Rockenhausen
Ein Kleinselbständiger berichtet: Das lange Warten auf die Corona-Hilfe
2020 hätte für Michael Scheffler ein super Jahr werden können: „Mein Auftragsbuch war voll. Nachdem der Getränkehandel Konrad in Steckweiler Ende 2019 aufgehört hat, habe ich einige neue feste Abnehmer hinzu bekommen. Für etliche Privatfeiern war mein Service ebenfalls schon gebucht – teils sogar parallel an einem Tag.“ Doch dann – wir alle kennen den Satz zur Genüge – kam Corona.
Die Firma des 47-Jährigen hat mehrere Standbeine: Er liefert Getränke an Gaststätten, Behörden, Firmen und Kommunen, für Veranstaltungen wie Kerwen oder Teilbereiche des Herbstfestes, aber auch für Privatfeiern. Daneben vermietet er das zugehörige Equipment, von Bierzeltgarnituren und -wagen über Kühlschränke bis hin zu Zapfanlagen. Und – „meine Konstante über Winter“ – er reinigt Schankanlagen. Überall hätte er im Vorjahr eine Menge zu tun gehabt.
Ein Polterabend, zwei Feste
Wäre, wäre, Fahrradkette – wie Fußball-Altstar Lothar Matthäus mal versehentlich in Abwandlung des bekannten Spruchs gesagt hat. Apropos Kette: Eine solche erlebte Scheffler seit vergangenem März in negativer Hinsicht. Eine Absage reihte sich zwangsläufig an die nächste. Die trostlose Bilanz des abgelaufenen Jahres: Neben der zwar vorübergehend geöffneten, aber nur sehr eingeschränkt frequentierten Gastronomie „hatte ich einen Polterabend sowie zwei kleine Feste über Sommer, als das erlaubt war“. Das war’s an Aufträgen – abgesehen von sporadischen privaten Belieferungen, die aber Scheffler aufgrund des geringen Umfangs mehr als Gefälligkeit sieht. „Wenn nicht meine Frau eine Festanstellung in einem Großunternehmen hätte, dann sähe es düster aus.“
Keine Frage also, dass der gebürtige Gehrweilerer, der seinen Betrieb seit einigen Jahren in Rockenhausen hat, auf staatliche Hilfe angewiesen ist. Und eines betont er im RHEINPFALZ-Gespräch: „Ich möchte nicht auf die Tränendrüse drücken und bin für jede finanzielle Unterstützung dankbar. Wenn ich das, was ich beantragt habe, tatsächlich erhalte, dann komme ich mit einem blauen Auge davon.“ Scheffler holt Luft – das „Aber“ lässt nicht lange auf sich warten: „Ich frage mich oft, wer sich die Regelungen ausdenkt beziehungsweise die Anträge entwirft – und ob diese Leute Ahnung von der Praxis haben.“
Kritikpunkt eins betrifft die Formulare: Sie seien viel zu kompliziert. Und das, obwohl sich seine Steuerberaterin um das Ausfüllen des Antrags kümmere. „Sie musste eigens eine CD dafür kaufen, ist ständig am Nachschlagen, ob dies oder jenes auf mich zutrifft.“ Zwar habe er Verständnis, dass die Gewährung der Überbrückungshilfe nicht mehr so großzügig gehandhabt werde wie beim ersten Lockdown, da damals offenbar auch Missbrauch betrieben worden sei. Dennoch ist nun aus seiner Sicht die Bürokratie übertrieben worden.
Er nennt zwei Beispiele: „Ich soll auf einem Extra-Blatt angeben, dass mein Betrieb nicht mehr als 150 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht. Muss so etwas jeder Kleinselbständige ausfüllen? Ich bin ein Ein-Mann-Betrieb.“ Oder es werde die Bestätigung verlangt, dass die Firma schon vor 1. Oktober 2020 existierte, „obwohl ich zugleich den Brief der Handwerkskammer vorlegen muss, auf dem das exakte Anmeldedatum steht“. Das alles führe dazu, dass man die Papiere zehnmal überprüfe – aus Angst, etwas falsch zu machen und am Ende leer auszugehen. „Ich verstehe nicht, warum dafür nicht die betriebswirtschaftliche Analyse ausreicht, die jeden Monat fürs Finanzamt erstellt wird. Da stehen schließlich alle wesentlichen Zahlen drin.“
Ständig neue Regelungen
Weiterhin bemängelt Scheffler, „dass sich ständig die Voraussetzungen ändern“, wie etwa die erst nachträglich aufgenommene Regelung mit „ungedeckten Fixkosten“ (siehe Zusatzartikel). „Wir hatten den Antrag für die Dezemberhilfe fertig, jetzt geht die Steuerberaterin nochmal alles genau durch. Es kann nicht sein, dass Du am Ende befürchten musst, Dir wird etwas abgezogen oder Du sollst sogar einen Teil des Geldes zurückzahlen.“
Und nicht zuletzt sind es die Zahlungen selbst, die bei ihm für Verärgerung sorgen. Im vergangenen Frühjahr habe er wie viele andere die erste Überbrückungshilfe in Höhe von 9000 Euro für drei Monate erhalten. „Meine Fixkosten für diesen Zeitraum – Miete, Leasing-Raten für den Fuhrpark, Versicherungen und so weiter – lagen aber noch ein Stück darüber. Und dann hat noch niemand gefragt, ob ich etwas im Kühlschrank habe.“
Noch unzufriedener fällt sein (vorläufiges) Urteil über die November-Hilfe aus: Betriebe, die wegen der Pandemie schließen mussten, erhalten 75 Prozent des Vorjahresmonats – so heißt es. „Ich habe in den ersten 14 Tagen noch in Gaststätten die Schankanlagen gereinigt, weil jeder dachte, Anfang Dezember geht es weiter.“ Diese Zeit – also der halbe Monat – werden ihm wohl abgezogen, obwohl er in diesem Zeitraum längst nicht den gleichen Umsatz wie bei Normalbetrieb hatte. Von der verbliebenen Hälfte habe er im Dezember 50 Prozent per Abschlagszahlung erhalten, „auf den restlichen Betrag warte ich bis heute“. Auch deshalb, weil es beim Ministerium Probleme mit dem Computersystem gegeben hatte. „und das in unserem Zeitalter – unglaublich, dass das so lange dauert“, sagt Scheffler kopfschüttelnd. Stand jetzt hat er also für November nur rund 20 Prozent des Betrags erhalten, den er 2019 umgesetzt hatte.
„Für viele ein harter Kampf“
Der Getränkehändler betont, dass er kein Einzelfall sei und seinem Herzen auch stellvertretend für andere Luft mache: „Es hat viele stark getroffen. Die Gastronomen, für die das Überleben ein harter Kampf ist, aber auch die Firmen, die wie ich in der Lieferkette hängen und teils auch noch die Verantwortung für einige Angestellte tragen“ – sei es der Großhandel oder der Wäscheservice. Und er verstehe auch den Frust der Modebranche, „die auf der Saisonware sitzen bleibt, während große Supermärkte Kleidung verkaufen.“ Er habe das Gefühl, dass durch solche und andere Regelungen „eine Menge an die Wand gefahren wird“. Umso wichtiger sei es, dass die Hilfen schnell bei den Betroffenen ankommen. Bevor’s zu spät ist.