Donnersbergkreis Im Lokal „Meister“ fing alles an

90 Jahre Kolpingfamilie, 40 Jahre katholische Frauengemeinschaft: Gleich zwei Jubiläen werden am kommenden Sonntag, 13. Juli, in der Pfarrei Herz-Jesu in Winnweiler gefeiert. Heute und morgen blicken wir auf die Geschichte der beiden kirchlichen Institutionen zurück.
Die Geschichte der Kolpingfamilie hat am 2. Oktober 1924 begonnen: Im damaligen Lokal „Meister“ in der Kirchstraße fand die Gründungsversammlung des „katholischen Gesellenvereins Winnweiler“ statt. Gründungspräses war der Ortspfarrer Geistlicher Rat Ludwig Kolb. Die ersten Jahre waren von rasantem Aufschwung geprägt, Mitglieder kamen auch aus den Filialgemeinden. 1928 wurde in Anwesenheit von 20 Brudervereinen die Fahne geweiht. Neben religiöser Bildungsarbeit und regelmäßigen monatlichen Zusammenkünften lag dem nachfolgenden Präses Dr. Ludwig Stamer besonders die politische Bildung der Jungmänner am Herzen, die er gegen das Anwachsen des Kommunismus und vor allem des Nationalsozialismus gewappnet sehen wollte. Da blieben Repressalien durch die neuen Machthaber nicht aus. Davon war nicht nur die Gruppierung selbst, die sich ab 1933 nach dem Gründervater Adolph Kolping „Kolpingfamilie“ nannte, betroffen, was sogar in einem zeitweiligen Versammlungsverbot gipfelte – einige Mitglieder bekamen die Folgen persönlich zu spüren. 1937 wurde dann die Arbeit der Kolpingfamilie ganz verboten. Trotz allem hielt die Gründergeneration an den Idealen Adolph Kolpings fest, getreu dem Schlusssatz des Protokolls der Gründungsversammlung: „Den Zusammenschluss, den wir gefunden haben, wollen wir festhalten und ausbauen, auf dass unser Gesellenverein in der Pflege religiöser Gesinnung, beruflicher und allgemeiner Fortbildung ein Werk sei, das uns allen am Herzen liegt.“ So überdauerte das Werk des Begründers das „Tausendjährige Reich“ Hitlers – und trotz tiefer Wunden, die der Zweite Weltkrieg in die Reihen der Kolpingsöhne geschlagen hatte, wurde 1946 mit frischem Mut wieder mit der Arbeit begonnen. Am 8. Dezember wurden 13 junge Männer per Handschlag und mit Unterschrift von Präses Pfarrer August Bettinger in die Kolpingfamilie aufgenommen. Drei von ihnen sind bis heute am Leben und dem Werk Kolpings treu geblieben! Wallfahrten, Jugendabende, Theaterspiel und Zeltlager sowie regelmäßige Zusammenkünfte vereinte die Kolpingbrüder im Gebet und frohen Beisammensein. Von 1959 bis 1968 wurde jedes Jahr eine öffentliche Kappensitzung abgehalten. Ferner war zwischen 1930 und dem Kriegsbeginn 1939 sowie nach Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit von 1946 bis 1957 eine eigene Musikkapelle aktiv. 1970 wurde eine Tennisabteilung gegründet, die jedoch Ende 2005 ihren Betrieb einstellen musste. 1973 ist mit 18 jungen Leuten eine Jungkolpinggruppe gebildet worden. Prägende, unvergessliche Persönlichkeiten der Kolpingfamilie waren Fritz Eberhardt, Gründungsmitglied und bis zu seinem Tod 2004 im Alter von 97 Jahren der Organisation in Treue verbunden, und der 1994 verstorbene Adam Geißler. Dieser war „Motor der Kolpingfamilie“ nach deren Wiederbelebung 1946 – „ohne ihn wäre die Kolpingfamilie Winnweiler nicht denkbar“, sagte einst sein Nachfolger im Amt des Vorsitzenden, Thomas Müller. Der im Februar verstorbene Müller war selbst über viele Jahre „das Gesicht“ der Gemeinschaft. Mit großem persönlichen Einsatz widmete er sich der Aufgabe, das Gedankengut Adolph Kolpings zu pflegen und weiter zu tragen. Zehnmal, von 2000 bis 2009, organisierte er einen jährlichen Kolpingbegegnungstag mit kompetenten Rednern zu wechselnden aktuellen Themen. Unermüdlich leitete er viele Hilfsaktionen in die Wege, zunächst für Menschen in Ostdeutschland und -europa, später zunehmend für die Aktion Brasilien des Diözesenverbandes. Die finanziellen Mittel dazu wurden mit einem jahrelang bei der Johanniskerwe betriebenen Weinstand erwirtschaftet, heute fließt der Erlös aus der seit 1993 durchgeführten Altkleider- und Schuhsammlung in diese Aktion. Als 1988 das Pfarrheim Herz-Jesu errichtet wurde, konnte die Kolpingfamilie 11.000 Deutsche Mark zu den Baukosten beisteuern. Dass sich Kolpingmitglieder stets auch in die Arbeit der Pfarrgemeinde – ob im Verwaltungs- oder Pfarrgemeinderat – einbrachten, ist (fast) eine Selbstverständlichkeit. Aber auch auf politischer Ebene, im Orts- und Verbandsgemeinderat, wurde ihre Mitarbeit geschätzt. Schließlich waren Josef Zöller und Karl Iselborn – in den 1940er bis 1980er Jahren zusammen mehr als vier Jahrzehnte Ortsbürgermeister von Winnweiler – ebenfalls überzeugte Mitglieder. „Lehret sie dankbar sein“, mahnte der Gründervater – dankbar kann die Kolpingfamilie und mit ihr die ganze Pfarrei auf neun Jahrzehnte mit insgesamt über 2000 Veranstaltungen zurückblicken, in ehrendem Gedenken an die geistlichen Leiter und alle, die in dieser Zeit zur Bewältigung der gestellten Aufgaben und dem Fortbestand der Organisation ihren Beitrag geleistet haben. Und so darf auch der kürzlich neu gewählte Vorstand mit Markus Schreiber an der Spitze – trotz gegenwärtig rückläufiger Mitgliederzahl – mit verhaltenem Optimismus in das kommende Jahrzehnt bis zum „großen“ Jubiläum blicken. (rm)