MS-Erkrankung treten häufig motorische Störungen auf wie Lähmungen und Sehstörungen mit Verschwommen- oder Nebelsehen als Ausdruck einer Entzündung der Sehnerven (Optikusneuritis). Daneben kommen oft Gefühlsstörungen der Haut („Sensibilitäts-Störungen“) vor, meist in Form von Kribbeln, (schmerzhaften) Missempfindungen oder einem Taubheitsgefühl. Außerdem können unterschiedlichste Beschwerden wie Unsicherheit beim Gehen oder beim Greifen, Doppelbilder, Blasenstörungen und „verwaschenes“ Sprechen auftreten.

Deutsche Multiple Sklerose-Gesellschaft (DMSG)

Ansprechpartner vor Ort: Beate Linkmann, Kirchheimbolanden, Telefon: 06352 2137; Linkmann@t-online.de.

x