Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Donnersberger Literaturtage: „Herr Mayr, wie vereinen sie Psychologie und Poesie?“

Thomas Mayr weiß aus Erfahrung: Viele Schüler glauben, mit besonders schweren Themen bei der Jury punkten zu können.
Thomas Mayr weiß aus Erfahrung: Viele Schüler glauben, mit besonders schweren Themen bei der Jury punkten zu können.

Seit fast 20 Jahren bieten die Donnersberger Literaturtage jungen Autoren eine Bühne. Im Interview verrät Organisator Thomas Mayr, wie sich die Einreichungen verändert haben.

Herr Mayr, aktuell laufen die zehnten Donnersberger Literaturtage. Mit welcher Intention haben Sie sie damals mit Ihren Mitstreitern gegründet?
Ursprünglich ging das Ganze 2006 aus einer Initiative einer kleinen Autorengruppe von fünf Personen hervor: Monika Bös, Minna Maria Rembe, Olympia Weber, Martina Weber und Weber und meine Wenigkeit. Zusammen haben wir die ersten Donnersberger Literaturtage gemacht und das lief auch sehr gut. Damals lag ein Großteil des Organisatorischen bereits bei mir. Während der Schwerpunkt für die anderen im eigenen Auftreten lag, wollte ich gerne eine Literaturveranstaltung für den Kreis machen. 2009 blieb ich als einziger aus dieser ursprünglichen Gruppe dabei. Mir war vor allem die Arbeit mit den Schülern wichtig, also dass Schüler ihre Kurzgeschichten zu einem vorgegebenen Thema einreichen können und es einen Schreibwettbewerb gab.

Warum gerade Schulen? Oft haben Schüler ja den Ruf weg, nur noch konsumieren, aber nichts eigenes mehr produzieren zu können. Ist das noch haltbar?
Das kann ich so überhaupt nicht sagen. Meine Mutter war Lehrerin wie auch ihre Schwestern. Ich selbst habe Pädagogik studiert, von daher war es mir ein Anliegen. Aber natürlich ist die Organisation mit den Schulen sehr arbeitsintensiv. Ab den dritten Literaturtagen haben wir auch Schulen aus Kaiserslautern und Kusel angesprochen, also aus dem Westen der Westpfalz. Anschließend wurde es immer größer: Seit 2017 wurden alle Schüler ab der Mittleren Reife aus der Pfalz miteinbezogen. 2019 folgte Rheinhessen und ab 2021 ganz Rheinland-Pfalz. Die Zahl der teilnehmenden Schüler hat sich kontinuierlich gesteigert und ist nur dieses Jahr, wenn auch deutlich zurückgegangen. Mir scheint, dass die entsprechenden Lehrer früher die ganze Klasse ansprachen, inzwischen aber eher gezielt auf Schüler zugehen; eine etwas unglückliche Entwicklung aus meiner Sicht.

Hat sich die Qualität der Schüler-Texte in fast 20 Jahren Donnersberger Literaturtage verändert?
Eigentlich nicht. Es fällt auf, dass Schüler meist sehr Schwergewichtiges schreiben. Die Themen kreisen oft um Themen wie Suizid, Magersucht, Transidentität ... Das geht an die Substanz. Wir haben schon versucht mit optimistischen Themenvorgaben wie „Hoffnung“ oder „Aufbruch“ gegenzulenken. Trotzdem werden häufiger düstere Texte eingereicht. Das mag vielleicht daran liegen, dass die Schüler glauben, nur mit solchen Themen beeindrucken zu können. Dabei gab es auch schon wunderbare Geschichten, die recht lustig waren. Aber wir merken vielen Texten schon an, dass ein inneres Erleben der Schüler mitschwingt. Da gab es durch die Jahre hinweg keine Unterschiede.

Während der Corona-Pandemie hat die Kultur-Branche sehr gelitten. Mittlerweile scheint die Pandemie in vielen Branchen überstanden. Konnte sich die Kultur Ihrer Meinung nach im Kreis davon vollständig erholen?
Sicherlich hat Corona einen deutlichen Bruch gebracht. Aber im Augenblick habe ich den Eindruck, dass seit gut einem Jahr Kulturveranstaltungen „explodieren“. Mittlerweile konkurrieren die Veranstaltungen wieder um die Gunst ihrer Gäste.

Also hat die Branche einfach etwas länger als andere gebraucht, um auf die Füße zu kommen?
Direkt nach Corona gab es eine ziemliche Flaute bei öffentlichen Auftritten, ja. Es ist ja ein regelrechter Stau entstanden. Mir ging es ja genauso. Ich habe beispielsweise Bücher während der Pandemie geschrieben und veröffentlicht, aber ich konnte sie nicht präsentieren. Jetzt bei Lesungen daraus vorzutragen, geht nicht, weil die neueren Erscheinungen im Vordergrund stehen. Viele Bücher und Programme, die in dieser Zeit entstanden sind, mussten leider zurückstecken.

Wieviel Arbeit steckt in der Vorbereitung der Donnersberger Literaturtage?
Der Vorlauf beinhaltet meist ein gutes Jahr. Das fängt mit der Suche nach den national renommierten Autoren an. Ab Ende August, Anfang September werden die Einladungen an die Schulen verschickt. Alle Lehrer werden engmaschig betreut. Bis zum Ende der DLT sind es gute 2500 E-Mails die geschrieben und beantwortet werden wollen; gemeint sind solche mit Inhalt und nicht nur ein paar Worten. Die Betreuung und der Austausch mit Sponsoren und Förderern – darunter Schreiben von Anträgen, finanzielle Abrechnungen, Texte für deren Webseiten –, Autoren und deren Agenten, Schulen, d.h. Lehrern wie Schülern, Institutionen und Organisationen, sind herausfordernd. Ein Großteil an Stress liegt in der Öffentlichkeitsarbeit, wobei wir in diesem Jahr wirklich alle Register gezogen haben. Leider haben wir es noch nie ins Fernsehen geschafft (lacht). Und dann ist da noch die Koordination der Schülerarbeiten, Jurytätigkeit und Herausgabe der Anthologie.

Von Haus aus sind Sie Psychotherapeut. Hilft Ihnen der Einblick in die menschliche Psyche auch als Kulturschaffender?
Ich fang mal anders an: Ich habe ein Buch mit Kippgedichten verfasst. Das heißt „Stellen Sie sich vor“, auf das ich übrigens sehr stolz bin. Das besondere an diesen Gedichten ist, dass sie ähnlich funktionieren wie Kippbilder – also Bilder, die zwei Motive in einem vereinen. Beispielsweise sehen die einen eine junge Frau in dem Motiv, andere eine alte Frau. So funktionieren auch die Kippgedichte. Sie beinhalten ihr Gegenteil. Der Leser muss sich also auf die Suche machen, diesen Gegensatz zu finden. Da spielt die Psychologie eine entscheidende Rolle. Die Kippgedichte erzwingen einen Perspektivwechsel. Genau das macht ein Psychotherapeut unter anderem in der Arbeit mit seinen Patienten, er arbeitet auf einen Perspektivwechsel hin. Das fordert Lesern wie Patienten einiges ab. Einigen gelingt dies nicht. Im Buch gibt es im Anhang natürlich die Auflösungen. Man muss aber wissen, dass es eine Reihe von Menschen gibt, die grundsätzlich damit Schwierigkeiten haben, sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen.

Wie zufrieden sind Sie denn mit dem kulturellen Angebot im Kreis?
Es ist berauschend, wie viele tolle, kulturelle Angebote es im Kreis gibt. Natürlich wünschte ich mir, das beispielsweise Bibliotheken und Buchläden noch etwas mehr mit dem Donenrsberger Literaturverein zusammenarbeiten würden. Leider merken wir, dass vielen Kommunen momentan das Geld fehlt. „Leider“ – weil wir uns natürlich auch finanzielle Förderung wünschen würden. Kulturelle Veranstaltungen bieten und sind Ausdruck von Lebensqualität. Es wäre schön, wenn verstanden würde, dass sie Menschen in die Städte und Gemeinde ziehen, und damit auch wirtschaftliche Effekte beinhalten, zum Beispiel die Gastronomien beleben. Ich mache zum Beispiel mit vielen Autoren Stadtführungen, zeige ihnen Kirchheimbolanden, besuche mit ihnen Einrichtungen und lade sie zum Essen und Trinken ein. Viele Autoren der DLT übernachten in hiesigen Hotels.

Termine

Am Freitag liest Lyriker Jan Wagner um 19.30 Uhr im Blauen Haus, Bolanden-Weierhof. Krimi-Autor Klaus-Peter Wolf liest am Sonntag um 19 Uhr in der Stadthalle aus seinen Ostfriesenkrimis vor. Karten und weitere Termine zu Lesungen der Donnersberger Literaturtage gibt es auf www.dltage.de.

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