Eisenberg
Erdbeerland-Chef im Ukraine-Hilfskonvoi: Mit Hilfsgütern hin, mit Flüchtenden zurück
Alexander Seiler überlegte nur wenige Stunden, als er vom Hilfskonvoi der Kirchengemeinde Gensingen erfuhr, zu der er gute Kontakte pflegt. Die Spargelernte steht zwar vor der Tür und es muss noch viel organisiert werden. Dennoch, schnell war klar: Er würde sich an dem aus zwölf Fahrzeugen bestehenden Hilfskonvoi mit Ziel polnisch-ukrainische Grenze beteiligen. Drei Freunde aus Obrigheim, Tiefenthal und Birkenfeld waren auch spontan dabei.
Natürlich wollte Seiler selbst Sachspenden mit in die Ukraine bringen. Er hatte zwischenzeitlich eine Liste mit Dingen erhalten, die in dem gebeutelten Land gerade dringend gebraucht werden. Also wandte er sich an Kerzenheims Ortsbürgermeisterin Andrea Schmitt (CDU), die, wie er sagt, „weiß, wie man einen Aufruf platziert.“ An einem Tag kamen so rund 100 Spendenkartons zusammen.
Nach 14 Stunden im Stau
Am späten Donnerstag ging es dann los: Erst nach Gensingen im Landkreis Mainz-Bingen, dort wurden die Autos vollgeladen, dann gen Osten. Ziel: die polnisch-ukrainische Grenze, unweit der ukrainischen Siedlung Krakowez. In jedem Fahrzeug saßen zwei Fahrer und so konnte nonstop durchgefahren werden. Zumindest theoretisch. Denn nach 14 Stunden stand der Konvoi plötzlich im Stau, kam schließlich eine Stunde später als vereinbart am Treffpunkt an.
Auch der Plan, den Inhalt der Kleintransporter in einen Lkw, der aus der Ukraine kommt, umzuladen, und anschließend mit Vertriebenen wieder die Heimreise anzutreten, wurde durchkreuzt. Der ukrainische Lkw-Fahrer war noch keine 60 Jahre alt und durfte daher die Grenze nach Polen nicht übertreten. Ein Plan B musste her: Die Kleintransporter fuhren wenige 100 Meter über die Grenze – das wurde geduldet – und dort wurde dann umgeladen. Jedoch hatten nicht alle Fahrer des Teams ihren Reisepass dabei, den man bei Übertritt der Grenze braucht. Die Gruppe teilte sich daher auf. Auch beim Grenzübergang hieß es dann wieder warten. Stundenlang. In der Ukraine stand der Lkw, der später durch eine abgelegene Gegend zu seinem Ziel fuhr.
Viele wollen nach Polen
Bei Alexander Seiler sitzen die Eindrücke dieser Reise tief, wie er sagt. Tausende Frauen, unzählige Kinder und viele ältere Menschen standen an der Grenze stundenlang in der Schlange, um nach Polen zu gelangen. Dort angekommen, wurden sie sofort betreut, bekamen warme Getränke und wurden zu riesigen, provisorischen Unterkünften – Lagerhallen oder Supermärkten – gebracht. Dort in der Nähe hatte sich auch so etwas wie ein Flüchtlingsbusbahnhof etabliert. Auf den Schildern der Flüchtlinge standen Namen von polnischen Städten, so Seiler. Viele wollten offenbar zu Bekannten oder Verwandten in Polen. Es sei unbeschreiblich, wie viele polnische Helfer den Flüchtlingen zur Seite stünden.
Als nach ein paar Stunden der erste Kleintransporter wieder zurück nach Deutschland kam, war das Team erleichtert. Es hatte alles so weit geklappt und die nächste Fuhre über die Grenze konnte starten. Nun machte das Team sich daran, Menschen zu suchen, die mitgenommen werden wollten. Viele der Menschen, die unzählige Stunden unterwegs waren, hätten sehr erschöpft gewirkt, sagt Seiler. „Gepäck spielte keine Rolle: Es gab praktisch keins. Lediglich ein Rucksack und vielleicht noch ein Rollkoffer. Das war alles, was mitgenommen werden konnte.“ Ihm fiel auf, dass die Kinder mit einer – für ihn als Vater – unglaublichen Ruhe unterwegs waren. Vielleicht, weil ihnen nicht bewusst war, was gerade passiert?
Kaum Kommunikation während der Fahrt
Übersetzer unterstützten die deutschen Helfer bei der Verständigung. Als die ersten Kleintransporter mit Frauen und Kindern voll besetzt waren, konnte die Fahrt in Richtung Pfalz losgehen. Ein Transporter musste einen Umweg über Warschau machen, dort stiegen einige Flüchtlinge aus. Sie kamen wohl bei Bekannten unter. Auf ihren Plätzen nahmen dafür andere Ukrainer Platz, die weiter nach Deutschland wollten.
„Während der Fahrt gab es so gut wie keine Kommunikation“, berichtet der 39-jährige Seiler. Die Reisenden waren müde, erschöpft und fühlten wahrscheinlich auch erstmals so etwas wie ein Stück Geborgenheit. Der Gensinger Hilfskonvoi hat insgesamt zirka 50 Menschen aus dem Kriegsgebiet mitnehmen können. Für sie hat größtenteils die Christusgemeinde selbst Unterkünfte organisieren können. Andere wurden von in Deutschland lebenden Bekannten abgeholt. Das letzte Fahrzeug kam Sonntagnacht zurück.
Für Alexander Seiler ist nach diesen fünf Tagen schon wieder der Alltag eingekehrt. „Dennoch: Diese Erlebnisse und Eindrücke werde ich nie vergessen“, sagt er.