Donnersbergkreis Es fehlt an Nachfolgern

91-87267829.jpg

Rockenhausen. Fragt man die Allgemeinmediziner Dr. Jennifer Demmerle und Dr. Rainer Kuhn, wie sie die medizinische Versorgung im Donnersbergkreis aktuell einschätzen, sind sich beide einig: „Gut.“ Noch. Denn: „Wenn ich bedenke, wer in den nächsten zehn bis 15 Jahren ins Rentenalter kommt – da wird es ganz eng“, schätzt Demmerle. Die junge Ärztin ist im vergangenen Jahr in eine Gemeinschaftspraxis in Winnweiler eingestiegen. Bei der RHEINPFALZ-Sommerredaktion sprach sie wie ihr 67-jähriger Kollege Kuhn über Ärztemangel, Sorgen aber auch Freuden in ihrem Beruf.

Rainer Kuhn bringt es schnell auf den Punkt: „Es sind nicht ausreichend Nachfolger vorhanden“, klagt er. Der 67-jährige Allgemeinmediziner, der in Winnweiler eine Praxis hat, weiß das aus eigener Erfahrung. Auf vielen Wegen habe er bereits versucht, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Doch ob Anzeigen im Ärzteblatt, Flyer im Krankenhaus oder Aufrufe im Internet – bislang habe noch nichts den erhofften Erfolg gebracht. „Man versucht es, aber der Markt ist klein“, sagt Kuhn. Zwar habe er bereits eine Kollegin für seine Praxis gefunden, „aber für sie alleine ist das zu viel“. Gerade in ländlichen Gebieten sind junge Mediziner, die die Praxen der alteingesessenen Ärzte übernehmen, heiß begehrt. Das weiß auch Jennifer Demmerle. „Ich wurde in meiner Zeit im Krankenhaus regelmäßig angerufen“, berichtet die 36-Jährige. Manche der Anrufer hätten sie gar nicht gekannt. Im Gegensatz zu vielen jungen Ärzten hat sie den Schritt in eine Praxis auf dem Land gemacht. Nach der Facharztausbildung stieg die junge Ärztin im April 2015 in die Winnweilerer Gemeinschaftspraxis mit Dr. Peter Follmann ein. „Ich kannte die Praxis, das war einfacher“, so Demmerle. Dass sie aus Rockenhausen stammt, habe die Entscheidung natürlich beeinflusst: „Ich wohne hier, wir sind familiär mit der Gegend verbunden.“ Dass die Suche nach einem Nachfolger so schwierig ist, hat für Kuhn mehrere Gründe. Zwar hätten es junge Kollegen bei der Auswahl der Praxen heute einfacher und könnten deutlich günstiger einsteigen, doch die Situation drumherum sei schwieriger geworden. „Früher stammten viele aus einer Großfamilie, hatten Geburten, Tod und Krankheit erlebt. Heute lesen viele bei Doktor Google. Aber lesen heißt nicht auch verstehen“, sagt Kuhn. Hinzu kämen politische Aspekte, etwa dass niedergelassene Ärzte im Falle von Regressforderungen mit ihrem Privatvermögen hafteten. „Viele scheuen auch das Risiko der Niederlassung, weil der Schreibkram mehr geworden ist“, sagt Kuhn, der die Politik hier gefordert sieht. Berücksichtige man die Altersstruktur der Allgemeinmediziner, komme es seiner Ansicht nach im Donnersbergkreis nicht erst in zehn Jahren zu Versorgungsengpässen. Oft, glaubt der Winnweilerer Mediziner, wüssten angehende Ärzte auch nicht, was auf sie zukomme. „Sie können sich nicht vorstellen, aufs Land zu gehen. Dabei ist der Beruf sehr abwechslungsreich. Es ist ein ganz breites Gebiet. Und man wird zur Vertrauensperson. Das wird ihnen oft nicht erklärt“, sagt Kuhn und bezeichnet seinen Beruf als „erfüllend – und damit meine ich nicht beutelfüllend“. Denn auch das sei für viele Mediziner ein wichtiges Argument: „In anderen Fachrichtungen verdient man in weniger Zeit mehr Geld“, so Kuhn. „Wir nagen nicht am Hungertuch, aber bei der Arbeitszeit stehen wir unter den Ärzten weit oben, im Durchschnittseinkommen dagegen eher unten.“ Seinen Beruf würde er dennoch wieder wählen. Und auch Demmerle hat den Schritt in die Praxis nicht bereut. „Die Allgemeinmedizin ist einfach super interessant. Man hat alles vom Schnupfen bis zum Herzinfarkt, behandelt alle Altersgruppen und oft die ganze Familie. Das bietet kein anderes Fach“, sagt sie. Auch die Wertschätzung der Patienten zähle zu den Pluspunkten, die der Beruf mit sich bringe. Manches hat sich für die niedergelassenen Allgemeinärzte in der Vergangenheit aber auch verbessert, sagt Kuhn, der seine Praxis nun im 34. Jahr betreibt. Nacht- und Wochenenddienste gehörten früher selbstverständlich dazu, bis Juli zudem die Dienstbereitschaften unter der Woche – im Gegensatz zu anderen Fachärzten, so Kuhn, mussten die Allgemeinärzte die Versorgungssicherung ihrer Patienten auch nach Ende der Sprechstunde garantieren. „Jedes sechste Wochenende war Dienstwochenende“, blickt Kuhn zurück. „Damals war die ganze Familie eingebunden. Wenn ich zum Singen ging, musste meine Frau zu Hause das Telefon bewachen.“ Heute sei das anders. Früher wäre es für junge Mütter wie Demmerle im Ärzteberuf schwer machbar gewesen. Doch: „Es ist gut zu handhaben“, sagt Demmerle. „Klar, ich kann nicht um sechs Uhr den Hammer fallen lassen. Aber mit einem Kind ist es hier viel besser machbar als im Krankenhaus.“ Leicht sei es als junge Ärztin anfangs dennoch nicht immer gewesen. Das Vertrauen der Patienten muss man sich schließlich erarbeiten. „Ein Patient hat nach der Untersuchung gefragt: Und wann kommt jetzt der Doktor?“, erzählt Demmerle lachend. Dass sie mit Peter Follmann einen erfahrenen Kollegen an ihrer Seite hat, sieht sie positiv. „Ich profitiere von seiner Erfahrung. Das Bauchgefühl wird geschult – das steht in keinem Lehrbuch.“ Außerdem habe er ihr zugesagt, sie so lange zu begleiten, bis sich ein Nachfolger für ihn gefunden habe. „Ich habe ihm gesagt, er soll sich einen guten Rollator zulegen“, sagt Demmerle und lacht.

x