Donnersbergkreis Europäische Befindlichkeiten ausgelotet

GÖLLHEIM. Das Thema Europa ist derzeit (mal wieder) in aller Munde und bildete in abgewandelter Form auch das Motto der vergangenen Spielzeit des Pfalztheaters. Von dort kam der Schauspieler Rainer Furch zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Madeleine Giese, um in Göllheim ihren Beitrag am Donnerstag zu präsentieren: Im proppenvollen Ratssaal der VG gelang eine musikalisch-literarische Rundreise durch die 28 Mitglied-Staaten der EU in knapp zwei Stunden.
Es war keine Odyssee, wie die Ausführenden ankündigten, womit sie ihr Licht unter den sprichwörtlichen Scheffel stellten, sich nicht gebührend positionierten. Letztlich war es nämlich keine Homersche Irrfahrt durch Weltmeere, sondern eine ausgeklügelte Zeit- und Europareise nach alphabetischer Systematik. Nach einführenden topographischen, kartographischen Überblicken mit wesentlichen Eckdaten wie Fläche, Einwohnerzahl, Sprache, Währung und Hauptstadt folgte jeweils eine Auswahl für das Land typisch oder charakteristisch erachteter Gedichte, Märchen, Sagen oder Texte in einer Art szenischer Lesung: Die beiden Rezitatoren trugen entweder nacheinander, miteinander oder in scheinbarem streitbarem Dialog auch gegeneinander in ausdrucksstarker pathetischer Gestik und Mimik, in großer Emphase diese ausgewählten Beispiele vor. Und steuerten dabei gekonnt in einem weiteren rhetorischen Stilmittel auf die Klimax der Beiträge zu. Sogar im gemeinsam intonierten Chanson waren die beiden einvernehmlich zu hören, stellten so ihre enorme Vielseitigkeit eindrucksvoll unter Beweis. Die Märchen und Mythen gaben tiefenpsychologische Einblicke in die jeweilige Volksseele. Oberflächlich betrachtet wirkte dagegen ein Auszug aus der Aphorismensammlung von Nikos Dimous „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“ wie ein Gießen von Öl ins Feuer klischeehafter Vorurteile. Dahinter verbarg sich aber eine tragikomische Analyse des Autors, die für viele (Völker) zutrifft. Ohnehin war das ironische Augenzwinkern ein Hauptmerkmal der Lesung, was beispielsweise Furch mit der Rezitation in einem Atemzug eines irischen Limericks verdeutlichte. Der scherzhafte Fünfzeiler im typischen Reimschema entwickelte in diesem Duktus seinen ganzen Charme und Spott. Der für Frankreich ausgewählte Jacques Prévert repräsentiert dagegen allein das komplexe, oft ambivalente Denken des 20. Jahrhunderts: Vom Lyriker zum Drehbuchautor und Mitbegründer des poetischen Realismus bis zum Texter von Chansons zeigt er so viele Facetten, das sich die Frage nach dem Typischen zwangsläufig stellt. Doch der musikalisch-literarische Abend erhob nicht den Anspruch der Vollständigkeit. Aus zeitlichen Gründen konnte der jeweilige Autor auch nicht in seinen historischen, gesellschaftlichen Kontext gestellt werden. Die Auswahl erfolgte kaleidoskopartig, hatte vor allem durch die besondere Kunst der Akkordeonistin primär einen unterhaltenden Stil. Und regte an, sich mit manchen Kulturen und ihrem Kunstschaffen etwas eingehender zu beschäftigen. So steckt in dem vorgetragenen bulgarischen Märchen die Weisheit von Philosophen und hinter der Leseprobe von Samuel Beckett dessen tiefenpsychologische Auseinandersetzung mit den sogenannten Archetypen von C.G. Jung. Also eine Fundgrube mit vielen Denkanstößen. Beginnend mit dem Te Deum von Charpentier als Eurovisionshymne stellte die exzellente Akkordeonistin Alexandra Maas ansprechende Klangbeispiele der Länder zusammen: Lieder und Tänze im Volkston, Chansons und Preziosen folkloristischer Idiome in Hülle und Fülle. Aus zeitlichen Gründen meist nur in einprägsamen Ausschnitten, konzipiert entweder als Hintergrund-Musik, als Überleitung und Intermezzo, als Pausenfüller für die nötigen Verschnaufpausen der Lektoren. Stets faszinierte der packende musikantische und beherzte sowie beseelte Zugriff der erfahrenen Interpretin. Die gibt beispielsweise bei ihrem eigenen Ensemble „French Touch“ den Ton an und erwies sich einmal mehr durch spielerische Präzision und hohe Gestaltungskraft als herausragende Ausnahmeerscheinung in ihrem Instrumentalfach.