Donnersbergkreis „Jagen ist mehr als nur schießen“
Regulierung der Wildbestände, Reduzierung des Schwarzwilds, Wildschadensverhütung, Kurzhalten der Prädatoren, Biotopgestaltung, Schaffen von Lebensraum für Wildtiere, Natur- und Artenschutz: Diese und weitere Argumente werden immer wieder genannt, wenn es um die Rechtfertigung der Jagd geht. Was sind aber die Gründe für angehende Jäger, sich diesem „Hobby“ zu verschreiben? Die RHEINPFALZ hat darüber mit Jagdscheinanwärtern aus dem Donnersbergkreis gesprochen.
Es ist der 1. Mai, Beginn (genannt Aufgang) der Bockjagd. Mit dem Fernglas sucht Fred Gass die Wiese am Waldrand ab, als er gegen 21 Uhr den Schuss hört. Minuten später steht er vor dem erlegten Rehbock. Alan Redzepovic, der Schütze, hat ihn zum Anschuss gerufen. Gass ist Jagdscheinanwärter und Redzepovic sein Mentor. Der Azubi soll nun das Reh ausweiden – in der Jägersprache heißt das aufbrechen. Redzepovic zeigt ihm, wie das Messer zu halten ist und die Schnitte zu führen sind. Gass verrichtet die „rote“ Arbeit zum ersten Mal. Dann stehen beide noch minutenlang schweigend am gestreckten Stück. Der Anwärter freut sich auf den Rehbraten, den er seiner Oma, bei der er wohnt, servieren will. Der 21-jährige Schreinergeselle aus Kirchheimbolanden hat sich zum Jägerlehrgang bei der Kreisgruppe Kaiserslautern des Landesjagdverbands angemeldet. „Leider können wir angesichts der geringen Anzahl von Bewerbern in diesem Jahr wieder nicht selbst einen Jägerlehrgang anbieten. Wir müssen deshalb auf private Jagdschulen oder auf benachbarte Kreisgruppen verweisen“, bedauert der Donnersberger Kreisjagdmeister Klaus Weber. Im Revier Krippes bei Reipoltskirchen wird Gass unter der Obhut seines Mentors Redzepovic aus Winnweiler, dem Falkner des Kaiserslauterer Zoos, sein „Grünes Jahr“ absolvieren. Seine bisherigen Hobbys waren Bogenschießen und Mittelaltermärkte. Für die Jägerei ließ sich der junge Mann durch eine Freundin begeistern, die vor kurzem ihren Jägerbrief in Empfang nehmen durfte. Gass’ Freunde und Arbeitskollegen haben die Nachricht von seiner künftigen Freizeitbeschäftigung positiv aufgenommen. Von gelegentlichen jagdfeindlichen Kommentaren in den Medien lässt er sich nicht beeindrucken. „Da sind so viele Vorurteile, aber diese Leute haben keine Ahnung von der jagdlichen Wirklichkeit. Jagen ist mehr als nur Schießen, Jagen ist Natur pur.“ Auch der mit 56 Jahren „spätberufene“ Norbert Schön aus Katzenbach hat sich für den Lehrgang entschieden. In der Jagd sieht er eine sinnvolle Freizeitgestaltung in der Natur. „Seit über 20 Jahren gehe ich regelmäßig als Treiber mit auf die Jagd. Aber leider hatten die beruflichen Anforderungen als Elektriker im Schichtdienst bei Johnson Controls in Rockenhausen die Teilnahme an einem Jägerlehrgang bisher nicht zugelassen“, bedauert der geschiedene Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Doch jetzt wolle er es endlich wagen. Für die praktische Ausbildung geht er im Revier Lohnsfeld bei Wilhelm Theisinger, dem Obmann und Ausbildungsleiter für Jagdhunde im Donnersbergkreis, in die Lehre. Seine Lebensgefährtin Sonja, die zunächst eher skeptisch war, hat er letztlich mit einem selbst zubereiteten Wildschweingulasch überzeugt. Die beiden Söhne, die er bereits als Buben gelegentlich mit zur Treibjagd genommen hatte, standen ohnehin auf seiner Seite. Einziger Wermutstropfen: Für sein bisheriges Hobby Angeln wird er künftig weniger Zeit bleiben. Bernhard Küther aus Kirchheimbolanden hat sich ebenfalls angemeldet. Der 48-jährige Physiker ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Im Kirchheimbolander Revier von Willi Brand will er die jagdliche Praxis erlernen. „Als Sportflieger habe ich die Region bisher überwiegend aus der Luft kennengelernt. Als Jäger komme ich nun den Geheimnissen der Natur auf dem Boden etwas näher. Ich bin gerade dabei, meine Heimat neu zu entdecken.“ Im Übrigen wolle er sich mehr als Heger denn als Jäger verstanden wissen, den er als „Prädatorenersatz“ bezeichnet. Dass er als Jugendlicher Angler war, hat er schon fast vergessen. Seine Familie lässt ihn gewähren: „Warum nicht, wenn es ihm Spaß macht“, sagt seine Frau Susanne, auch wenn sie sich an den Gedanken von Waffen im Haus erst noch gewöhnen müsse. Der Münchweilerer Sebastian Müller hat den schnellen Weg über die Jagdschule in Alsheim vorgezogen. Der 30-jährige unverheiratete Elektrotechnikermeister hat das Jäger-Gen offensichtlich von seinem Vater Martin geerbt, der schon seit rund drei Jahrzehnten dem Weidwerk nachgeht. Dennoch waren es Freunde, die ihn letztlich zur Jagd brachten. Müller hat Anfang Mai das „grüne Abitur“ bestanden. Seine jagdliche Zukunft sieht er in einem Forstrevier bei Winnweiler. Gerade hier könne er die Jagd im Sinne eines angewandten Naturschutzes durch Regulierung der Wildbestände mit ausüben, so der frischgebackene Hubertusjünger. Die aktive Mitwirkung am Naturschutz unter besonderer Berücksichtigung der dem Jagdrecht unterliegen Tiere hat sich jeder der vier „Jungjäger“ zum Ziel gesetzt. In der damit einhergehenden Nutzung der Natur zur Wildbret-Gewinnung sehen sie keinen Widerspruch, wie sie betonen.