Donnersbergkreis Ein Swimming-Pool voll „weißem Gold“

Hat in ihren bisher 14 Lebensjahren 15 Kälber geboren und durchschnittlich rund 8500 Liter Milch pro Jahr produziert: die auf de
Hat in ihren bisher 14 Lebensjahren 15 Kälber geboren und durchschnittlich rund 8500 Liter Milch pro Jahr produziert: die auf dem Hofgut Neumühle des Bezirksverbandes Pfalz beheimatete Holstein-Kuh »Kanada«, die unter anderem von Herdenmanager Klaus-Peter Korst und Tierärztin Theresa Scheu umsorgt wird.

Mit einer Leistung von über 100.000 Liter in ihren bisherigen 14 Lebensjahren hat es die schwarzbunte Holstein-Kuh „Kanada“ zwar nicht ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft – aber immerhin ist sie die erste auf dem Hofgut Neumühle bei Münchweiler beheimatete Kuh, die diese Rekordmarke erreicht hat.

Eine so große Milchmenge, die grob gerechnet fast 100 Kubikmetern entspricht, würde reichen, um einen Swimming-Pool von zehn Metern Länge, fünf Metern Breite und zwei Metern Tiefe zu füllen. Entsprechend stolz sind die Mitarbeiter der Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung auf ihre „Superkuh“. Theresa Scheu, als promovierte Fachtierärztin für Rinder auf dem Hofgut für die Gesundheit des gesamten Rindviehbestands zuständig, erzählt im Gespräch mit der RHEINPFALZ mit sichtlicher Begeisterung, dass diese Lebensleistung einer Kuh für Landwirte „so etwas wie eine Goldmedaille bei Olympia für Sportler“ bedeute. „Andere Landwirte, zum Beispiel die Gebrüder Karch aus Börrstadt oder Lothar Angne aus Winnweiler, haben schon viele 100.000-Liter-Kühe hervorgebracht, aber Kanada ist die erste bei uns – und da haben wir in diesen Tagen etwas zu feiern“, fährt Scheu fort. Die derart gefeierte Kuh ist am 2. Juni 2004 als Tochter des berühmten Bullen „Ramos“ und der braven Milchkuh „Kuba“ auf dem Hofgut Neumühle geboren und in die Herdbuchzucht des Deutschen Holstein Verbandes eingetragen worden. Die Holstein-Rinder sind eine weltweit verbreitete Milchviehrasse und gelten gemeinhin als Synonym für leistungsstarke Milchkühe bei guter Melkbarkeit, stabiler Gesundheit und langer Lebenserwartung. Mit mehr als 1,6 Millionen eingetragenen Tieren besitzt Deutschland die größte Zuchtpopulation im internationalen Vergleich. „Kanada ist eine Kuh, wie sie sich jeder Landwirt wünscht“, schwärmt Theresa Scheu. Sie habe bei jeder Laktation – so der Fachbegriff für den Milchzyklus – nicht übermäßig viel Milch gegeben; dafür sei sie robust, nie ernsthaft krank gewesen und ansonsten recht unauffällig. Der Milchstrom fließe allerdings nur, wenn die Kuh „ein Kalb bei Fuß“ habe, was bedeute, dass sie regelmäßig ein Kalb zur Welt bringen müsse. Bei ihren 13 Trächtigkeiten hat Kanada 15 Kälber geboren, darunter zweimal Zwillinge. Der Laktationszyklus einer Kuh dauere rund 305 Tage, erläutert Scheu weiter. Er beginne unmittelbar nach dem Kalben mit der gehaltvolleren Biestmilch, die aber schon nach wenigen Tagen in die normale Milchzusammensetzung übergehe – bei Kanada durchschnittlich mit 4,0 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß. Die Kurve der Milchmenge steige nach der Geburt zunächst steil an und erreiche nach 20 bis 40 Tagen ihr Maximum, um danach wieder allmählich abzufallen. Dieser Verlauf entspreche dem Milchbedarf des Kalbs. Mutter und Kalb würden jedoch schon bald nach der Geburt voneinander getrennt, die Kuh fortan gemolken und das Kalb über einen Nuckeleimer getränkt. Da durch gezielte Zucht mittlerweile die Milchleistung einer Kuh wesentlich höher sei als vom Kalb benötigt, könne die überschüssige Milch „abgeschöpft“ und als Einkommensquelle für Milchviehhalter genutzt werden. Einmal im Monat werde durch den Landeskontrollverband für jede Kuh die Milchmenge, der Milchgehalt nach Fett und Eiweiß sowie die Milchgüte nach Keim- und Zellzahl ermittelt. Die dabei zunächst auf den Monat und dann aufs Jahr hochgerechneten Milchmengen würden nur unwesentlich von den im Herdenmanagementprogramm täglich automatisch dokumentierten Zahlen abweichen. Wie Scheu zudem ausführt, werde die Kuh ungefähr 40 Tage nach dem Kalben wieder brünstig und nach einer Wartezeit von weiteren 40 Tagen – also insgesamt nach etwa 80 Tagen – erneut besamt. Mit der beginnenden Trächtigkeit gehe die Milchleistung konstant zurück. Sechs Wochen vor dem neuen Kalben oder sobald die Milchmenge unter den Schwellenwert von täglich zehn bis 15 Litern sinke, werde die Kuh „trockengestellt“, das heißt nicht mehr gemolken. In dieser Phase könne sich die Kuh erholen und auf die anstehende Geburt vorbereiten. Ihr jüngstes Kalb gebar Kanada im Vorjahr am 20. November. Der kleine Bulle wurde zu Ehren des Hofgutleiters Landfried nach dessen Vornamen Karl Eduard benannt. Als erste Kuh auf der Neumühle habe die bald 15-jährige Kanada 13 Laktationsperioden durchlaufen, was dem natürlichen Zyklus entspreche. Dabei seien nie ernsthafte Probleme aufgetreten, was nicht zuletzt auf die vorbildliche Betreuung durch die Mitarbeiter der Lehrwerkstätte Rinderhaltung zurückzuführen sei: Täglich kümmerten sich sechs Leute, eingeteilt nach Schicht und Verrichtungen mit Füttern, Melken, Stallreinigen und Gesundheitskontrolle – Streicheleinheiten inklusive – um das Tier, versichert Klaus-Peter Korst. Er ist Bachelor für Agrarwirtschaft und auf der Neumühle als Herdenmanager rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr für das Wohlergehen des Viehs und des Personals verantwortlich. Korst informiert auch, dass Hochleistungskühe heute durchaus 12.000 Liter Milch jährlich zu geben in der Lage seien, in Ausnahmefällen sogar mehr. Diese Spitzenwerte vergleicht Theresa Scheu mit der Leistung von Marathonläufern. Gemessen daran sei Kanada mit rund 8500 Litern jährlich lediglich beim Halbmarathon einzuordnen – aber vielleicht sei sie gerade deshalb ja auch so alt geworden. Wie Scheu versichert, dürfe Kanada aufgrund der außergewöhnlichen Leistung nach Beendigung ihrer aktiven Karriere als herausragende Milchkuh ihren Lebensabend auf den Weiden des Hofguts Neumühle verbringen.

x