Donnersbergkreis „Endlich kommt der Alt groß raus“
Es knistert im Saal. Alle hören konzentriert zu – nur das Notenpapier beim Umblättern ergänzt die Töne des Flügels, die Passagen aus dem Chorstück herübertragen. Martin Reitzig übt mit der Bezirkskantorei Kirchheimbolanden-Winnweiler für das Adventskonzert am 13. Dezember, 16 Uhr, in der Kirchheimbolandener Peterskirche. Ein Besuch.
Geprobt wird gerade eine Passage aus dem titelgebenden Stück des Konzertnachmittags: „Siehe, ich verkündige euch große Freude“ von Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714), dem in seiner Zeit bekannten barocken Komponisten, der in Rudolstadt lebte und wirkte. Zu dessen Liedschaffen bemerkt der Musikwissenschaftler und einstige Dirigent des Rudolstädter Theaterorchesters Peter Gülke: „Die Werke spiegeln die ganze Vielfalt dessen, was das 17. Jahrhundert unter dem Begriff des Liedes zusammenfasste. Erlebachs Sammlungen sind die letzten ihrer Art – gewiss nicht zufällig, denn im geschichtlichen Rahmen kann der Rudolstädter Hof als ein Rückzugsgebiet jener Lebensstimmung gelten, ohne die die Liedproduktion des 17. Jahrhunderts, zumal seit Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, nicht zu denken ist.“ 22 Sängerinnen und Sänger im Bonhoeffer-Haus stimmen ein, doch der Chorleiter ist noch nicht so ganz zufrieden. „Da gibt es zwei, drei Stellen, wo wir genauer hingucken müssen“, sagt Reitzig und geht noch einmal in die einzelnen Stimmen, verweist auf Pausen und beruhigt. „Das klappt schon, wenn dirigiert wird.“ Er hat keine leichte Aufgabe: Das Klavierspielen, das Verfolgen der Stimmen, das deutliche Geben der Einsätze – ein Dirigent könnte manchmal mehr als nur zwei Hände gebrauchen. Weiter geht es dann zum nächsten Programmpunkt: ein Weihnachts- und Adventsklassiker von Heinrich Schütz (SWV 435) aus dem Frühbarock. Seine „Weihnachtshistorie“ ist neben Bachs Weihnachtsoratorium eines der meistgespielten festlichen Werke in der Vorweihnachtszeit und bei Chören beziehungsweise Orchestern beliebt. Im Konzert wird sie das Hauptstück sein, erklärt der Bezirkskantor und bittet um Chordisziplin. „Darf ich euch es erst vorspielen?“ Wichtig sei es, die Betonungen zu setzen, so Reitzig zu seinen Aktiven. Er spricht den Rhythmus vor. „Jetzt singen wir alles durch, weil wir hier keine vier Solisten haben. Achtung – am Schluss ein bisschen abwarten, einfach Geduld haben“, ermahnt er seine Männerstimmen. Jetzt kommen die Frauenstimmen dazu. Es erklingt „Lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein“, und der Klangkörper wächst zusammen. Konzentriert arbeiten die Musiker, probieren, runden ab, intonieren. „Ich weiß, der Alt freut sich, wenn er dann die Fuge eröffnen kann. Endlich kommt er mal groß raus!“, sagt Reitzig schmunzelnd und spricht damit das Los der Unterstimme an. Diese ist oft dem Sopran als Harmoniegeber unterlegen und kann eher selten tonführend zeigen, was in ihm – oder besser in ihnen – steckt. „Ehre sei Gott in der Höhe und ein ganz sanfter Frieden. ,Frieden’, bitte.“ Jetzt klappt auch der Übergang, und nach der nächsten Einheit entlässt der Kantor die Frauenstimmen. Derweil müssen die Männer noch mal ran, denn die Weisen aus dem Morgenland sind noch nicht so gut zu hören. Auch hier hilft der Chef: „Einfach mal reinhören! Wir haben ganz viele Quinten und Terzen parallel, wir ergänzen uns gut.“ Ja, das wird. Schließlich kommen auch noch die erfahrenen Solostimmen hinzu: Beim Konzert singt Antonietta Jana Sopran, Martin Steffan übernimmt den Tenor-Part und Aaron Kauffmann den Bass. Zudem sind es noch einige Probenstunden bis zum dritten Advent – und bis dahin sind auch hoffentlich die Stimmen wieder fit, die in der Übungsstunde der jahreszeitlichen Erkältung zum Opfer gefallen waren. Die Chormitglieder und ihr Leiter freuen sich jedenfalls auf den dritten Adventssonntag, denn das Programm ist nicht nur für Chormusik ein Ohrenschmaus: Auch die Orchesterstücke versprechen feine Klänge. Mit Georg Philipp Telemanns Sonatine a-Moll für Fagott und Orchester wird noch mal ein Barockstück zu hören sein, Sebastian Spratte am Fagott wird hier den Ton angeben. Die Streicher des „Collegium Musicale Bingen“ unter der Leitung von Wolfgang Thiel sowie Heinz-Günther Nuck und Björn Colditz mit ihren Trompeten stehen im Zentrum, wenn Vivaldis „Concerto C-Dur für Trompeten und Streicher“ erklingt. Schon fast in der Moderne ist das filigrane Werk des eigentlichen Spätromantikers Leos Janacek (1854 bis 1928) anzusiedeln, seine Suite für Streichorchester wird ebenfalls in der Peterskirche erklingen. Info Karten gibt es im Vorverkauf in Kirchheimbolanden bei der Buchhandlung Sattler und beim protestantischen Verwaltungsamt sowie an der Abendkasse.