Göllheim / Otterbach-Otterberg RHEINPFALZ Plus Artikel Dorfentwicklung: Wer im Ortskern saniert, spart Steuern

Auch dieses Haus, dem Büro Kernplan im Rahmen der Ortsbegehungen aufgefallen, könnte saniert werden.
Auch dieses Haus, dem Büro Kernplan im Rahmen der Ortsbegehungen aufgefallen, könnte saniert werden.

Wie kann man wieder mehr Leben in die alten Ortskerne von Dörfern bringen? Die Verbandsgemeinden Göllheim und die VG Otterbach-Otterberg haben gemeinsam ein Projekt auf den Weg gebracht, das dieser Frage nachgeht. Eine Idee besteht darin, Menschen bei der Sanierung von Immobilien finanziell sehr viel stärker als bisher zu unterstützen.

Was ist ein Dorf? Noch vor wenigen Generationen war diese Frage recht einfach zu beantworten: Der Wohnort einer ländlichen, mehrheitlich in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung. Jeder kannte jeden. Und heute? Kaum noch Landwirte, Neubaugebiete am Ortsrand, Pendler, die selten am Dorfleben teilnehmen. Im Ortskern sterben die Alten, und die Jungen wollen die großen, oft renovierungsbedürftigen Gehöfte nicht behalten. Verkaufen ist aber auch nicht ganz einfach. Das Ergebnis: viele Leerstände.

Dass dies kein erstrebenswerter Zustand ist, hat man in den Dörfern selbst natürlich längst erkannt, und es gibt bereits Anstrengungen, das zu ändern. Weil der Trend gerade, nicht zuletzt wegen hoher Mieten und noch höherer Immobilienpreise, von den Städten weg in die ländlichen Regionen geht, stehen die Zeichen dafür gar nicht mal so schlecht. Allerdings müssen die Dörfer ihren Bürgern auch die geeigneten Bedingungen bieten.

„Ortskerne sind die Aushängeschilder“

Genau hier setzt das Leader-Projekt „Dorfentwicklung im Ortskern“ an, das die beiden Verbandsgemeinden Göllheim im Donnersbergkreis und Otterbach-Otterberg im Landkreis Kaiserslautern als Gemeinschaftsprojekt auf den Weg gebracht haben. Das Ziel formuliert Steffen Antweiler, Bürgermeister der VG Göllheim, ganz griffig: „Wir wollen Bauwillige von der grünen Wiese in die Ortskerne locken, denn das sind die bildprägenden Aushängeschilder der Gemeinden, nicht die Neubaugebiete.“

Da die beiden VG-Chefs das gleiche Ziel haben, Geld aus dem speziell für die Entwicklung des ländlichen Raums aufgelegten EU-Leader-Programm aber jeweils nur einmal fließt und ein gefördertes Projekt immer Pilotfunktion für andere Kommunen haben muss, lag es nahe, sich zusammenzutun. Beauftragt mit der Entwicklung eines Konzeptes wurde das Ingenieurbüro „Kernplan“ aus dem saarländischen Illingen, das sich auf Städtebau, Raum- und Umweltplanung spezialisiert hat.

„Wir haben uns in einem ersten Schritt alle 25 Ortskerne der beiden Verbandsgemeinden angeschaut und die jeweils individuelle Problemlage analysiert“, erläutert Kernplan-Geschäftsführer Hugo Kern. „Wir haben zahlreiche Instrumente identifiziert, die helfen können, einen Ortskern fitzumachen. Das mit Abstand wichtigste dieser Instrumente ist die Ausweisung des Ortskerns als Sanierungsgebiet.“

Steuerersparnis als Sanierungsturbo

Was zunächst einmal sehr bürokratisch klingt, könnte sich nach Einschätzung aller Beteiligten als regelrechter Sanierungturbo erweisen. Denn in einer entsprechenden Sanierungssatzung schreibt die jeweilige Ortsgemeinde fest, dass jeder Eigentümer, der innerhalb dieses Sanierungsgebietes ein Haus umbaut, saniert oder modernisiert, seine Kosten, gestreckt über zwölf Jahre, zu 90 bis 100 Prozent von der Steuer absetzen kann. „Es gibt kein anderes ähnlich lukratives Förderprogramm“, betont Kern.

Und das bei sehr wenig Auflagen: Luxussanierung geht zum Beispiel nicht. Komplett abreißen und neu bauen auch nicht. Entkernen ist allerdings möglich. Als Grenzfall gilt der Ausbau einer Scheune. „Das hängt vom jeweiligen Finanzamt ab“, so Kern. Was auch nicht möglich ist: sich Eigenleistungen anrechnen zu lassen. Möglich dagegen, und sogar ausdrücklich gewünscht, sind energetische Sanierung oder Umrüstung auf Barrierefreiheit.

Professionelle Hilfe für Sanierungswillige

Um loslegen zu können, muss der sanierungswillige Bürger zunächst mit seiner Ortsgemeinde eine umfangreiche, mehrere Din-A-4-Seiten umfassende Modernisierungsvereinbarung abschließen. „Im Gegenzug bekommt er von der Gemeinde professionelle Hilfe an die Hand: In Gestalt eines Sanierungsberaters oder Kümmerers“, wie Harald Westrich, Bürgermeister der VG Otterbach-Otterberg, erläutert. Der ist obligatorisch und wird von der Verbandsgemeinde gestellt und bezahlt. Derzeit laufen dafür in beiden VG die Ausschreibungen, in Frage für den Job kommen etwa Architekten oder Stadtplaner. Dieser Kümmerer soll den Eigentümer in allen Fragen beraten, von Finanzierung bis Optik, und ist auch später für die Bescheinigung der gegenüber dem Finanzamt abzurechnenden Leistungen zuständig. Laut Westrich soll es idealerweise pro VG nicht nur einen, sondern mehrere dieser Fachberater geben, damit die Bürger auch eine entsprechende Auswahl haben.

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz drückten die beiden Bürgermeister am Montag ihre Hoffnung aus, dass alle bürokratischen Vorentscheidungen bis November erledigt sein werden. Demnach könnten die ersten sanierungswilligen Bürger bereits ab Ende des Jahres ihre Anträge stellen. Davor soll es zentrale Informationsveranstaltungen für die Bürger geben – derzeit sind zwei pro VG vorgesehen –, und seitens der Kommunen, sowohl der Orts-, als auch der Verbandsgemeinden, will man aktiv auf mögliche Interessenten zugehen. Eine Ausnahme gibt es bei dem Programm allerdings: Die Gemeinden, die bereits im Städtebauprogramm sind, können nicht ein zweites Mal berücksichtigt werden.

Zentrale Info-Veranstaltungen:

  • 27. September, 19 Uhr, Katzweiler
  • 4. Oktober, 19 Uhr, Mehlbach
  • 28. Oktober, 19 Uhr, Albisheim
  • 2. November, 19 Uhr, Göllheim
Raum- und Umweltplaner Hugo Kern (Mitte) sichtet mit den beiden Bürgermeistern Harald Westrich (links) und Steffen Antweiler die
Raum- und Umweltplaner Hugo Kern (Mitte) sichtet mit den beiden Bürgermeistern Harald Westrich (links) und Steffen Antweiler die Konzeptpapiere für die jeweiligen Ortsgemeinden.
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