DonnersbergkreisGauersheim und die AfD: Ein Dorf kommt nicht zur Ruhe
Anschuldigungen, Vorwürfe, Misstrauen: Im 682-Einwohner-Dorf Gauersheim sind die Menschen gespalten, seitdem die AfD ihren »Treffpunkt Nordpfalz« hier errichtet hat.
Eine Ratssitzung eskaliert, der Sportverein zieht sich aus dem Dorfleben zurück, der Bürgermeister gerät unter Druck – und die AfD ist erstaunlich leise. Wie geht’s weiter?
Das Dorfgemeinschaftshaus in Gauersheim, dieses schmucke Häuschen mit Fachwerkcharme, ist ein friedlicher Ort. Hier treffen sich Bürger zu Veranstaltungen, Feiern, Besprechungen, Ratssitzungen. Für gewöhnlich laufen die Gemeinderatssitzungen ab, wie Gemeinderatssitzungen in Dörfern eben ablaufen: kurze Tagesordnungen, sachliche Diskussionen, Einigkeit drinnen, kaum Aufmerksamkeit von draußen. Nach einer Stunde ist vieles gesagt, getan, geregelt. Anfang Februar jedoch findet hier eine denkwürdige Zusammenkunft statt. Am Ende läuft sie fast aus dem Ruder.
Ungewohnt viele Besucher sind da, unter ihnen ein Mitglied des Verbandsgemeinderates und eine Journalistin der „Süddeutschen Zeitung“, die seit Wochen in und um Gauersheim recherchiert. Das Gremium handelt die Themen der regulären Tagesordnung – E-Ladestationen, Fahrbahnschwellen, Unterstellmöglichkeit an der Bushaltestelle – ohne großes Tamtam ab. Dann erhebt sich Ortsbürgermeister Reiner Schlesser, er will ein Missverständnis auf- und erklären.
Schlesser hatte in einem Interview mit der RHEINPFALZ Anfang November 2025 verlauten lassen, dass er sich um ortsansässige Vereine sorge, speziell um die Fußballer der SpVgg 1946 Gauersheim, ein Aushängeschild der Gemeinde. Schlesser fürchtete, Rechtsextreme würden den Verein unterwandern, seitdem die AfD so präsent im Ort ist. Er wollte sensibilisieren und sagte wörtlich:
„Das ist historisch bedingt. Dort tummelten sich schon immer mehr Rechtsextreme. Und die geben das Gedankengut in die Familien weiter. Mit dem Vorsitzenden der Spielgemeinschaft konnte ich noch nicht reden, würde das aber gern. Ich will wissen, ob sie Hilfe brauchen, zum Beispiel vom DFB, der eine eigene Abteilung hat, um gegen rechte Strömungen zu intervenieren.“
Schlessers Behauptung löste eine Welle der Empörung aus, der Sportverein fühlte sich in eine Ecke geschubst, in der er nicht stehen möchte und nicht verortet werden will. Das Verhältnis zwischen Bürgermeister und Spielvereinigung ist seither tief zerrüttet und geprägt von Vorwürfen, Verletzungen, Misstrauen. Der Verein zieht daraus seine Konsequenzen – und sich aus dem Dorfleben zurück. Er hat die Kinder-Fasnachtsfeier und das Fest zum 1. Mai abgesagt, beide Veranstaltungen richtete die SpVgg über Jahre hinweg aus. Nun sterben Traditionen, Geselligkeit, Zusammenhalt.
Steht wie ein Fels in der Brandung und will zusammenführen statt spalten: Ortsbürgermeister Reiner Schlesser, 68, vorm Dorfgemeinschaftshaus.
Kai Steuerwald und Patrick Schmitt vom Vorstand der Spielvereinigung wehren sich massiv gegen Schlessers Aussagen und weisen sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ „komplett zurück“. Die Behauptungen seien pauschal und unbelegt. „Die Spielvereinigung ist ein politisch neutraler Sportverein, so wie es dem Selbstverständnis eines gemeinnützigen Vereins entspricht“, sagen sie. Politische Einflussnahme werde nicht geduldet. „Seit Jahrzehnten steht unser Verein für Integration, Vielfalt, Offenheit und Zusammenhalt, unabhängig von Herkunft, Nationalität, Religion oder politischer Überzeugung“, wird Steuerwald deutlich. Er sei enttäuscht, der ganze Klub beschädigt. „Bei uns wird doch Jugendarbeit großgeschrieben, wir integrieren Migranten – und sind vom DFB für Fair Play ausgezeichnet worden.“ Von rechter Unterwanderung könne keine Rede sein. „Das gibt es bei uns nicht!“ Die Falschbehauptung müsse richtiggestellt werden.
In der Orts-App und beim Neujahrsempfang der Gemeinde hat sich Schlesser bereits entschuldigt, teilweise revidiert und betont, wie wichtig die SpVgg für die Gemeinde ist. Den Vertretern des Fußballvereins reicht das nicht. Sie pochen auf konkrete Formulierungen und verlangen die Veröffentlichung der Entschuldigung auch in der RHEINPFALZ. Ein paar Tage später schickt Schlesser eine E-Mail an die Redaktion mit den Worten, die der Sportverein wünscht.
»Unsere Dorfmitte«: Rund 100 Besucher und Innenminister Michael Ebling waren vor einer Woche zur Eröffnung der Fotoausstellung »Gesicht zeigen für Demokratie« gekommen.
An jenem Februarabend also will Reiner Schlesser die Gemüter erneut beruhigen, seinen Beitrag zum Dorffrieden leisten und öffentlich kundtun, dass er sich in dem Interview missverständlich ausgedrückt habe. Eigentlich habe er nur externe Hilfe empfehlen wollen, damit die AfD sich nicht im Sportverein einniste. Bekanntermaßen ist es eine Strategie der Partei, im ländlichen Raum unter dem Deckmäntelchen von Gemeinschaft, Solidarität und Zusammenhalt Fuß zu fassen und (junge) Sympathisanten anzuwerben.
In der Sitzung kochen die Emotionen hoch, es wird hitzig und garstig zwischen Schlesser, Ratsmitgliedern und Zuschauern, die offensichtlich mehrheitlich auf der Seite der Fußballer stehen. Menschen im Raum attackieren, echauffieren und beschimpfen sich. Anklagen und Vorwürfe fliegen wie Pingpong-Bälle hin und her. Voller Wut und Wucht.
„Schmeiß doch den Sportverein raus“, ruft einer.
Oder: „Du hast uns einen gewaltigen Imageschaden eingebrockt.“
„Lügner!“
„Hetzer!“
„Diese schlimme Entwicklung im Ort ist deine Schuld!“
Nach einer halben Stunde, als die Redner lauter, Argumente unfairer, Worte unversöhnlicher und der Hass immer offensichtlicher werden, beendet Reiner Schlesser kurzerhand die Gemeinderatssitzung. Er ertrage den „Terror“ nicht mehr. In den vergangenen Wochen sei alles noch viel schlimmer geworden, die persönlichen Anfeindungen und Diffamierungen.
Terror, Hass, Hetze: Sie prägen Gauersheim seit dem Sommer 2025, seit die AfD in einem ehemaligen Gasthaus im Ort ihren „Treffpunkt Nordpfalz“ eröffnet hat. Das Dorf ist deshalb gespalten wie kaum eine andere Gemeinde, der Riss zieht sich durch Ort, Familien, Freundeskreise. Nichts ist mehr wie früher. Aus Zusammenhalt wurde Zerrüttung.
Sportplatz in Gauersheim: Der Vorstand des Fußballvereins wehrt sich gegen die »haltlose Behauptung«, der Klub sei von Rechtsextremen unterwandert.
Der gebürtige Saarländer Reiner Schlesser, 68, parteilos, seit elf Jahren Bürgermeister, Vorsitzender im Gesangsverein, kämpft unermüdlich für sein Dorf, für Zusammenhalt, für Demokratie – und gegen die AfD. Dass er nicht einknickt und alles hinwirft, verwundert manche im Dorf. Von Zivilcourage ist nicht allzu viel zu spüren; wenige stärken dem Ortschef den Rücken. Doch Schlesser nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, deutlich zu machen, dass er die Partei und ihren Einfluss für gefährlich hält. Er will sie nicht in seiner Gemeinde dulden.
Genauso wenig will das Tilo Hausmann. Er hat vergangenen November mit einigen Gauersheimern eine Bürgerinitiative (BI) ins Leben gerufen. „Wir müssen das Dorf beruhigen“, wünschte sich Hausmann damals. Gelingen sollte die alte neue Normalität mit Aktionen für die Bürger. Motto: kleine Schritte, große Wirkung. Doch: „Die BI ist schon wieder tot“, sagte Hausmann nun vor wenigen Tagen etwas ernüchtert. Kurz darauf revidierte er sich, die BI sei nur „eingeschlafen“. Die Menschen, die sich engagieren wollten, würden sich zurückziehen. Warum? „Vermutlich aus Angst“, glaubt Hausmann. Er bleibe dennoch am Ball, wolle ermutigen, als Ansprechpartner fungieren und Aktionen wie Argumentationstraining anbieten.
Stille in der heißen Wahlkampfphase
Schlesser und seine Verbündeten wissen: Die AfD wird bleiben. Auch wenn es in Gauersheim gerade etwas still um sie geworden ist. Trotz der heißen Phase im Landtagswahlkampf finden bis Ende März im „Treffpunkt Nordpfalz“ keine Veranstaltungen statt. AfD-Gemeinderatsmitglied Jens Ott erklärt das so, als würde die Partei ihren Beitrag zum Dorffrieden leisten. „Wir haben alles abgesagt“, erklärt er. Damian Lohr, Direktkandidat im Donnersbergkreis, spricht später von einem „Kommunikationsfehler“. „Es waren in der Wahlkampfzeit keine Veranstaltungen geplant, dementsprechend gab es nichts abzusagen.“ Die Räumlichkeiten in Gauersheim seien für Events wie die mit den Bundesvorsitzenden Alice Weidel oder Tino Chrupalla zu klein, da man sich in einer Größenordnung von 300 bis 1000 Besuchern bewege. Laut Bauamt der Kreisverwaltung liegt die Anzahl der zulässigen Personen, die sich im „Treffpunkt Nordpfalz“ versammeln dürfen, deutlich darunter – bei 96. Würden mehr Menschen kommen, verstoße das gegen geltendes Nutzungsrecht. Eine Änderung der Genehmigung sei nicht beantragt oder erforderlich, so die Kreisverwaltung auf Anfrage.
Nach RHEINPFALZ-Informationen zeigt die AfD allerdings weiterhin Interesse an der deutlich größeren Mehrzweckhalle im Ort. Bürgermeister Schlesser hatte durch eine Satzungsänderung erwirkt, dass diese für parteipolitische Veranstaltungen gesperrt wird.
Die Halle liegt direkt am Sportplatz der SpVgg 1946 Gauersheim.
»Die Wunden sind noch nicht verheilt«: Tilo Hausmann, Mitbegründer der Bürgerinitiative.