Donnersbergkreis Hitze, Lärm und Giftstoffe: Wie die Umwelt das Herz bedroht

Der Kamin raucht, unten brennt ein Holzofen und oben kommt Feinstaub raus.
Der Kamin raucht, unten brennt ein Holzofen und oben kommt Feinstaub raus.

Die Pfälzer Kardiologin Tanja Brenzel erklärt, warum Umweltbelastungen auch im ländlichen Raum ein Gesundheitsrisiko sind und wie Prävention aussehen sollte.

Frau Brenzel, wie relevant sind Umweltfaktoren wie Lärm, Feinstaub, Hitze und Chemikalien für Ihre Arbeit als Kardiologin gerade hier auf dem Land?
Der Donnersbergkreis ist ländlich geprägt, weshalb die städtischen Umweltfaktoren Lärm und Hitze eine etwas geringere Rolle spielen. Aber auch wir haben Ortschaften, die nah an einer Autobahn oder viel befahrenen Bundesstraßen liegen, sodass hier Lärmbelastung eine Rolle spielt. Stellenweise tritt auch Fluglärm auf, da anteilig die Einflugschneise des Militärflughafens Ramstein über den Donnersbergkreis führt. Lärmquellen sind neben dem Straßenverkehr auch der Schienenverkehr. In kleinem Maßstab gibt es Firmen, die in der chemischen Industrie arbeiten; Chemikalien werden in der Landwirtschaft und im Weinbau als Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Feinstaub spielt natürlich im Donnersbergkreis eine Rolle; neben dem Verkehr gibt es hier noch in vielen Privathaushalten Öfen, die mit Holz beheizt werden.

Erwarten Sie, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Umweltstressoren in den kommenden Jahren bei uns eher zunehmen werden?


Ich glaube, dass aktuell schon ein hohes Maß an Erkrankungen auf unser „modernes“ Leben zurückzuführen ist: Stress, Hektik, Schlafmangel, schlechter Schlaf, Lärm und Umweltgifte nehmen zu. Diese zu erkennen und Maßnahmen dagegen zu ergreifen, stellt einen großen Anteil an zukünftiger Gesundheit dar. Jeder Einzelne, aber auch die öffentliche Hand, sollte hier im Interesse unserer Gesundheit und der Gesundheit zukünftiger Generationen zusammenarbeiten.

Welche dieser Belastungen beobachten Sie in Ihrer Praxis am häufigsten bei Patienten, welche Symptome der Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten dabei verstärkt auf?
Das ist eine gute Frage, die schwierig zu beantworten ist, da die verschiedenen Umweltbelastungen nicht immer direkt bei der ersten Vorstellung in unserer Praxis ersichtlich sind. Im Sommer sehen wir tatsächlich häufiger, dass Patienten Kreislaufprobleme haben und zum Teil auch mit Symptomen eines Sonnenstichs, Austrocknung, Kollaps oder Bewusstlosigkeit zu uns zur Abklärung in die kardiologische Praxis kommen.

Ramstein-Airbase: Der Donnersbergkreis liegt teilweise in der Einflugschneise – der Lärm kann für das Herz belastend sein .
Ramstein-Airbase: Der Donnersbergkreis liegt teilweise in der Einflugschneise – der Lärm kann für das Herz belastend sein .

Wie wirkt sich zunehmende Hitze durch den Klimawandel in unserer Region auf Herzpatienten aus?
Hitzebelastung wird durch unseren Klimawandel in Zukunft sicherlich ein größeres Thema in der Medizin darstellen. Durch heiße und trockene Sommer kann es vor allem in sehr eng bebauten Regionen zu gefährlichen Hitzestaus und Smog kommen. Daher sind moderne Architektur und Städteplanung wichtig, damit grüne Oasen in Städten dafür sorgen, dass es nicht zum Hitzestau kommt. Hier auf dem Land sind erfreulicherweise noch große Flächen unbebaut; dies sollte jedoch auch zukünftig immer wieder überdacht werden, wenn Neubauten anstehen. Weniger versiegelte Flächen, weniger Steingärten und eine Rückkehr zur Natur sind wichtig, um Hitzeerkrankungen zu vermeiden. Gerade bei starker Hitze und Hitzewellen – wenn Abkühlung auch in der Nacht ausbleibt – kann es zu Austrocknung bei Herzschwäche kommen, zu überschießender Wirkung der Medikamente, zu Durchblutungsstörungen, Herzrhythmusstörungen und Kollapsereignissen.

In einer neuen Studie ist die Rede davon, dass eine Kombination von mehreren Umweltbelastungen besonders schädlich ist. Was bedeutet das für uns?
Wichtig ist zunächst, dass die Umweltbelastung klar ist, damit sie vermieden werden kann. Also, dass der Lärm auch als solcher ersichtlich ist, dass klar ist, dass der alte Holzofen Feinstaub ausstößt, dass die Landwirte und Winzer Lärm ausgesetzt sind, daher mit Gehörschutz Traktoren und Maschinen bedienen und achtsam mit Chemikalien und Pflanzenschutzmitteln umgehen.

Wie kann sich jeder schützen?
Beim Thema Lärm sind bauliche Maßnahmen des Schallschutzes ein Thema. Ebenso sind dichte, abdunkelbare Fenster wichtig: Sie sparen Energie und lassen uns gesünder im Dunkel schlafen, weil zu viel Licht in der Nacht die innere Uhr und den wichtigen, erholsamen Schlaf stört. Auch das Handy als permanente Lichtquelle im Schlafzimmer kann störend wirken. Durch moderne Ofentechnologie und das richtige Heizen kann die Feinstaubbelastung gesenkt werden. Die Kreisverwaltung bietet hier zur Schulung sogar den sogenannten „Ofenführerschein“ an.

Der Feinstaub wird oft mit urbanen Zentren und Industrie verbunden. Welche Feinstaubquellen sind im Donnersbergkreis relevant?
Die Feinstaubquellen im Donnersbergkreis unterscheiden sich nicht sonderlich von den Quellen, die auch für das gesamte Bundesland zutreffen. Kraftfahrzeuge verursachen Feinstaub durch Abgase, Abrieb von Reifen und Bremsen; auch Straßenstaub wird beim Fahren aufgewirbelt. Im Donnersbergkreis gibt es etwa 685 Pkw pro 1000 Einwohner; das liegt etwas über dem Durchschnitt des Bundeslandes. Durch unsere ländliche Prägung und den weniger gut verfügbaren öffentlichen Nahverkehr als zum Beispiel in der Landeshauptstadt Mainz wird viel Auto gefahren, das Auto ist hier wichtig und wird gebraucht. Vor allem jetzt in der Winterzeit spielen Heizungen und Öfen eine wesentliche Rolle. Einen geringeren Anteil haben hier die Industrie und das Gewerbe; zum Teil gibt es auch im Donnersbergkreis Steinbrüche, die Feinstaub und Verwirbelungen freisetzen.

Landwirtschaft im Klimawandel: trockene Böden, Staubentwicklung und hohe Temperaturen setzen auch dem Herz zu.
Landwirtschaft im Klimawandel: trockene Böden, Staubentwicklung und hohe Temperaturen setzen auch dem Herz zu.

Was raten Sie aus Sicht einer Kardiologin?
Sinnvoll wäre es, das Auto so oft wie möglich stehen zu lassen und das nicht allein wegen des Feinstaubs. Sicherlich wäre ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs auch in sehr ländlichen Regionen wichtig. Moderne Heizanlagen und Wärmepumpen helfen, die Feinstaubemissionen zu reduzieren; der genannte „Ofenführerschein“ und ein moderner Holzofen helfen ebenso.

Sind Umweltgifte wie Pestizide oder Schwermetalle eher ein theoretisches Problem, oder begegnet Ihnen das in der Praxis tatsächlich bei Blutuntersuchung und Diagnose?
Da wir hier in der landwirtschaftlich geprägten Region viele Menschen – wie Landwirte oder Winzer – haben, die beruflich mit Pestiziden, aber auch Schwermetallen in Kontakt kommen, ist es theoretisch auch im Blut und Urin nachweisbar. Tatsächlich begegnet mir das in meiner täglichen Praxis nicht; auch führen wir diesbezüglich in unserer kardiologischen Praxis keine gezielten Untersuchungen durch.

Wenn Sie an die Infrastruktur und Stadtplanung im Donnersbergkreis denken: Wo würden Sie ansetzen, um gesundheitlich schädliche Umweltbelastungen zu senken?
Um die Feinstaubbelastung durch den Verkehr zu senken, wäre ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs auch in kleinen Ortschaften und auch am Wochenende nötig. Die Förderung von Elektroautos auch im ländlichen Raum mit entsprechender Infrastruktur von Ladesäulen könnte ebenfalls zu geringerer Feinstaubemission beitragen. Bei zukünftiger Planung sollten Autobahnen, auch Autobahnzubringer, Schnellstraßen und Schienenverkehr – wenn möglich – nicht zu nah an die Bebauung und damit an die Menschen herangeführt werden. Bei schon bestehender Bebauung in der Nähe von Lärmquellen sollte es zur Förderung von Lärmschutzmaßnahmen kommen. Zum Teil haben in der Vergangenheit – nach meiner Recherche – auch Anwohner eine Förderung zum Schutz vor Lärm vor der A63 erhalten. Dies ist wichtig und sollte auch zukünftig möglich sein. Eine Bebauung im öffentlichen Raum sollte zudem das Ziel haben, weniger zu versiegeln, mehr Grün im Zentrum zu haben und somit kühlende Oasen auch in den Städten im Donnersbergkreis zu ermöglichen.

Die Kardiologin Tanja Brenzel spricht über die Auswirkungen von Umweltfaktoren auf Herz und Kreislauf.
Die Kardiologin Tanja Brenzel spricht über die Auswirkungen von Umweltfaktoren auf Herz und Kreislauf.

Würden strengere Grenzwerte für Lärm, Feinstaub und Chemikalien in unserem Landkreis tatsächlich messbare gesundheitliche Verbesserungen bringen?
Diese Frage ist für mich als Kardiologin schwierig zu beantworten; zumindest das Einhalten der bestehenden Grenzwerte und auch die Überprüfung derselben sollte gewährleistet werden. Meines Wissens gibt es keine feste Messstation für Feinstaub und Lärm des Landesamtes für Umwelt Rheinland-Pfalz im Donnersbergkreis, sicher auch, da der Kreis nicht als Hotspot oder Ballungsraum gilt.

Können Sie noch drei Tipps geben, was jeder jeden Tag für sein Herz Gutes tun kann?
Das ist keine Raketenwissenschaft: Ein erholsamer Schlaf, Bewegung, gute Ernährung und wenig Stress. Das waren jetzt vier, aber unser Herz dankt es uns.

Zur Person

Dr. med. Tanja Brenzel wohnt und arbeitet im Donnersbergkreis und ist Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie mit langjähriger Erfahrung in nicht invasiver und interventioneller Kardiologie sowie spezieller Rhythmologie. Sie studierte und promovierte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und erhielt 2007 ihre Approbation. Ihre Weiterbildung absolvierte sie in Innerer Medizin, allgemeiner und invasiver Kardiologie sowie Elektrophysiologie – in Bad Kreuznach (Diakonie Krankenhaus) und Kaiserslautern (Westpfalzklinikum). Von 2017 bis 2024 war sie Oberärztin in der nicht invasiven und invasiven Kardiologie am Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach und baute dort eine elektrophysiologische Untersuchungseinheit mit auf. Parallel arbeitete sie ab 2020 in einer kardiologischen Praxis in Rockenhausen, wurde 2022 Mitgesellschafterin und ist seit 2025 in Vollzeit am Herz und Gefäßzentrum Rhein Nahe Pfalz an den Standorten Rockenhausen und Bad Kreuznach tätig.

Info

Verkehrslärm, Feinstaub, Hitzewellen und chemische Schadstoffe wie Pestizide oder PFAS erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich und sind noch gefährlicher, wenn sie gleichzeitig auftreten. Das zeigt eine aktuelle Übersichtsarbeit eines internationalen Forschungsteams mit Beteiligung der Universitätsmedizin Mainz. Die Forschenden warnen vor dem sogenannten Multimodalen Exposom, also der kombinierten Belastung durch mehrere Umweltfaktoren, die sich gegenseitig verstärken und Herzinfarkt sowie Schlaganfall begünstigen können. Professor Thomas Münzel, 70, war 19 Jahre Leiter des Zentrums für Kardiologie der Mainzer Universitätsmedizin und lebt selbst in der vom Fluglärm belasteten Mainzer Oberstadt. Seine persönliche Erfahrung mit Umweltstressoren motiviert seine Forschung.

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