Donnersbergkreis Ein Fest der Stimmen, Klänge und Bilder

Die Ballettschule Flex & Point ergänzte das Konzertgeschehen durch farbenprächtige Tanzbilder.
Die Ballettschule Flex & Point ergänzte das Konzertgeschehen durch farbenprächtige Tanzbilder.

«Kirchheimbolanden.» Ein Fest schöner Stimmen, mitreißender Klänge und anmutiger tänzerischer Bilder: das von Stefan Wasser geleitete Konzert zum 650. Stadtjubiläum mit dem Nordpfälzer Oratorienchor, Solisten und der Kammerphilharmonie Europa aus Köln in der gut besuchten Stadthalle. Denkbar „kulinarisch“ ausgerichtet war das Programm: Böhmische Musikantenseligkeit und slawisches Kolorit versprechen Musik, die schnell ins Ohr und ins Blut geht.

Glänzend war schon der Auftakt mit den vier Slawischen Tänzen von Antonin Dvorák – Nr. 1, C-Dur, Nr. 4, F-Dur, Nr. 2, e-Moll und Nr. 8, g-Moll. Ausnahmslos nachwirkende Ohrwürmer, schwelgend im Wechsel spritzig schäumender und schwerblütiger Folklore. Das opulent besetzte Orchester konzertierte (von unbedeutenden „Wacklern“ hie und da abgesehen) professionell und zündend, Wasser fachte den fein aufeinander bezogenen Klangkörper mit der Emotionalität, dem Feuer und der Leidenschaftlichkeit an, für die man seine Interpretationen schätzt; mimisch und gestisch rückhaltlos war er der Musik hingegeben. (Da wird der Taktstock schon mal zum Stilett.) Wirkungsvoll leuchtend nahm das abstrakte Bühnenbild Ursula Reindells mit seiner changierenden Farbpalette die verschieden getönten Stimmungen auf. Ein ungarisches Schmankerl tremolierender Gulaschgeigen und rauschhafter Gefühle: Auszüge aus Franz Lehárs romantischer Operette „Zigeunerliebe“. Perlender Wiener Walzer und Csárdás, süffig-süß wie Tokaier, werden hier eins, wobei die Partitur höchste spieltechnische Ansprüche stellt. Längst verbietet sich ja der Begriff „Zigeuner“ – nur noch in der Operetten-Nische und aufgrund der genialen Musikalität, die sich damit verbindet, kann er sich bis heute behaupten. Mit ein Höhepunkt des Abends war der Auftritt Gunda Baumgärtners, die hier in glamouröser Robe, umspielt von rosa Volants, schon rein äußerlich das Klischee wilder Schönheit restlos bediente. Einmal mehr begeisterte sie mit ihrem wunderbar fülligen und an lebhaften Farben so reichen Sopran, der auch in der Höhe noch verführerisch schmeichelnd blieb, in der Arie vom „kleinen Mädel“ und – ganz besonders – in dem Herzstück, dem Csárdás „Hör ich Cymbalklänge“. Sie tanzt und schwingt ein Tamburin. Im Duo mit dem Konzertmeister Arkadi Spektor, unbestritten ein großartiger Virtuose, trumpfte sie auf gleicher Wellenlänge auf: zum Mitweinen schön, die schluchzende Geige. Bravissimo! Teil II brachte einen großen Querschnitt durch „Die verkaufte Braut“ von Friedrich Smetana, sie ist die tschechische Nationaloper schlechthin. Wasser gab der konzertanten Aufführung mit reflektierend hinterfragenden, oft lyrischen Texten die Richtung vor: eine klare Absage an chauvinistische Kreise, die auf ekelhaft verlogene Art und Weise einen verengten Nationalstolz produzieren wollen. Eindringlich und versiert tritt Simone Zehm als Sprecherin auf. Und auch hier ist es die Musik, die das minderwertige Libretto vergessen lässt: Äcker werden mit Äckerchen verheiratet und die Frau zum Objekt degradiert. Zum Tragen kommen vielmehr vitale, komödiantische Lebensfreude und der zeitlos schöne, folkloristisch geprägte Melodienreichtum Smetanas. Bereits zur ländlich-bukolischen Ouvertüre schweben die Elevinnen der Ballettschule Flex & Point (diesmal vertreten von Lisa Frölich) durch den Mittelgang. Sie drehen sich, springen, erstarren in malerischer Position, immer lächelnd, hübsch aufgemacht mit Kränzchen im Haar und schwingenden roten Röcken. Eine graziöse Augenweide – noch zweimal treten sie in anderer Kostümierung auf. Und überhaupt bestechen in dieser Oper insbesondere die fulminanten Tanz- und Ensembleszenen. Der stimmgewaltige Chor – um die 80 Sängerinnen und Sänger – singt in seiner Bestform: homogen, geschliffen, hochmotiviert und dynamisch. Beeindruckend aufs Neue, welches Niveau hier mit Laien erreicht wurde, nicht zu vergessen die in sich runde Übereinstimmung mit den Instrumentalisten. Glanzlichter setzen die Solisten auf, die stellenweise Gefahr laufen, von soviel Klangpracht erdrückt zu werden. Gunda Baumgärtner – welche Bandbreite! – rührt jetzt an als naiv liebende, sehnsuchtsvolle Marie, die sich bitter enttäuscht sieht von ihrem Hans. Er wird von Johannes Grau verkörpert – sein Tenor klingt warm, trägt weit – auch darstellerisch überzeugt er. Thomas Herberich, schlichtweg grandios, singt bravourös die Basspartien, und besonders markant bleibt der bauernschlaue Heiratsvermittler Keza. Brillante Farbtupfer liefern die virile Huldigung an „die Himmelsgabe Bier“ und die musikalische Zirkusmenagerie. Ende gut, alles gut: Die Liebe von Marie und Hans siegt über berechnendes Schachern. (Kommentar: „Jucheisassassa! Wie es bei Shakespeare auch schon war.“) Finale Überraschung nach großem Applaus: Maestro Wasser stellt sein neuestes Stück vor, eine „Kleine Hommage an Kirchheimbolanden“ (die dann doch umfangreicher ausfällt) für Orchester, Sopran und Chor, getextet in Reimen. Mit urgewaltigem, leicht russisch-folkloristisch eingefärbtem Tosen und Brausen landet ein Raumschiff vor dem kleinen Städtchen am Donnersberg. Dem UFO entsteigt eine liebliche Fee, Gunda Baumgärtner, die die idyllische Landschaft preist und immer betörender und hymnischer ihre Liebeserklärung an Kibo singt, während der Klangteppich unter ihr sich mehr und mehr verdichtet. „Mozart, Weber, hohe Gäste kamen einst für kurze Zeit/ dort wo kleine Adelsfeste standen für Kultur bereit... Kirchheimbolanden (nur die Betonung stimmte nicht ganz), aus edelsten Banden erreicht dein Charme uns königlich. Kirchheimbolanden, so kraftvoll vorhanden und dennoch zahm, wir lieben dich... Trotz aller Krisen blühen noch die Wiesen und Blumen sprießen.“ Stürmischer Beifall, stehende Ovationen. Stadtbürgermeister Klaus Hartmüller dankte den Mitwirkenden und würdigte das Konzert als „ersten Höhepunkt des Jubiläumsjahres. Krönung war die Hommage an Kibo“.

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