Donnersbergkreis Erst am Abend geht „Zorro“ auf Beutefang

Der Dachs: die rüsselähnliche Schnauze und das schwarz-weiß gestreifte Gesicht machen ihn unverwechselbar.
Der Dachs: die rüsselähnliche Schnauze und das schwarz-weiß gestreifte Gesicht machen ihn unverwechselbar.

Der zur Familie der Marder zählende europäische Dachs (Meles meles) gehört zu den Wildarten am Donnersberg, deren Bestände sich trotz der gewandelten Landschaft und des veränderten Freizeitverhaltens der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten stetig erhöht haben. Waren in den Wildnachweisungen der unteren Jagdbehörde für das Jagdjahr 2000/01 lediglich 87 tote Dachse registriert worden, so waren es 2016/17 bereits 278 Tiere – darunter 49, die im Straßenverkehr ums Leben kamen.

Dieser Trend entspricht sowohl der Landes- als auch der Bundesstatistik. In Rheinland-Pfalz ist daher die Jagdzeit für den Dachs um zwei Monate verlängert worden. Um den Dachs bekannter zu machen, hatte ihn die Schutzgemeinschaft Deutsches Wild zum „Tier des Jahres 2010“ erkoren. Nach möglichen Ursachen des Anstiegs befragt, verweist Kreisjagdmeister Klaus Weber auf eine ähnliche Entwicklung bei Fuchs, Waschbär und Marderhund. Mit Sicherheit aber hätten sich die Dachsbestände wieder erholt, nachdem sie in den 1970er Jahren im Rahmen der Tollwutbekämpfung von den damals üblichen Fuchsbaubegasungen stark in Mitleidenschaft gezogen worden seien. Selbst tollwutgefährdet, habe der Dachs dann von der späteren Immunisierung der Füchse gegen diese Seuche durch großflächig ausgebrachte Impfköder profitiert. Im Übrigen sei der Dachs als „Nahrungsgeneralist“ recht gut in der Lage, sich auf die veränderte Situation in der Landwirtschaft einzustellen, erklärt Weber. So könne er sich in den Mais- und Getreideschlägen bis zu deren Ernte die zum Überwintern notwendigen Fettreserven anfressen. Im Wald lägen ab Herbst auch Eicheln und Bucheckern bereit. Eine besondere Vorliebe habe der Dachs für Trauben und reifes Obst. Bei dem Allesfresser stünden aber auch tierische „Gerichte“ wie Insekten, Regenwürmer, Mäuse, Reptilien, Amphibien, Fische und Aas auf dem Speisezettel. Weber bedauert allerdings, dass der Räuber die Gelege und Jungtiere von Bodenbrütern nicht verschone, vor allem die von Rebhuhn und Fasan. Dennoch halte er den Dachs für den Unbedeutendsten der hier vorkommenden Beutegreifern. Mit 80 bis 90 Zentimetern Länge vom Kopf bis zur Schwanzspitze ist der überwiegend grau gefärbte Dachs der größte unter den heimischen Marderartigen. Gutgenährte Männchen können bis zu 20 Kilogramm auf die Waage bringen. Er hat einen kompakten, gedrungenen Rumpf und einen schlanken Kopf mit einer rüsselähnlichen Schnauze. Das schwarz-weiß gestreifte Gesicht macht den Dachs unverwechselbar. In Verbindung mit seinen nächtlichen Streifzügen erinnert er ein wenig an den maskentragenden „Zorro“ aus der Schwarz-Weiß-Film-Zeit. Als Lebensraum bevorzugt der Dachs hügelige Landschaften mit Misch- und Laubwaldbeständen. Mit den langen, hervorragend zum Graben geeigneten Klauen seiner Vorderpfoten legt er hier – zumeist an den Hängen – weitverzweigte Baue an. Mitunter befinden sich die über mehrere Eingänge zugänglichen Wohnkessel bis zu fünf Meter tief im sandigen Lehm. Im Laufe der Zeit werden die unterirdischen Wohnungen von Dachsgeneration zu Dachsgeneration erweitert. In den auch als „Burg“ bezeichneten Bauen sind über ein System von Gängen viele Wohnkessel auf verschiedenen Etagen miteinander verbunden. Darin finden zumeist mehrere Dachsfamilien Platz. Zuweilen werden hier in einer Art Burgfrieden auch Füchse geduldet. Aufgrund seiner dämmerungs- und nachtaktiven Lebensweise bekommt man den Dachs allerdings nur selten zu sehen. Den Tag über hält er sich in seinem Bau auf. Erst am Abend und in der Nacht geht er „auf die Weide“, wie die Nahrungssuche außerhalb seiner Behausung in der Jägersprache genannt wird. Mit einem guten Fernglas lasse er sich vom Hochsitz aus beobachten, wenn er etwa reifes Fallobst einsammelt und im Fang (Maul) zu seinem Bau trägt, erzählt Jägerin Renate Bickmann. In ihrem Münchweilerer Revier lasse man den Dachs jagdlich weitgehend in Ruhe; man erfreue sich lieber am Anblick dieses drolligen Gesellen. Im Winter schraubt der Dachs seine Aktivitäten stark herunter, in kälteren Regionen hält er Winterruhe. Mit Hilfe seines Fettvorrats kann er bis zu drei Monate ohne Nahrung auskommen. Obwohl die Paarungszeit des Dachses im Sommer liegt, beginnt die Entwicklung der Embryonen nach einer mehrmonatigen Keimruhe erst gegen Ende des darauffolgenden Winters. Die Jungen, in der Regel zwei oder drei, kommen zumeist im März zur Welt. Sie sind zunächst weiß behaart und bis zum zwölften Tag blind. Die männlichen Jungtiere verlassen den Familienverband nach etwa einem Jahr. Dachse können bis zu 15 Jahre alt werden. Wie von Wildbrethändler Waldemar Klein aus Rockenhausen zu erfahren ist, gebe es nicht wenige Liebhaber von Dachsschinken und -bratwürsten. Er kaufe erlegte Dachse und verarbeite zu, die Produkte biete er an der Haustür und auf dem Wochenmarkt in Worms an. Die Nachfrage übersteige dabei deutlich das Angebot, so Klein. Wie bei Wild- und Hausschweinen ist auch vor der Verwertung des Dachses als Lebensmittel die amtlich vorgeschriebene Trichinenuntersuchung durchzuführen. Da die Jagd auf den Dachs lediglich von August bis Dezember erlaubt sei, handele es sich allerdings um ein saisonales Angebot. Das corticosteroidhaltige Dachsfett, jäger-sprachlich „Weiß“ genannt, werde – des Geruchs wegen mit Eisenkraut veredelt – zur Lederpflege verwendet, früher kam es auch bei der Wundversorgung von Kuheutern zum Einsatz. In der Fabel als „Grimbart“ bezeichnet, wird der Dachs als ruhig und nachdenklich dargestellt. So gelingt es Grimbart in Goethes „Reineke Fuchs“ auf dem gemeinsamen Weg zum Gerichtstermin beim König – dem Löwen Nobel – Reineke die Beichte über all seine Gräueltaten abzunehmen.

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