Eisenberg / Mayschoß RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Jahr nach der Flutkatastrophe: „Was, wenn es wieder passiert?“

Nach der Flut:: das Haus der Familie Coßmann.
Nach der Flut:: das Haus der Familie Coßmann.

Die Flutkatastrophe im Ahrtal wirkt nach. Auch ein Jahr später ist noch keine Normalität zurückgekehrt. Weder bei Betroffenen noch bei Helfern oder den Einsatzkräften, wie etwa den Eisenberger Wehrleuten.

Die Koffer waren schon gepackt. Nach Österreich sollte es gehen, eine Motorradtour durchs gesamte Land war geplant, der große Jahresurlaub. Dann kam der 14. Juli 2021 – und der Regen. Der brachte nicht nur die Urlaubspläne der Familie Coßmann aus Mayschoß (Landkreis Ahrweiler) durcheinander, sondern ihr ganzes Leben. „Ich war morgens noch ganz normal joggen, irgendwann fing es dann an zu regnen, noch nicht mal besonders heftig, man hat das erst gar nicht so als Bedrohung empfunden“, erinnert sich Andrea Coßmann (51). Erst als dann plötzlich die Feuerwehr vor der Tür stand und dazu riet, die Autos in Sicherheit zu bringen, habe der Familie langsam Übles geschwant. „Mein Mann Dieter und sein Sohn Ingo sind dann los, um auf einem unserer Grundstücke die Traktoren auf einen höher gelegenen Feldweg zu bringen. Da haben sie dann schon beobachtet, wie 100 Jahre alte Nussbäume einfach umkrachten, das war verstörend“, erinnert sie sich.

Die Ahr entwickelte sich im Verlauf des Tages zum reißenden Strom, die Familie konnte beobachten, wie der Fluss Gegenstände, Weinfässer etwa, mit sich zog, dann über das Ufer trat. Und irgendwann drang das Wasser auch in das Haus der Familie Coßmann ein. Wann, daran kann sich Andrea Coßmann gar nicht mehr so genau erinnern. Die untere Etage war schnell überflutet, Türen gingen kaputt, die Familie rettete sich in den zweiten Stock. „Ich hatte kurz zuvor noch im Keller versucht, die Heizung zu sichern, war da sogar für einen Moment eingeschlossen, weil durch das Wasser die Tür nicht mehr aufging“, so Coßmann. Rund 300.000 Euro Schaden sind an dem Haus der Familie entstanden, das kleinere Haus von Ingo, das im Hof des Geländes stand, musste später komplett abgerissen werden. Zum Glück sei aber die Familie selbst bei der Flutkatastrophe unversehrt geblieben. „Das ist die Hauptsache, das sagt auch mein Mann immer“, sagt Coßmann.

Die Coßmanns wollen bleiben

Es sei schnell klar gewesen, dass die Coßmanns in Mayschoß, in ihrem Haus, bleiben würden. Schließlich handelt es sich um das Elternhaus von Dieter Coßmann, viel Arbeit, viel Herzblut wurde hier hinein gesteckt. „Mein Mann ist hier verwurzelt. Ich selbst habe hier auch immer gerne gelebt, würde aber lügen, wenn ich sagen würde, dass mir bei dem Gedanken nicht mulmig ist, was vielleicht in Zukunft ist. Was, wenn es wieder passiert?“, sagt sie. Überhaupt müsse das alles erst einmal verarbeitet werden. Derzeit wirke der Ort, früher ein lebhaftes Weindörfchen, recht gespenstisch. Viele Häuser sind leer, unbewohnbar, zum Teil sind auch ganze Straßen weg.

Nachdem sie für ein paar Tage bei Freunden gewohnt hatte, ist die Familie direkt ins Haus zurückgekehrt, auch aus Angst vor Plünderern, und seither mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Viel geschieht in Eigenleistung. „Wir hatten leider keine Elementarversicherung“, sagt Coßmann. Staatliche Hilfen seien zum Teil schon geflossen, zum Teil laufen auch noch Anträge. „Unbürokratisch und unkompliziert ist da aber nichts“, sagt Coßmann. Aber es sei auch viel gespendet worden, auch Baumaterial. „Die Hilfsbereitschaft war schon enorm, das war schon überwältigend. Viele kamen ja von weit her, um zu helfen, wie etwa die Wehrleute aus Eisenberg. Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Andrea Coßmann.

Erinnerungen, die bleiben

Wenn Marcus Schmidt an seine Einsätze im Ahrtal zurückdenkt, dann hat er immer noch diesen Geschmack im Mund und diesen Geruch in der Nase. „So läuft das bei mir mit Erinnerungen, das ist miteinander verknüpft“, sagt der stellvertretende Wehrführer der Eisenberger Feuerwehr. Allzu sehr will er nicht ins Detail gehen, was er vor Ort erlebt hat. Drei, vier Rettungseinsätze habe er mit Eisenbergs Wehrleiter Michael Partsch da unten absolviert. Schmidt bringt es knapp auf den Punkt: „Das war das Schlimmste, was ich als Feuerwehrmann je erlebt habe.“

Natürlich ging es auch den Feuerwehrkollegen so. Nicht nur Wehrleute aus Eisenberg, sondern etwa auch aus Rosenthal, Kerzenheim und Ramsen waren im Ahrtal, um zu helfen. Neulich habe man bei einem Grillfest bei der Feuerwehr in Kirchheimbolanden mal wieder über das Thema gesprochen, die Erfahrungen, die die Wehrleute machten, seien dabei nahezu deckungsgleich. „Das sind Dinge, die man nicht so einfach abschüttelt. Ich bin zwischen den Rettungseinsätzen immer mal wieder nach Hause, konnte zwei Tage nicht schlafen, ehe es dann doch geklappt hat“, erinnert sich Schmidt. Die beste Medizin sei dann gewesen, wieder ins Katastrophengebiet zurückzukehren. „Später haben wir dann ja auch Hilfsgüter ins Ahrtal gefahren, beim Aufräumen geholfen. Das hat mir sehr geholfen, zu sehen, wie sich bei den Menschen langsam wieder der Alltag einstellt. Oder ein Alltag“, so Schmidt. Und Partsch sagt: „Es hat geholfen, zu sehen, dass es bei manchen wieder vorangeht. Gleichzeitig war es natürlich aber auch schwierig zu beobachten, dass das bei manchen nicht der Fall ist.“ Das Gefühl, durch die koordinierten Hilfstransporte direkt helfen zu können, sei wichtig gewesen.

Vom Umgang mit der Krise

Er selbst habe keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, für ihn regeln sich solche Dinge mit der Zeit, sagt Schmidt. „Aber es gibt dieses Angebot für Feuerwehrleute, das gab es auch im Ahrtal. Und hier in Eisenberg haben wir immer das Angebot der Krisenintervention, etwa von Pfarrer Hauth, der für uns da ist und ein offenes Ohr hat“, sagt Schmidt. Oft helfe es aber schon, wenn man in der Runde der Wehrleute über das Erlebte spricht – und das passiere eigentlich regelmäßig. „Die Akzeptanz innerhalb der Wehr für solche Angebote ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, das wird genutzt. Und wenn wir das Gefühl haben, da ist etwas passiert, über das man sprechen sollte, dann holen wir auch einfach mal einen Seelsorger dazu und bieten Einzel- oder Gruppengespräche an“, sagt Wehrleiter Michael Partsch.

Die ganzen politischen Diskussionen, die sich im Anschluss der Katastrophe ergaben, haben die Wehrleute zwar verfolgt, aber ohne Groll. „Letztlich sind das Extremsituationen. Und es liegt in der Natur des Menschen, da nach Schuldigen zu suchen“, so Schmidt. Er denke da eher wie ein Feuerwehrmann: „Wir haben vor Ort auch gemerkt, dass wir mit den Routinen, die wir eingeübt haben, in solchen Situationen nur bis zu einem gewissen Punkt kommen, uns irgendwann klar machen mussten, dass wir in den gewohnten Strukturen nicht arbeiten können“, so Schmidt. Er selbst sei etwa bei einem Einsatz mirnichtsdirnichts Zugführer eines Hauensteiner Löschzugs geworden, das müsse man in der Situation pragmatisch angehen. Auch Partsch sagt: „Eine Situation wie im Ahrtal lässt sich vielleicht theoretisch vorher durchspielen, aber praktisch sieht das dann vor Ort ganz anders aus. Solche Ereignisse, mit diesen vielen Toten und Verletzten, der Gesamtgemengelage, kein Strom: So etwas kann man vorher nicht proben“, sagt Partsch. Und Andrea Coßmann sagt: „Die Schuldfrage ist wichtig, das muss geklärt werden. Aber wir als Betroffene beschäftigen uns damit eher nur am Rande, uns hilft das auch nicht weiter.“

Was von der Katastrophe bleibt

Ob etwas von der Hochwasser-Katastrophe geblieben ist, bei den Eisenbergern? „Mehrere Dinge“, sagt Schmidt. Einerseits im zwischenmenschlichen Bereich. Zu einigen Helfern, Feuerwehrleuten aus der Krisenregion und Betroffenen habe man immer noch Kontakt, man hat sich auch schon gegenseitige Besuche versichert, will die Verbindungen pflegen. Das ist auch Partsch im Gedächtnis geblieben, ebenso wie die Hilfsbereitschaft, die man dort erlebt hat: „Da sind Privatleute mit dem Auto angefahren, haben das irgendwo abgestellt und sind dann kilometerweit zu Fuß gelaufen, um zu sehen, wo sie vielleicht helfen können.“

Und dann habe die Katastrophe auch nochmal das Bewusstsein für den Klimawandel und seine Folgen geschärft. „Früher kannte man solche Bilder nur von anderswo. Wenn das jetzt so vor der Haustür passiert, das ändert natürlich den Blick auf vieles“, sagt Schmidt. Das übersetzt sich natürlich auch in die Arbeit der Feuerwehr, man rüstet sich für Extremwetterlagen. Schmidt: „Das Thema ist jetzt auf dem Tapet.“

Ein guter Kontakt, der zwischen Eisenberg und dem Ahrtal entstanden ist, ist übrigens auch der zu Maren und Bastian Maas, selbst Feuerwehrmann. Die beiden 35-Jährigen wohnen in Oberzissen im Landkreis Ahrweiler. Der Ort blieb vom Hochwasser verschont, aber die Familie Maas hat viele Kontakte ins Krisengebiet – und half. Sie richtete zuerst ein Lager für Hilfsgüter ein, das später dezentralen Lagern wich.

Noch heute ist sie von der Hilfsbereitschaft überwältigt, kümmert sich noch um Spenden, die eintrudeln, vor allem Haushaltsgeräte: „Das war schon eindrucksvoll, was da alles ankam. Auch aus weiter entfernten Regionen, wie etwa Eisenberg“, sagt sie. Noch heute pflegen sie und ihr Mann gute Kontakte zu den Eisenbergern, aber auch zu den Coßmanns. Maas: „Es wäre schön, wenn man sich irgendwann mal wieder trifft. Einfach so. Ganz ohne Hilfsgüter.“

Rechts und links wohnt niemand mehr: Mit der Eisenberger Feuerwehr im Ahrtal.

Nach Monaten trafen sie sich im Januar wieder, von links: Maren Maas, Andrea und Dieter Coßmann sowie die Eisenberger Wehrleute
Nach Monaten trafen sie sich im Januar wieder, von links: Maren Maas, Andrea und Dieter Coßmann sowie die Eisenberger Wehrleute Marcus Schmidt und Michael Partsch.
Der Tag der Flut.
Der Tag der Flut.
Heute: der Wiederaufbau läuft.
Heute: der Wiederaufbau läuft.
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