Stetten
Ein Jahrhunderthochwasser - mal drei
Ortsbürgermeister Kai-Uwe Angermayer und sein Beigeordneter Markus Skiendziel – er war einer der Hauptbetroffenen der Juni-Hochwasser – kennen die Drohnenbilder der Feuerwehr Winnweiler mittlerweile genauestens: Zu sehen darauf, als Wärmebilder, jene Stellen, an denen sich Wasser staut, wo also ein Abfluss geschaffen werden müsste, um das Wasser zu kanalisieren.
Zwar ist Hochwasser für die Stetter nicht völlig unbekannt, schließlich liegt das Dorf in einer Senke, und von jeher musste man bei starkem Regen auch mal mit einem nassen Keller rechnen. Was aber in diesem Juni gleich dreimal über das Dorf hereinbrach, das ist mit nichts vergleichbar, woran sich Angermayer oder Skiendziel erinnern können. „Es ging blitzschnell, da stand meine ganze Werkstatt unter Wasser“, so Schreinermeister Skiendziel, der zum Zeitpunkt des Unglücks glücklicherweise noch mit all seinen Mitarbeitern vor Ort war. „Die Kanalisation konnte die Wassermassen nicht mehr fassen, aber wir hatten glücklicherweise noch genug Zeit, um alles hoch zu stellen und das Holz in Sicherheit bringen“, berichtet er. Auch sein Privathaus, unmittelbar neben der Werkstatt, blieb nicht verschont.
Gullydeckel hochgedrückt
Auch Angermayers Grundstück war betroffen. „Bei uns hat sich durch den Rückstau in der Kanalisation sogar im ersten Stockwerk Wasser aus der Toilette gedrückt“, berichtet er. Und die ehemalige Seniorenbeauftragte des Kreises, Ingrid Schlabach, beschreibt, wie das Wasser vor ihrem Haus springbrunnenartig die Gullys in die Höhe drückte und mit beängstigender Lautstärke durch die Kanalisation schoss. „So etwas“, und da ist sie sich mit Angermayer und Skiendziel einig, habe es die letzten 37 Jahre nicht gegeben. Einziger Lichtblick: Das Wasser im unteren Dorf kam aus der Kanalisation und führte keinen Schlamm mit sich.
Der machte dagegen den Bewohnern des oberen Dorfes entlang der Hauptstraße zu schaffen. Dort drückte sich der Regen, der zuvor die angrenzenden Äcker geflutet hatte, auf den Hof der Kita und in eine Scheune beim Weingut Boudier-Koeller. „In der Kita hatten wir nach dem ersten Hochwasser sofort den Hof wieder hergestellt“, so Angermayer. Ganze 9000 Euro habe das gekostet. Im Nachhinein war klar: Das war rausgeschmissenes Geld. „Aber wer konnte damit rechnen, dass es Stetten gleich dreimal treffen würde“, sagt Angermayer. So etwas sei die letzten 37 Jahre nicht passiert.
Komplette Wohnung ruiniert
Getroffen hat es auch Elmar Koeller und Robert Boudier, die 2008 das ehemalige Hofgut des Klosters Arnstein gekauft und aufwendig renoviert hatten. „Uns war bewusst, dass es hier eine Hochwassergefahr gibt“, sagt dazu Elmar Koeller. Aus diesem Grund habe man der Erneuerung des Abwassersystems besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Auch bei der zu Wohnungen ausgebaute Scheune habe man sukzessive Wasserleitungen und Sinkkästen verlegt. Nur ein kurzes Stück war dabei noch nicht vollständig versorgt. „Und da hat es dann das Wasser reingedrückt und eine komplette Wohnung ruiniert“, so Koeller. Das Mobiliar und alle Elektrogeräte wie Waschmaschinen und Herd seien dabei völlig zerstört worden.
Nach dem dritten und bislang letzten Hochwasser Ende Juni gab es eine Ortsbegehung mit betroffenen und interessierten Bürgern, Vertretern des Gemeinderats und der Verbandsgemeinde. Mit dabei auch Martin Cassel vom Planungsbüro Obermeyer aus Kaiserslautern, unter dessen Leitung die Hochwasserschutzkonzepte für den Kreis ausgearbeitet und umgesetzt werden. Allerdings ist Cassel mit dem Begriff Hochwasserschutz „nicht ganz glücklich“. Bei größeren Starkregen-Ereignissen sei echter Schutz kaum möglich. „Jeder noch so stabile Damm kann brechen“, sagt er. Einzig und alleine eine umfassende und durchdachte Vorsorge könne helfen, Schäden zu begrenzen. Und das, so Cassel, sei eine Gemeinschaftsaufgabe, an der viele mitwirken müssen.
Dazu zählten beispielsweise auch die Landwirte. „Auf den Feldern oberhalb des Dorfes waren zur Hochwasserzeit Mais und Rüben angebaut worden“, so Cassel. Das bedeute, dass der Boden offen bleibe und Regen nicht versickern könne oder zurückgehalten werde. „Teil des Hochwasserschutzkonzeptes muss es daher sein, gemeinsam mit den Landwirten Anbauformen zu finden, mit denen sie sowohl ihren Ertrag sichern als auch dem Wasser zumindest ansatzweise Einhalt gebieten können“, so Cassel. Auch die Privatleute müssten ihre Gefahrenstellen kennen und soweit möglich entschärfen.
Alte Fehler werden wieder gemacht
„Man muss sich beispielsweise anschauen, ob Ablaufwege vielleicht zugebaut wurden und welche anderen Wege man dem Wasser durch Umleitungen anbieten könnte“, nennt er ein Beispiel. Anschaulich werde die Problematik oft, wenn man sich die älteren Ortsteile anschaue. „Wenn eine Straße Wassergasse heißt und die Lichtschächte dort höher liegen, dann sollte man diese Hinweise nicht ignorieren. “
Cassel hat auch die Menschen im Moscheltal dabei beraten, wie sie ihre Häuser bei Starkregen schützen können. „Es gibt eine Fülle von Einzelmaßnahmen“, sagt er. So sei es im Moscheltal beispielsweise manchen Bewohnern zum Verhängnis geworden, dass über Gewässer Stege gebaut wurden, an denen sich dann das Wasser staute und von dort in die umliegenden Häuser lief. Ebenso sollte im Randbereich zu Gewässern weder Holz gelagert noch ein Gartenhaus gebaut werden. Fehler, die nach dem Hochwasser 2014 moniert wurden und zum Teil heute bereits wieder gemacht werden.
Zum Hochwasserschutz in Stetten arbeitet Cassel derzeit ein Konzept aus. Das soll in einer Bürgerversammlung vorgestellt und diskutiert werden. Wichtig sei eine breite Beteiligung der Einwohner. Denn klar sei, Vorsorge vor Hochwasser müsse im privaten Bereich beginnen. Und klar sei auch, so Cassel, der Klimawandel werde dafür sorgen, dass Extremwetter und Starkregen in Zukunft häufiger vorkämen – und man nie wissen könne, welche Ort es treffe.
Info
Drei Mal waren die Wehren der Verbandsgemeinde Kirchheimbolanden im Juni in Stetten zur Schadensbegrenzung nach Starkregen gefordert. Am 4. Juni waren zudem auch Dannenfels, Ilbesheim und Rittersheim betroffen, im Einsatz waren an diesem Tag 15 der 16 Wehren der VG; an 32 Stellen waren 147 Wehrleute von 20 bis gegen 3.30 Uhr in der Nacht im Einsatz. Nachdem es am 24. Juni relativ glimpflich verlaufen und nur ein Anwesen vom Wasser getroffen worden war, kam es am 29. Juni noch mal ganz dicke für Stetten. An 22 Einsatzstellen waren alle Wehren der VG Kirchheimbolanden mit 169 Wehrleuten zwischen 15 bis 23 Uhr im Einsatz. Die besondere Herausforderung in dieser Nacht: Ein Stromausfall bedrohte die Funktionsfähigkeit eines Beatmungsgerätes.