Ottersheim Gelungener Auftakt in Jubiläumsjahr

Ottersheim ist ein kleines Dorf mit reicher Geschichte – und einer großen Kirche. St. Amandus, der „Dom des Violentals“, ist das
Ottersheim ist ein kleines Dorf mit reicher Geschichte – und einer großen Kirche. St. Amandus, der »Dom des Violentals«, ist das Wahrzeichen der Gemeinde.

Viel Engagement, Begeisterung und Kreativität haben die Ottersheimer in das 1250. Jubiläum ihres Dorfes gesteckt. Umso mehr freuten sich die Bürger der 360-Einwohner-Gemeinde sm Sonntag über den gelungen Auftakt des Festprogramms. Und im Verlauf der Veranstaltung wurde dann sogar das am besten gehütete Geheimnis der Feierlichkeiten gelüftet.

Begonnen hat die Veranstaltung im Hof der katholischen Kirche mit einem ökumenischen Gottesdienst, beschlossen wurde sie nach dem Festakt mit einem musikalischen Feuerwerk. Die Ottersheimer waren sichtlich froh und stolz über den guten Start ins Jubiläumsjahr. Apropos: Der tatsächliche Geburtstag des Dorfes es zwar nicht – aber am 15. März 772 wurde Ottersheim mit einer Weinbergsschenkung an das Lorscher Kloster nach heutigen Kenntnissen zum ersten Mal in dessen Codex erwähnt. Menschen könnten hier aber schon in der Jungsteinzeit gelebt haben, denn ein steinerner Pflug – gefunden in der Rüssinger Gemarkung – ist etwa 6000 Jahre alt. Außerdem gibt es Zeugnisse aus der Kelten- und Römerzeit.

Ortsbürgermeister Rüdiger Kragl zeigte sich erfreut darüber, dass man ganz nah am Jubiläumstag und dem Frühlingsanfang den ersten Programmpunkt des Jahres begehen konnte. Und Landrat Rainer Guth bezeugte in seinem Grußwort seine Verbundenheit mit der Gemeinde: „Als Sohn eines Försters habe ich hier meine erste Fuchsjagd erlebt. Und als gelernter Förster möchte ich der Gemeinde ein naturnahes und nachhaltiges Geschenk machen: eine Winterlinde.“ Er hoffe, der Baum werde als Versammlungsort die Bewohner in den nächsten 1250 Jahren zusammenführen, so Guth. Er beglückwünschte ferner die Einwohner zur Entwicklung ihres Ortes: Dieses habe sich immer wieder gewandelt und gehäutet, sei von Verwüstungen verschont geblieben und habe sich als schöner Wohnraum mit einer Top-Lage etabliert.

Antweiler: „Hier lässt es sich gut leben“

Dem pflichtete Steffen Antweiler als Bürgermeister der VG Göllheim und als Rüssinger Ortschef stellvertretend für die Nachbargemeinden bei. „Ich bin großzügiger mit dem Alter, schließlich hatte Ottersheim mit seinen fruchtbaren Böden und dem Wasser schon immer Bedeutung. Es lässt sich gut leben hier, in dieser funktionierenden Gemeinde.“ Auch er hatte ein Präsent mit Langzeitwirkung dabei: eine Baumspende plus eine Bank, die dem Austausch weiterer Erinnerungen dienen und für gute Begegnungen sorgen sollten. Hier könnten die Ottersheimer ja so manchen Wein trinken aus den Gläsern, die Bürgermeister Gerald Job aus Ottersheim an der Weinstraße überbracht hatte.

Für die glanzvolle musikalische Begleitung sorgte Hanna Czarnecka, Opernsängerin und ehemalige Ottersheimer Bürgerin. Einfühlsam trug sie eine mittelalterliche englische Ballade vor, beim lebhaften „Ich folge dem Rauschen der Vögel“ animierte sie das Publikum zum Klatschen. Mit kämpferischem Ausdruck sang sie drei französische Lieder inklusive der Marseillaise, ehe sie ihre musikalische Zeitreise kess mit „Du hast Glück bei den Frauen“ aus den 1920er Jahren beendete.

Wie die Ottersheimer im Mittelalter lebten

Auf die musikalische folgte die historische Zeitreise, kurzweilig dargeboten von Karl-Heinz Büchner. Er ließ die Geschichte des Ortes lebendig werden, indem er der Frage nachging, wie „normale Bürger“ im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gelebt haben. Er geht davon aus, dass die Römer ihre Kultur in der Region implantierten, von der Beschulung der Kinder über den Straßenbau bis hin zu fließendem Wasser in Steinhäusern – das alles bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 40 Jahren. „Diese zivilisatorischen Errungenschaften konnten mit der fränkischen Landnahme nicht gehalten werden und gingen verloren.“

Im Hochmittelalter seien dann die Menschen durchschnittlich nur noch 30 Jahre alt geworden. Hungersnöte, ab 1300 die Pest sowie ab 1500 die Syphilis hätten die Bevölkerung dezimiert. Ottersheim sei davon allerdings weitgehend verschont geblieben, wie auch von Verwüstungen im 30-jährigen Krieg – dafür sei es glücklicherweise zu klein und unbedeutend gewesen. „Aber für die Pfalz war es wahrhaftig kein Zuckerschlecken, nur 40 Prozent der Bevölkerung überlebten die Kriegswirren des 17. Jahrhunderts“, erläuterte Büchner.

Zwei statt zehn Jahre Zeit

Dann lüftete Ortschef Kragl das von ihm bestens gehütete Geheimnis: Er präsentierte die fundierte und hochwertig gestaltete Dorfchronik. 260 Seiten stark ist der reich bebilderte Band „Man sagte uns, es brauche zehn Jahre, um so eine Chronik zu erstellen. Wir hatten aber nur zwei Jahre Zeit“, betonte Kragl. Wie so vieles in diesem Jubiläumsjahr, haben die Ottersheimer auch in dieser AG die Gestaltung und Sammlung selbst in die Hand genommen. Entstanden ist ein Werk voller Reichtümer, das es verdient, sich in Ruhe damit zu beschäftigen. Es enthält Informationen zur Dorfgeschichte, zur Geologie, zu den drei Schulen und ebensovielen Kirchen, die es gab. Es geht ums Gewerbe, um Vereine, um Kuriositäten. Bis hin zur Beschreibung von elf ausgewählten Familien des Ortes. Aus Zeitgründen habe man sich beschränken müssen, betonte Kragl.

Danach ließ Hans-Jürgen Rupp 250 Jahre Ottersheimer Schulgeschichte wiederaufleben. Dreimal sei das Gebäude zu klein geworden – schließlich habe das Dorf um 1800 nur halb so viele Einwohner wie heute gehabt. Die beiden ersten Gebäude befinden sich heute im Privatbesitz, das dritte wurde zum Bürgerhaus umgestaltet.

Bürger als Steinmetze

Am Nachmittag begaben sich viele Besucher zur „Jubiläumsinsel“, dem Buswendeplatz. Das Jahr über werden die Bürger hier gemeinsam an der Gestaltung mitwirken. Sie können unter Anleitung des Bildhauers Wolf Münninghoff an alten Fenstergewänden nach Lust, Laune und Zeit sowie Einbringung eigener Ideen als Steinmetze tätig werden. Die behauenen Steine werden in die Sitzgruppe um den Mühlstein aus der ehemaligen Griesmühle eingebaut. Mit einer Skulptur, die dem Original des Lorscher Codex nachempfunden ist, hat Münninghoff eine Stele bereits fertiggestellt.

Der Ottersheimer Ortsbürgermeister Rüdiger Kragl bei seiner Festrede.
Der Ottersheimer Ortsbürgermeister Rüdiger Kragl bei seiner Festrede.
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