Adventskalender
Donnersberger Persönlichkeiten über ihre Lieblings-Weihnachtsgedichte
Weihnachtsfeiern sind fröhliche Feste – egal, wo sie stattfinden, ob in privaten oder kirchlichen Bereichen. Und immer gehören Lieder dazu und auch Gedichte, die Erwachsene oft an ihre Kindheit erinnern. Wir haben fünf Persönlichkeiten, die im Donnersbergkreis leben, nach den Gedichten gefragt, die für sie zu Weihnachten gehören: Sven Bischoff, Chef der gleichnamigen Brauerei in Winnweiler, Kalli Koppold, Musiker aus Einselthum, Norbert Pasternack, Leiter der Ökumenischen Sozialstation in Rockenhausen, Michael Schmid, Chefarzt der Klinik für Chirurgie in Kirchheimbolanden, und Root Leeb, Schriftstellerin aus Marnheim.
„Weihnachten ist für mich ein wichtiges Fest“, beginnt Sven Bischoff, als er die Entscheidung für „sein“ Gedicht erläutert. „Es bedeutet immer einen positiven Einschnitt, eine Auszeit; es ist die Gelegenheit, um runterzufahren, um mit der Familie zusammen zu sein und Freunde zu treffen. Nun sind Gedichte nicht gerade mein Spezialgebiet. Aber als ich das von Eichendorff gelesen habe, gab es so ein Kindheitsgefühl.“
Sven Bischoff denkt gern zurück an die Rituale des Weihnachtsfests in seinem Elternhaus: Das Zimmer mit dem Weihnachtsbaum wurde für einige Tage verschlossen und damit stieg die Spannung bei den Kindern. Schön seien die Ausritte mit dem Vater gewesen und an Heiligabend der Winnweilerer Rundweg zum Gottesdienst mit dem Krippenspiel in der Kirche. Vor der Bescherung wurde natürlich gebimmelt.
Weihnachten
Markt und Straßen stehn verlassen / Still erleuchtet jedes Haus / Sinnend geh’ ich durch die Gassen/ Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen / Buntes Spielzeug fromm geschmückt / Tausend Kindlein stehn und schauen / Sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern / Bis hinaus ins freie Feld / Hehres Glänzen, heil’ges Schauern! / Wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen / Aus des Schnees Einsamkeit / Steigt’s wie wunderbares Singen /O du gnadenreiche Zeit!
Joseph von Eichendorff (1788-1857)
Kalli Koppold ist 27 Jahre alt und feiert 2020 sein 20-jähriges Bühnenjubiläum: Mit acht stand er in der Gau-Odernheimer Petersberghalle zum ersten Mal musizierend vor Publikum. Kalli Koppolds Leben ist die Musik, im Donnersbergkreis kennt ihn fast jeder. Aber er zieht seine rhythmischen Kreise auch außerhalb der Pfalz, war vor kurzem auf einer Tour durch Österreich. „Ich komme aber immer wieder sehr gern ins Zellertal zurück, bin ein Familienmensch“, erzählt er. „Und Weihnachten verbringe ich natürlich zu Hause. Es gibt den traditionellen Karpfen, ein Gericht, das meine Mutter, die aus Tschechien stammt, mitgebracht hat. Und wir genießen die ruhige Zeit miteinander.“
Koppolds Wahl fiel auf ein kleines Gedicht von Goethe. Der Rhythmus habe es ihm angetan, der angenehm gleichmäßige Schwung und die harmonische Ausstrahlung. „Es weckt auch Erinnerungen an eine friedliche Kindheit“, ergänzt er.
Weihnachten
Bäume leuchtend, Bäume blendend / Überall das Süße spendend / In dem Glanze sich bewegend / Alt und junges Herz erregend / Solch ein Fest ist uns bescheret / Mancher Gaben Schmuck verehret / Staunend schaun wir auf und nieder / Hin und her und immer wieder.
J. W. von Goethe (1749-1832)
Norbert Pasternack ist seit dem Frühjahr Leiter der Ökumenischen Sozialstation Rockenhausen. „Es ist eine sehr lebendige Arbeit, die hier zu gestalten ist. Wir sind als mobiler Pflegedienst im wahrsten Sinne des Wortes immer in Bewegung. Und haben natürlich mit vielen angespannten Situationen zu tun. Vielleicht hat mich deswegen auch das Gedicht von Kästner so angesprochen.“
Das Gedicht „Weihnachtslied. Chemisch gereinigt“ erschien erstmalig 1927, in einer Zeit heftiger sozialer Spannungen während der Weimarer Republik. Es parodiert das bekannte Lied „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ und verkehrt dessen Botschaft in nüchterner, desillusionierender Sprache ins Gegenteil. „Obwohl Lyrik nicht unbedingt meine Abteilung ist, spricht mich dieses Gedicht an, weil es sozialkritisch die Dinge auf den Punkt bringt“, erläutert Pasternack. „Es stimmt mich nachdenklich und macht mich darauf aufmerksam, dass es an Weihnachten um wichtige Werte geht, die man leicht aus dem Auge verliert.“
Weihnachtslied. Chemisch gereinigt. (Auszug)
Morgen, Kinder, wird’s nichts geben! / Nur wer hat, kriegt noch geschenkt / Mutter schenkte euch das Leben / Das genügt, wenn man’s bedenkt / Einmal kommt auch Eure Zeit / Morgen ist’s noch nicht so weit. Doch ihr dürft nicht traurig werden / Reiche haben Armut gern / Gänsebraten macht Beschwerden / Puppen sind nicht mehr modern / Morgen kommt der Weihnachtsmann / Allerdings nur nebenan.
Erich Kästner (1899-1974)
Ein Chef ist nur so gut wie sein Team. Diese Auffassung vertritt Michael Schmid, Leiter der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie in Kirchheimbolanden, und die führte dazu, dass er die Bitte, ein Gedicht auszusuchen, an seine 15 Mitarbeiter weitergegeben hat. Dazu gehören Diana Zajak und Verena Brand-Pfannebecker; die beiden haben daraufhin ein kleines lyrisches Repertoire zusammengestellt und zum Diskutieren und Abstimmen in die Gruppe weitergereicht. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Der klare Favorit ist das Gedicht von Rolf Krenzer „Wann fängt Weihnachten an?“.
Im Gespräch über diese Entscheidung sind sich die zwei organisierenden Damen einig: „In dem Gedicht geht es vor allen Dingen darum, dass man nach seinem Nächsten schaut, ihn wahrnimmt und sich kümmert. Das wirkt aber nicht kitschig, sondern wird echt rübergebracht. Es gibt so viel Hektik und so viel negative Energie in der Adventszeit, da tun diese Verse gut.“
Root Leeb hat sich ebenfalls für diese Verse entschieden. Sie ist schon lange im Donnersbergkreis heimisch und freut sich auf eine ruhige Zeit an den Weihnachtstagen, die sie mit ihrer Familie verbringen wird. Sie und ihr Mann Rafik Schami sind in der Adventszeit lesend, vorlesend viel unterwegs und stark gefordert und deswegen steht als Erholung anschließend noch eine kleine Urlaubsauszeit in den Bergen an.
„Die Botschaft des Krenzer-Gedichts hat mich erreicht“, sagt sie. „Es trifft etwas in mir, was wohl damit zu tun hat, dass ich länger sozialpädagogisch tätig war. Es geht um zwischenmenschliche Dinge, um Zuwendung und Wahrnehmung, also um das Entscheidende im Leben – nicht nur in der Adventszeit.“ Die Gefahr sei ja immer, dass solche Verse lieblich daherkommen, gerade beim Thema „Weihnachten“. „Das ist aber hier nicht der Fall.“
Wann fängt Weihnachten an?
Wenn der Schwache dem Starken die Schwäche vergibt / wenn der Starke die Kräfte des Schwachen liebt / wenn der Habewas mit dem Habenichts teilt / wenn der Laute bei dem Stummen verweilt / und begreift, was der Stumme ihm sagen will / wenn das Leise laut wird und das Laute still / wenn das Bedeutungsvolle bedeutungslos / das scheinbar Unwichtige wichtig und groß / wenn mitten im Dunkel ein winziges Licht / Geborgenheit, helles Leben verspricht / und du zögerst nicht, sondern du gehst / so wie du bist, darauf zu / dann, ja dann / fängt Weihnachten an.
Rolf Krenzer (1936-2007)
© Rolf Krenzer Erben, Dillenburg