Dannenfels RHEINPFALZ Plus Artikel Geburtshilfe am Limit: Wie Strukturreformen und Personalmangel den Beruf belasten

Seit 2023 begleitet Carolin König in ihrer Dannenfelser Praxis Schwangere mit einem ganzheitlichen Konzept.
Seit 2023 begleitet Carolin König in ihrer Dannenfelser Praxis Schwangere mit einem ganzheitlichen Konzept.

Immer mehr Hebammen verlassen ihren Beruf. Der Personalmangel spitzt sich zu – besonders in ländlichen Regionen. Eine Hebamme erklärt, was das für Schwangere bedeutet.

Die Hebammen in Deutschland stehen unter Druck. Der Reformbedarf ist groß: Personalmangel, gestiegene Arbeitsbelastung und hoher Kostendruck bei vergleichsweise schlechter Vergütung sind nur einige der Probleme.

Hinzu kommt die Strukturreform im Krankenhausbereich. So hat sich allein in Rheinland-Pfalz die Anzahl der Geburtskliniken seit 2009 von 52 auf 27 Standorte verringert. Bei der Vergütung kam es unlängst zu einem Schiedsspruch zwischen dem Krankenkassen-Spitzenverband und den Hebammen-Verbänden.

Ein Teufelskreis entsteht

Hebammen nehmen in der Schwangerschaft und der Familienbetreuung eine Schlüsselrolle ein. Gleichzeitig sind Hebammen durch den vorherrschenden Personalmangel starken Belastungen ausgesetzt. Viele wechseln in der Folge in Teilzeitarbeit oder verlassen ihren Beruf sogar ganz. Es entsteht ein Teufelskreis – die Suche nach einer Hebamme gestaltet sich für viele Schwangere zunehmend schwierig. In ländlichen Gebieten ist das Angebot besonders kritisch.

Wir haben mit Hebamme Carolin König über ihren Berufsstand und ihre Erfahrungen in der Praxis gesprochen. König hat sich vor zwei Jahren als freie Hebamme in Dannenfels niedergelassen. Sie bietet mit einem ganzheitlichen Konzept die häusliche Betreuung Schwangerer bis zum Wochenbett an. Die Auswirkungen der Strukturreform sieht sie für die Patientinnen kritisch: „Der Trend bei den Kliniken geht zu sogenannten Level-1-Häusern mit einer Vollversorgung mit Perinatalzentren“, erklärt König. Für Hochrisikoschwangerschaften ergebe dies Sinn. Bei Frauen mit einer unkomplizierten Schwangerschaft und besonders aus ländlichen Bereichen bedeute dies lange Wege.

Teils drastische finanzielle Einbußen

Kritikpunkte gebe es zudem beim neuen Vergütungssystem. Hier seien die Beleghebammen mit teils drastischen finanziellen Einbußen die eindeutigen Verliererinnen. Positiv sei, dass damit das Konzept der sogenannten Eins-zu-Eins-Betreuung in hebammengeleiteten Kreißsälen gefördert würde. „Das ist ein toller Gedanke und ein Qualitätsmerkmal für eine Klinik, das Familien viel Sicherheit bietet“, erklärt sie. Das Konzept sieht die Betreuung bei komplikationsfreien Schwangerschaftsverläufen ausschließlich durch Hebammen vor.

Aus Erfahrung weiß König: „Es ist einfach ein besseres Erleben für Mutter und Kind, wenn man eine einzelne Hebamme kontinuierlich unter der Geburt bei sich hat“, sagt sie. Einen hebammengeleiteten Kreißsaal biete auch das Westpfalz-Klinikum in Kirchheimbolanden und sei damit erfolgreich. „Es hat viele positive Effekte, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der nur den Fokus auf mich hat“, sagt König und ergänzt: „Man weiß auch, dass weniger Schmerzmittel zum Einsatz kommen und weniger Interventionen nötig sind.“ Die vollständige Etablierung des Systems sei jedoch noch nicht ausgereift: Es gebe schlicht nicht genügend Kolleginnen, die dies stemmen könnten.

Große Nachfrage nach Rückbildungskursen

Eine weitere negative Auswirkung beobachtet König am Beispiel der nachgeburtlichen Rückbildungsgymnastik: „Das anzubieten ist für eine Hebamme mit dem Risiko eines Verdienstausfalls verbunden und finanziell daher schwer zu stemmen“, sagt sie. Die Nachfrage für die Kurse sei immens. Im Donnersbergkreis könnten sie und ihre Kolleginnen das Angebot kaum decken, bedauert König die Situation.

Einen positiven Effekt bescheinigt Carolin König indes der Akademisierung ihres Berufsstandes. „Diese ist wirklich vorangeschritten. Wir brauchen wissenschaftlich fundierte Argumente und eine Forschung, die wirklich hebammenspezifisch ist. Damit können wir unseren Berufsstand auf ein neues Niveau bringen“, sagt sie. Sie wisse von anderen Hebammen, dass diese sich noch einmal für ein nachträgliches Bachelor-Studium entscheiden würden. Mit einem Masterstudium könne man zudem die Qualifikation als „Familienhebamme“ erlangen. König selbst hat ihre Ausbildung im dualen Studium absolviert.

„Viele Familien in wirklichen Nöten“

Die emotionale Arbeit, die von den Hebammen „mit nach Hause genommen“ würde, sei nicht zu unterschätzen. „Es geht nicht nur um die körperliche Arbeit, eine Geburt zu begleiten“, erläutert sie. Seit der Corona-Zeit beobachte sie, dass es viele Familien gebe, die wirkliche Nöte erlebten: „Das drängt sich immer mehr in den Vordergrund bei der Betreuung durch die Hebamme. Es gilt, zu schauen, wo kann ich frühe Hilfen finden, um die Familien gut aufzustellen“, weiß sie.

Ein modellhaftes Lernen von Ländern wie beispielsweise Schweden hält Carolin König für gleichermaßen sinnvoll. Hebammen sind dort mit größeren Kompetenzen ausgestattet. Das System wird als effizienter beschrieben. Die Kosten sind niedriger, die Kaiserschnittrate geringer.

Familien sollen sich sicherer fühlen

„Das Thema Wochenbett wird allgemein immer noch sehr romantisiert in der Gesellschaft. Es gilt, nicht nur zu schauen, ob das Baby gut zugenommen hat“, sagt sie und erklärt weiter: „Die Hauptarbeit dreht sich darum, den Familien dabei zu helfen, sich von Woche zu Woche sicherer zu fühlen. Es ist nun mal für Mutter und Kind alles ein wilder Ritt“, beschreibt sie ihre Erfahrung. „Und die Geburt ist nun mal ein Prozess, der einer Aufmerksamkeit und einer Individualität bedarf. Und das ist leider nicht überall gegeben“, sagt König.

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