Donnersbergkreis
Göllheim: Verbandsgemeinde treibt die Digitalisierung weiter voran
Seit 2015 ist die Verbandsgemeinde Göllheim Modellgemeinde des Forschungsprojekts Digitale Dörfer. Getestet wurde dabei bereits vieles. Während manches davon wieder ad acta gelegt wurde, läuft anderes wiederum gut – und ist durchaus zukunftsfähig, nicht nur für Göllheim.
„Die Digitalisierung passiert, ob wir uns dafür einsetzen oder nicht. Wir müssen am Ball bleiben“, betont Steffen Antweiler, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Göllheim sowie von Rüssingen. Deshalb sei er froh, dass sich die VG als Modellgemeinde für das Forschungsprojekt Digitale Dörfer angemeldet habe. Und so wird dort seit 2015, ebenso wie in der VG Eisenberg und der VG Betzdorf-Gebahrshain, getestet, wie etwa in den Bereichen Nahversorgung, Mobilität und Kommunikation das Dorfleben im Einklang mit der digitalen Welt vorangebracht werden kann. „Dass wir Teil des Projekts sind, hat uns riesen Vorteile gebracht“, ist sich Antweiler sicher. Schließlich habe man dadurch Mittel und Man- beziehungsweise Woman-Power für die Digitalisierung bekommen. „Wir konnten Jutta Steingass einstellen, die ausloten kann, wo die digitale Reise hingeht und etwa auch Mitarbeiter schult“, erläutert Antweiler. Denn im Arbeitsalltag fehle oft die Zeit, sich selbst intensiv darum zu kümmern. „Wir müssen aber die Dienstleistungen besser machen und schnell voranbringen“, ist sich Antweiler der Herausforderungen bewusst.
Informationswege müssen angepasst werden
Der Bürgermeister weiß auch, dass die Digitalisierung mit viel Aufwand verbunden ist: „Es ist gesetzlich klar geregelt, wer für etwas zuständig ist. Das Rechnungswesen kann sich beispielsweise nicht um Ausweise kümmern. Das muss auch in der Freiheit der digitalen Welt berücksichtigt werden“, sagt Antweiler. Schreibe ein Bürger jedoch eine Mail, sei diesem verständlicherweise egal, an wen sie gehe. „Er erwartet einfach eine Antwort. Also müssen wir hinter den Kulissen die Anfrage entsprechend weiterleiten.“ Dafür sei die Struktur der Gemeindeverwaltung bis dato aber noch nicht geeignet, wie Steingass feststellt. „Eine Meldung aus einem Anruf geht schnell mal verloren, weil ein anderer Kollege vielleicht nicht Bescheid weiß, der ursprünglich angerufene Kollege aber im Urlaub ist.“ Doch das soll sich Dank des Projekts Digitale Dörfer ändern – etwa mit der seit März 2018 verfügbaren und vom Fraunhofer IESE entwickelten App „Dorffunk“. Eine der Funktionen ist der „Plausch“, mit der sich Bürger gegenseitig informieren können. „Hier wird alles eingestellt, was relevant ist, beispielsweise Fest- und Kerwetermine, aber auch Hinweise zu Unfällen sowie Zeitungsartikel“, erläutert Steingass. Rege genutzt werde zudem die „Biete/Suche“-Funktion. „Die Bürger verkaufen hier Sachen, bieten und suchen Wohnungen sowie Dienstleistungen oder fragen nach Alltagstipps.“ Letztere drehten sich etwa um gute Wege zum Gassigehen oder Einkaufsmöglichkeiten. Darüber hinaus gibt es seit Herbst 2017 auf der verbandsgemeindeeigenen Homepage ein Nachrichtenportal, auf dem jeder Bürger Informationen bereitstellen kann.
Mehr Öffentlichkeit ist das Ziel
Die „Dorffunk“-App selbst soll bald um eine wichtige Funktion erweitert werden, den sogenannten Sag’s-mir-Kanal. „Die Bürger können sich darüber an die Verwaltung wenden und beispielsweise Mängel wie Schlaglöcher melden oder Vorschläge machen“, erklärt Steingass. Man könne sich das wie eine Art Ticketsystem vorstellen, dieses Ticket gehe dann in Form einer Meldung direkt an die Verwaltung. „Dadurch geht eine Info nicht verloren.“ Intern werde die Meldung an den entsprechenden Mitarbeiter verteilt. „Jeder Bürger bekommt dann eine Rückmeldung, dass sein Anliegen bearbeitet wird, die mit einem Namen eines Mitarbeiters versehen ist“, sieht Antweiler einen entscheidenden Vorteil. In der App gibt es drei verschiedene Kommunikationswege, die ähnlich wie Whatsapp funktionieren: einen internen Chat für die Verwaltung, sowie einen öffentlichen und einen geschlossenen Chat zwischen Bürger und Verwaltung. Letzterer wird laut Steingass etwa für den Austausch privater Daten genutzt. „Generell ist das Ziel aber, alle Anliegen öffentlich zu bearbeiten, damit die anderen Bürger sehen, was bereits im Gange ist.“
Zwischenbilanz positiv
Starten soll der Kanal laut Steingass bestenfalls Ende August, Anfang September. „Wir wollen aber, dass er reibungslos funktioniert, deshalb läuft derzeit ein interner Stresstest“, ist sich Steingass genauso wie Antweiler bewusst, dass ein solches System auch große Erwartungen hegt. Bedeutet: Die Verwaltungsmitarbeiter stellen selbst reale Fälle ein, um zu schauen, wie sich das intern am besten bearbeiten lässt – und um Fehler sowie Probleme sowohl organisatorischer als auch technischer Art aufzudecken. „Der aktuelle Stand ist aber schon positiv“, zieht Steingass eine erste Zwischenbilanz. Positiv fällt auch ihr bisheriges Fazit zum gesamten Projekt aus, auch wenn nicht alles so erfreulich lief wie die neuen Kommunikationsmöglichkeiten. Denn während der ersten Projektphase von 2015 bis 2016 hat die Verbandsgemeinde erfahren müssen, dass nicht alles funktioniert und praktikabel ist. So wurde damals mit der „Bestell-Bar“ den Händlern ein regionaler Onlineshop bereitgestellt. Dort konnten sie ihre Produkte samt Fotos selbst einstellen – und Bürger diese bestellen. Eingegangene Bestellungen wurden schließlich über die „Liefer-Bar“ organisiert: Ehrenamtliche, die sich registriert haben, konnten eine Bestellung bestätigen und die Waren ausliefern. „Das Problem war, dass wir nur kurze Testphasen hatten und das Angebot nur wenig bekannt war“, sagt Steingass und ergänzt: „Bis es soweit war, ist die Testphase schon vorbei gewesen.“ Das sei nun besser, weil die App langfristig verfügbar sei. „Aber natürlich ist das Nachrichtenportal und der Dorffunk auch für mehr Leute interessant als das Thema Einkaufen“, weiß Steingass. Bestätigt werde das von den Zugriffszahlen. Im Juli dieses Jahres gab es demnach 8000 Seitenaufrufe für das Nachrichtenportal – „und wir gewinnen hier genauso wie bei der App kontinuierlich Nutzer hinzu“.
Dorffunk attraktiv machen
Antweiler hofft und ist optimistisch, dass mit all diesen Angeboten der Wandel im Dienstleistungssektor gemeistert werden kann. Und weil die Digitalisierung stetig voranschreitet, sollen etwa auch die Funktionen der App fortlaufend weiterentwickelt werden. „Künftig soll es möglich sein, Gruppen zu erstellen, etwa zu Vereinen oder Themen“, gibt Steingass einen Ausblick. Nun gehe es aber erst einmal darum, das Bestehende voranzubringen und auch die Prozesse im Hintergrund zu verbessern. „Schließlich soll der Dorffunk nicht nur uns als Testgemeinde helfen, sondern auch für andere Gemeinden funktionieren und attraktiv sein.“ Erste Schritte hat Fraunhofer schon getan. Die App wird mittlerweile an Nicht-Modellgemeinden weitergegeben.
Das Projekt
Das Projekt Digitale Dörfer wird vom rheinland-pfälzischen Innenministerium gefördert. Konzeption und technische Umsetzung der digitalen Anwendungen übernimmt das Fraunhofer IESE in Kaiserslautern. Getestet wird in der VG Göllheim, der VG Eisenberg und der VG Betzdorf-Gebardsheim. Ziel des Projektes ist es, mit Hilfe von digitalen Lösungen Probleme in ländlichen Regionen zu beheben beziehungsweise Hilfestellungen anzubieten, um die Lebensqualität zu verbessern. „Insgesamt kostet das Projekt drei Millionen Euro“, berichtet die zuständige Mitarbeiterin bei der VG Göllheim, Jutta Steingass. Je die Hälfte davon übernehme das Innenministerium sowie das Fraunhofer IESE. „90 Prozent der Gelder fließen in die Entwicklung durch Fraunhofer, zehn Prozent gehen direkt an die Gemeinde“, erläutert Steingass. Von dem Geld werde etwa ihr Arbeitsplatz, aber unter anderem auch Werbung finanziert.