Donnersbergkreis
Ein Riss durch Ort und Familien: Wie die AfD ein Dorf spaltet
„Wir wollen doch nur Frieden im Ort“, sagt Tilo Hausmann, obwohl niemand von Krieg spricht. Aber durch Gauersheim zieht sich ein tiefer Graben, das Dorf ist seit Monaten gespalten, die Fronten sind verhärtet. Hier AfD-Anhänger und -Sympathisanten, dort alle anderen. Der Riss geht durch Familien und Freundeskreise, Menschen distanzieren sich voneinander, meiden dieselbe Straßenseite, es wird mehr übereinander als miteinander geredet. Wo früher Zusammenhalt war, da ist jetzt Zerrüttung.
Das soll sich wieder ändern – mit einem neuen Slogan: „Gauersheim verbindet“. Mitte November gründeten Tilo Hausmann und ein kleiner Kreis von sechs Personen eine neue Bürgerinitiative (BI). Zum harten Kern gesellen sich noch ein paar mehr, die versuchen wollen, das Gemeinwohl wieder in den Mittelpunkt zu rücken. „Wir müssen das Dorf beruhigen“, sagt Hausmann. Gelingen soll die alte neue Normalität mit Aktionen für die Bürger. Motto: kleine Schritte, große Wirkung. Seniorennachmittage, Veranstaltungen mit Vereinen, zum Beispiel von und für die Landfrauen oder auf dem Sportgelände. „Das wird kein 100-Meter-Sprint, sondern ein Marathon“, wirbt Hausmann um Geduld. Die Bürgerinitiative sei eine Orts-BI und keine politische; sie organisiere keine Demos und keine Proteste. Sie will „Zufriedenheit schaffen“, sagt Hausmann und erzählt, dass viele Menschen auf dem Land unzufrieden seien, weil zum Beispiel der Verkaufsstand der Bäckerei weggebrochen ist. Und wer unzufrieden ist, der tendiere nach rechts, glaubt Hausmann. Dialog könne helfen.
Tilo Hausmann ist der, der für den 3. Oktober zum Bürgerdialog auf den Dorfplatz eingeladen hatte. Die Veranstaltung eskalierte, AfD-Anhänger sprengten das Event, es kam zu Handgreiflichkeiten und verbalen Attacken, die Polizei musste einschreiten, vier Tage später kam Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) nach Gauersheim. „Ein Desaster“, nennt es Hausmann. „Ich hatte als Veranstalter die Verantwortung – und dann passiert sowas.“ Er ist noch immer fassungslos: „Die Wunden müssen erstmal heilen.“
Hausmann, von Berufs wegen IHK-Ernährungscoach und Entspannungspädagoge, saß Ende der 1990er-Jahre im Gemeinderat und parteilos für Bündnis 90/dieGrünen im VG-Rat Kirchheimbolanden. Zuletzt lebte er zurückgezogen. Die Situation in seinem Heimatdorf habe ihn wachgerüttelt, sagt er. Nun geht er auf die Vereine zu, will Vertrauen gewinnen, Haltung zeigen, die Gräben zuschütten.
Unterlassungserklärung für den Bürgermeister
Wie auch Reiner Schlesser, 68, parteilos, seit elf Jahren Bürgermeister, der seit Monaten für seine Gemeinde kämpft, für die Demokratie und Zusammenhalt. Er hat keine leichte Zeit, ist Ablehnung, Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt. Nun unterschrieb er auch noch eine Unterlassungserklärung. Er darf nicht mehr behaupten, dass bei der Veranstaltung am 3. Oktober einer jungen Frau aus dem Ort sexuelle Gewalt angedroht wurde. Damian Lohr, AfD-Direktkandidat für die Landtagswahl 2026, besteht darauf, dass das publik wird. Schlesser, die AfD und gerichtliche Auseinandersetzungen: Das ist nun schon ein Buch mit mehreren Kapiteln. Der 68-Jährige wehrt sich, die Partei schlägt zurück.
Zuletzt zerrte die AfD ihn vor das Verwaltungsgericht in Neustadt, weil er Anfang des Jahres ein Wahlplakat abgehängt hatte. Das Gericht wies die Klage ab und Schlesser sagt: „Ich habe schon Angebote bekommen, mich finanziell bei den Anwaltskosten zu unterstützen, wenn das so weitergeht.“ Klein beigeben oder den Ort sich selbst überlassen, das ist für ihn keine Option. Schlesser will der Fels in der Brandung bleiben, egal wie hoch die Wellen schlagen. Ein bisschen mehr Unterstützung würde er sich aber wünschen – von Nachbargemeinden, Mandatsträgern, Bürgern.
Bestürzung beim örtlichen Fußballverein
Statt gemeinschaftlichen Engagements herrschten beim hiesigen Fußballverein, der SpVgg 1946 Gauersheim aus der B-Klasse, in den vergangenen Wochen allerdings eher Empörung, Entsetzen und Enttäuschung. Denn Ortschef Schlesser hatte in einem Interview mit der RHEINPFALZ behauptet, dass der Verein von rechten Gruppierungen unterwandert werde. „Dort tummeln sich schon immer Rechtsextreme. Und die geben das Gedankengut in die Familien weiter“, sagte er. So habe er das jedoch nicht gemeint, teilte Schlesser später nochmal explizit mit, er habe sich missverständlich ausgedrückt. Vielmehr mache er sich Sorgen, wolle mahnen und sensibilisieren, für Wachsamkeit plädieren und Hilfe anbieten – und nicht pauschal (ver-)urteilen. Die Trainer sollten aufpassen, um eine Unterwanderung zu verhindern. Schlesser empfahl dem Vorstand, sich an den DFB zu wenden, weil es dort Experten dafür gebe. Gauersheim wäre schließlich nicht das erste Dorf, in dem die AfD versucht, über Sportvereine jüngere Menschen zu rekrutieren, Gemeinschaften zu spalten und auf politische Ansichten Einfluss zu nehmen.
Kai Steuerwald, Vorsitzender des Vereins, distanzierte sich im Gespräch mit der RHEINPFALZ von den Anschuldigungen Schlessers. Die Spielvereinigung habe die Aussagen „mit Bestürzung“ wahrgenommen und „weise diese ganz entschieden zurück“. Die Behauptungen seien pauschal und unbelegt, würden nicht auf Fakten basieren. Die Spielvereinigung sei ein politisch neutraler Sportverein, so wie es dem Selbstverständnis eines gemeinnützigen Vereins entspreche. Politische Einflussnahme werde generell nicht geduldet. „Seit Jahrzehnten steht unser Verein für Integration, Vielfalt, Offenheit und gemeinschaftlichen Zusammenhalt, unabhängig von Herkunft, Nationalität, Religion oder politischer Überzeugung“, wird Steuerwald deutlich. Die Vereinsarbeit der vergangenen Jahre würde das widerspiegeln. So seien Flüchtlinge aufgenommen worden, habe man Kinderfasching, Maifeier und Kerwe ausgerichtet. Immer mit dem Anspruch: „Wir stehen für ein gesellschaftliches Miteinander.“ Wilde Spekulationen seien kontraproduktiv.
Und dennoch halten sich Gerüchte, dass Spieler mit AfDlern rumhängen. Nicht auf dem Sportplatz, aber anderswo.
Auch die Freiwillige Feuerwehr fühlt sich durch Aussagen Schlessers zu Unrecht in eine (rechte) Ecke gestellt. Das Vertrauen in die ortsansässigen Kameraden sei deshalb leider gestört. „Wir sind eine politisch neutrale Organisation“, schreibt der stellvertretende Wehrleiter, Johannes Bienroth. „Unser Grundsatz lautet: Retten – Löschen – Bergen – Schützen. Wir sind für die Bürgerinnen und Bürger aus Gauersheim rund um die Uhr da, um Hilfe zu leisten.“ Niemand solle Bedenken haben, einen Notruf abzusetzen. Reiner Schlesser sagt, er selbst stehe voll und ganz hinter den Vereinen im Ort und auch der Feuerwehr.
Kaum etwas ist noch so. wie es vorher war
Wer mit Engagierten und anderen Bürgern ins Gespräch kommt, dem wird schnell klar: Gauersheim ist zweigeteilt. Vielleicht ist das schon eine ganze Weile so, aber vor allem ist es seit dem 19. Juli 2025 so. Da wurde der „Treffpunkt Nordpfalz“, das neue politische Zentrum der AfD, in der Hauptstraße 4 gegründet. Seitdem ist in der 650-Einwohner-Gemeinde nicht mehr viel, wie es vorher mal war. Erst in dieser Woche erreichten die Redaktion Anrufe und E-Mails von Bürgern, die sich um ihren Ort sorgen, um das Miteinander, um die gesellschaftliche Entwicklung. Plötzlich kracht ein funktionierendes Dorfleben wie ein Kartenhaus zusammen. Nur wer baut es wieder auf? Die Bürgerinitiative?
„Einst haben sich alle politischen Parteien an einen Tisch gesetzt und um Ziele gerungen, nun spaltet die AfD diesen Tisch“, sagt Tilo Hausmann. Sie tue das mit Themen aus der Bundespolitik, mit Beschimpfungen und Beleidigungen. Bei der letzten Bundestagswahl holte die AfD in Gauersheim fast 35 Prozent der Zweitstimmen. Reiner Schlesser allerdings setzte sich bei der Kommunalwahl mit fast 72 Prozent gegenüber dem AfD-Kandidaten Jens Ott durch. Mittlerweile befürchten nicht wenige, dass die Wahl heute anders ausgehen würde. Die AfD macht mobil.
Aperol-Abende, Freibier-Feste, Kaffee-Kränzchen
Das tut sie vor allem durch den „Treffpunkt Nordpfalz“ und dortige Veranstaltungen wie Aperol-Abende, Freibier-Feste und Einladungen zu Gratis-Kaffee und Kuchen. Es sind harmlos klingende Angebote im ländlichen Raum, wo sonst nicht mehr viel ist. An weiteren Veranstaltungen – insgesamt acht hat die Landesregierung in Mainz zwischen 19. Juli und 9. Oktober 2025 gezählt – haben auch Personen teilgenommen, die der „Jungen Alternative“ angehörten beziehungsweise Mitglied in Gruppierungen der sogenannten „Neuen Rechten“ sind. Ebenso ist bekannt, dass Vertreter des durch den Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestuften Vereins „Compact-Magazin“ vor Ort waren.
Handwerker, Touristen, Flüchtlinge und die AfD
Der „Treffpunkt Nordpfalz“ ist also der Zankapfel im Dorf. Den einen ein Dorn im Auge, den anderen Anlaufstelle im tristen Landleben. Das ehemalige Gästehaus liegt mitten im Ortskern; es bot mal Ferienwohnungen mit viel Platz, Parkplätzen und Blick in die Weinberge. Handwerker, Dauermieter und Touristen kehrten hier ein. Später kamen Kriegsflüchtlinge – und danach die AfD. Mittlerweile hat das Objekt an Wert verloren. Die Gemeinde hatte mal in Erwägung gezogen, das Anwesen zu kaufen, um die AfD zu verhindern, es scheiterte am Vorkaufsrecht. Zuletzt prüfte die Kreisverwaltung des Donnersbergkreises die baurechtliche Nutzung der Räume und damit, ob dort überhaupt Veranstaltungen für mehr als 100 Menschen stattfinden dürfen. Eine Entscheidung wurde noch nicht bekanntgegeben. Deshalb versucht es Tilo Hausmann weiter mit Appellen an Frieden, Menschlichkeit und Zusammenhalt.
