Rockenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Forstrevier Wittgemark: Was beim Streifzug durch die Wälder um Rockenhausen auffällt

Hoffnung: „Wir haben noch eine Chance – die müssen wir nutzen“, sagt Förster Lothar Burkhart, der seit 1991 das Revier Wittgemar
Hoffnung: »Wir haben noch eine Chance – die müssen wir nutzen«, sagt Förster Lothar Burkhart, der seit 1991 das Revier Wittgemark betreut.

Seit 33 Jahren betreut Lothar Burkhart das Forstrevier Wittgemark im Herzen der westlichen Kreishälfte. Beim Streifzug durch die Wälder rund um Rockenhausen gibt es schmerzhafte Ansichten, aber auch einige Lichtblicke. Und neben Klimawandel fällt ein weiteres Wort immer wieder.

„Wollen Sie Katastrophenbilder?“, fragt Lothar Burkhart. Der Redakteur nickt – obwohl’s weh tun wird. Der Förster lenkt den Wagen zu einem Gelände bei Falkenstein, das zum Staatswald gehört. Das gilt für dreiviertel der 2000 Hektar, die der 64-Jährige seit 1991 hegt und pflegt. Der Rest verteilt sich auf die Kommunalwälder Rockenhausen, Imsweiler und Ruppertsecken. Rund 40 verschiedene Arten gibt es – statistisch trägt nur einer von 20 Bäumen Nadeln.

Das Auto hält auf steinigem Untergrund. Blick nach rechts – Burkhart hält Wort: Wo vor ein paar Jahren Eichen und Hainbuchen im Saft standen, sind jetzt nur noch Gerippe zu sehen. Natürlich hat die Erderwärmung ihren Anteil daran. Aber den Garaus gemacht hat den Bäumen der Eichenprachtkäfer. Der bereite in seinem Revier zwar „nur punktuell“ Schwierigkeiten. Wenn aber selbst die recht trockenresistenten Eichen absterben, dann sei das „eine Katastrophe“.

Fataler Anblick: Wo einst bei Falkenstein Eichen und Hainbuchen im Saft standen, sind heute nur noch Holzgerippe zu sehen.
Fataler Anblick: Wo einst bei Falkenstein Eichen und Hainbuchen im Saft standen, sind heute nur noch Holzgerippe zu sehen.

Im Falkensteiner Tal ist die Lage am schlimmsten

Wobei die Konditionen an dieser Stelle generell schlecht seien. „Hier zu investieren, lohnt sich nicht. Da kann man auch die Natur sich selbst überlassen“, sagt Burkhart. Und doch sei es mit zunehmender Schädigung des Waldes ein stetiges Abwägen: Wo probiert man noch etwas, wo lässt man es. Was wirtschaftlich unnötig ist, kann ökologisch sinnvoll sein – und umgekehrt. Aber so misslich die Bedingungen sind: „Die Natur kämpft. Selbst hier wächst noch etwas.“ Sorbus-Bäume wie Els- und Mehlbeere treiben aus, auch wenn das „mehr Obstbau denn Forstwirtschaft ist“, so der Förster. Härter trifft es ihn, wenn es an potenziell besseren Standorten Ausfälle gibt. Wie etwa im Falkensteiner Tal: „Hier sind die Schäden am schlimmsten“, sagt Burkhart und zeigt auf eine abgestorbene Buche. „Obwohl ausreichend Wasser da ist, schafft sie nicht schnell genug, sich umzustellen.“

Diese Probleme ziehen weitere nach sich. Etwa beim Holzeinschlag: „Die früheren Mengen machen wir schon längst nicht mehr“, sagt Burkhart. Statt den im Zehn-Jahres-Plan vorgesehenen gut 7000 Festmetern jährlich sind es noch rund die Hälfte – Tendenz fallend. „Zu 95 Prozent machen wir Sanierungen, gesundes Holz holen wir kaum noch.“ Apropos Sanierungen – auch hier geht es wieder um Abwägung: „Wo kann ich Maschinen reinschicken, wo ist das Risiko zu hoch?“, so Burkhart. Hinzu kommen wirtschaftliche Einbußen: Wenn für einen 160 Jahre alten Baum wegen starker Schäden nur noch der Brennholz-Preis gezahlt wird, „dann ist das schwer zu ertragen und zu vermitteln“. Weitere Übel kommen hinzu. Etwa die gestiegene Waldbrandgefahr. Oder das Spannungsverhältnis zwischen dem von Wanderern, Reitern oder Mountainbikern genutzten Freizeit-Wald und steigender Gefährdung durch Totholz. „Ist ein Trail oder Marathon noch zu rechtfertigen? Wer haftet, wenn etwas passiert?“ Darauf gebe es keine eindeutige Antwort, weshalb wiederum eines nötig ist: abwägen.

Modellprojekt: Aus den Samen der rund 180 Jahre alten Ulme lässt Lothar Burkhart Setzlinge züchten, die über das Revier verteilt
Modellprojekt: Aus den Samen der rund 180 Jahre alten Ulme lässt Lothar Burkhart Setzlinge züchten, die über das Revier verteilt werden. Der Förster hofft im Kampf gegen den Klimawandel auf die Anpassung heimischer Arten.

Dank Niederschlägen in diesem Jahr weniger Schäden

Täglich zu sehen, „dass kaputtgeht, was man seit 40 Jahren aufgebaut hat“, koste mental viel Kraft. Burkhart blickt deshalb seinem Ruhestand 2025 durchaus erleichtert entgegen. Gleichwohl er den Wald nicht aufgibt: „Wir dürfen nicht verzweifeln, wir machen weiter!“ Schließlich gebe es auch positive Zeichen. Als der Klimawandel so richtig Fahrt aufgenommen habe, „da dachte ich, dass es noch schneller geht. Das ist so nicht passiert.“ Aktuell seien die Schäden dank reichlich Niederschlägen während der Vegetationsperiode geringer als in den Vorjahren. Burkhart: „Wir haben noch eine Chance – die müssen wir nutzen.“ Dafür braucht es auch Personal. Er selbst hat reichlich Werbung für seinen Beruf gemacht: Projekte mit Schulen und Kitas, ungezählte Praktikanten, seit 30 Jahren Waldbegehungen mit insgesamt über 2500 Teilnehmern.

Bei den Baumarten setzt Burkhart auf Vielfalt – nicht zuletzt, damit sein Nachfolger größtmögliche Auswahl hat, welche er fördern möchte. Elementar sei dabei das Thema Verjüngung. Diese „gehörte schon immer zu unserem Job. Aber wir sind ihr nicht nachgelaufen. Das sieht jetzt anders aus.“ Früher wurden alte Bäume vor allem aus wirtschaftlichen Gründen ersetzt – heute geht’s ums nackte Überleben des Waldes. Auf 300 bis 400 Hektar haben Burkhart und seine Helfer in jüngster Zeit für „Nach-Wuchs“ gesorgt. Etwa in der Gemarkung Breitschwamm, wo zwischen riesigen Oldies hunderte kleine Eichen, Buchen, Ahorn, Weißtannen, Eschen und anderes mehr zu finden sind. Das sei sehr arbeitsintensiv, so brauche etwa die eine Art (Eiche) mehr, die andere (Buche) weniger Licht. „Der Förster muss entscheiden, wo welche Äste abgeschnitten werden. Grundsätzlich soll sich der Wald langsam verjüngen – nur diese Zeit haben wir nicht mehr.“ Dass dafür mitunter gesundes Holz entnommen werden muss: eine Abwägung.

Schmerzhaft: Wenn für einen 160 Jahre lang gepflegten und nun stark geschädigten Baum von der Industrie nur noch der Brennholz-P
Schmerzhaft: Wenn für einen 160 Jahre lang gepflegten und nun stark geschädigten Baum von der Industrie nur noch der Brennholz-Preis gezahlt wird, »dann ist das schwer zu ertragen und zu vermitteln«, sagt Burkhart.

„Manche Jagdpächter kommen ihrer Aufgabe nicht nach“

Im Falkensteiner Tal funktioniert die Erneuerung ebenfalls. Aber es gibt hier auch unbehandelte Ecken, in denen Brombeeren oder Ginster wachsen. Das ist nicht zuletzt eine Ressourcen-Frage – und ein Abwägen, wo eine Investition sinnvoll ist. Erschwert werde die Verjüngung durch den Umstand, dass manche Jagdpächter ihrer Aufgabe, das Wild in notwendigem Umfang zu bejagen, nicht nachkämen. Er wolle „nicht alle über einen Kamm scheren, Aber viele stellen ihr Eigeninteresse über das Interesse der Allgemeinheit“, beklagt Burkhart. Über die Gründe will er im Einzelnen nicht spekulieren. Fakt sei aber, dass eine Reduzierung des Wildbestands gerade in Gebieten mit vielen jungen Bäumen unabdingbar sei. Rehe seien zum Beispiel „Gourmets, sie fressen am liebsten Gipfeltriebe“. Die Flächen einzuzäunen, wie von Jägern samt ihrem Verband gefordert, hält der Förster für „utopisch“. Alleine in seinem Revier bedeutete das Kosten von rund fünf Millionen Euro. Stattdessen hat er in Teilen des Staatswaldes selbst die Jagd übernommen. Mit Erfolg, wie das Beispiel Breitschwamm zeige – „wir wollen Vorbild für die Privaten sein“.

Welche Zukunftsstrategie hält er für die richtige? Burkhart: „Meine Meinung ist: Statt die Zeder zu importieren, soll man besser auf Anpassung setzen.“ Etwa bei der Eiche, die „manches verändern kann: Spaltöffnungen schließen, eine Wachsschicht als Verdunstungsschutz bilden. Die Frage ist, reicht die Zeit?“ Vor allem Tiefwurzlern mit geringem Wasserbedarf und kurzer Vegetationszeit traut der Förster starke Resilienz zu: Walnuss, Winterlinde, Mehl- und Elsbeere.

„Nach-Wuchs“: Großflächig, auf 300 bis 400 Hektar, haben Burkhart und seine Helfer in den vergangenen Jahren Verjüngung betriebe
»Nach-Wuchs«: Großflächig, auf 300 bis 400 Hektar, haben Burkhart und seine Helfer in den vergangenen Jahren Verjüngung betrieben. Ein ideales Beispiel dafür ist die Gemarkung Breitschwamm, wo zwischen riesigen »Oldies« hunderte kleine Eichen, Buchen, Ahorn, Weißtannen, Eschen und andere Arten mehr ihre Triebe gen Himmel recken.

Eine Ulme als Modellprojekt

Und er regt an, Neues zu probieren. Zum Beispiel auszunutzen, dass Bäume wegen des Klimawandels öfter und früher blühen – denn „ohne Samen keine Verjüngung“. Wie es gehen kann, zeigt er anhand einer rund 180 Jahre alten Ulme: „Auch dieser Baum hat die letzten zehn Jahre mitgemacht und ist trotzdem noch ziemlich vital.“ Aus seinem Samen werden nun beim Haus der Nachhaltigkeit in Trippstadt Setzlinge gezüchtet. Die kann sein Nachfolger – wenn er möchte – quer über das Revier verteilt ausbringen. Hier ist die Ulme bislang zu weniger als einem Prozent vertreten. Burkhart: „Ich sehe aber die Chance, dass sie sich den veränderten Bedingungen anpasst. Das ist meine Interpretation einer nachhaltigen Forstwirtschaft.“

Eckdaten

Forstrevier Wittgemark; Größe: 2061 Hektar, davon entfallen auf den Staatswald 1404 Hektar, auf den Stadtwald Rockenhausen 490 Hektar sowie auf die Gemeindewälder Imsweiler und Ruppertsecken 163 beziehungsweise vier Hektar; fast 40 verschiedene Baumarten, davon über 95 Prozent Laubholz, überwiegend Eichen und Buchen; die Revierleitung hat Förster Lothar Burkhart seit 1. Juni 1991.

kibo_forstrevier_wittgemark
x