Donnersbergkreis Die sanften Feinschmecker
Heinz Klemm genießt den Blick vom Balkon seines Wohnhauses am Ortsrand von Winnweiler, denn aus dem schmalen Waldstreifen, der an sein Grundstück grenzt, kommen Rehe, Wildschweine und Füchse bis an – und gelegentlich auch in – seinen und die benachbarten Gärten. Dass die sanften Feinschmecker dabei auch Verbissschäden hinterlassen, nimmt er hin, ihr Anblick versöhnt ihn damit.
Die Tiere seien hier nahezu das ganze Jahr über zu beobachten, so auch jetzt, wenn die Böcke ihr neues Gehörn „schieben“, erzählt der Jäger. Die von den Rehen verursachten Schäden durch Verbiss und Fegen müssten halt toleriert werden; auch würde er auf Gemüse im eigenen Garten inzwischen verzichten, bekennt der 65-jährige Rentner und Leiter des Hegerings III im südlichen Donnersbergkreis etwas resignierend. Erstaunlicherweise scheinen die Rehe hier ihre Scheu vor den Anwohnern fast verloren zu haben. Für Klemm ist das nichts Ungewöhnliches, er weiß, dass diese Wildart längst viele Kulturpflanzen als nahr- und schmackhafte Äsung entdeckt und die Bedrohung durch den Menschen als kalkulierbar erkannt hat. Zudem ließen sie sich von einem mit dem Traktor pflügenden Bauern weitaus weniger stören als von Einzelpersonen oder Menschengruppen, die im Gelände unterwegs sind. Rehe sind im Donnersbergkreis die mit Abstand am häufigsten vorkommende Wildart, und trotz intensiver Bejagung haben die Bestände in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. In den amtlichen Wildnachweisen der unteren Jagdbehörde wurden für das Jagdjahr 2000/01 2628 Rehe ermittelt, im Jagdjahr 2016/17 waren es bereits 3194. Besonders in den Wochen nach der Zeitumstellung im Früh- und Spätjahr würden die Verkehrsunfälle mit Rehen sprunghaft ansteigen, weiß Kreisjagdmeister Klaus Weber aus seiner langjährigen Erfahrung. Durch die Verschiebungen um jeweils eine Stunde würden die Verkehrsspitzen in den zeitlichen Rahmen fallen, in dem das Rehwild in der Dämmerung verstärkt aktiv werde. Nicht von ungefähr appelliere der Landesjagdverband jeweils rechtzeitig vor dem Beginn der Winter- beziehungsweise Sommerzeit an die Autofahrer, auf die erhöhte Gefahr im Straßenverkehr zu achten. Nach Weber sei die Zunahme der Rehwildbestände nicht ganz einfach zu erklären, stelle die moderne Landwirtschaft mit ihren sehr großen Mais- und Getreideschlägen doch eine Verarmung der Äsungsvielfalt dar. Nach den Erkenntnissen der Wildbiologen müsste die frühere Kleinfelderwirtschaft ein geeigneteres Biotop gewesen sein für diese sogenannten „Konzentratselektierer“, man könnte auch Feinschmecker sagen. Aber das Rehwild sei eben sehr anpassungsfähig. So böten im Sommer das hohe Getreide und der Mais tagsüber eine gute Deckung, die von den Tieren erst abends auf der Suche nach besserer Äsung verlassen werde. Überdies fände das Niederwild, dem die Rehe zuzurechnen seien, auf Stilllegungsflächen, Brachen, speziellen Blühflächen, in Obstgärten und in aufgelassenen Weinbergen zunehmend Nahrung und Deckung. Die jahreszeitlich bedingte Umstellung ihres Verhaltens und ihrer Verdauung sowie das dicke, sehr gut isolierende Winterfell ermögliche es dieser Wildart überdies, auch ohne Futtergaben durch die Jäger ganz gut über die mittlerweile eher milden Winter der Region zu kommen, so der Kreisjagdmeister. Karl Landfried, Leiter des Hofgutes Neumühle und stellvertretender Vorsitzender der Kreisgruppe Donnersberg des Landesjagdverbandes, sieht in den Rehen wegen ihrer tagaktiven Lebensweise eine Bereicherung für alle Naturfreunde. Für die Landwirtschaft seien sie weitgehend unproblematisch. Lediglich im Winter könnten überschaubare Schäden entstehen, wenn die Tiere zuweilen aus den jungen Rapspflanzen die Herzen herausfressen würden. Landfried weist aber auch auf die Bedeutung dieser Wildart für die Jagd hin. Ihr schmackhaftes, fettarmes und im weitesten Sinne bekömmliches Wildbret sei sehr begehrt. Insbesondere im Spätherbst und in der Vorweihnachtszeit stelle dies für den Jäger einen Wirtschaftsfaktor dar. Nach Lothar Runge, dem Leiter des Forstamts Donnersberg, gehört das Reh zum Lebensraum Wald. Dieser sogenannte Kulturfolger profitiere von der Bewirtschaftung der Landschaft durch den Menschen. Das dadurch in Feld und Wald vorhandene Futterangebot sei reichhaltiger als in der Natur. Gerade im Frühjahr und Sommer finde es auf landwirtschaftlichen Flächen üppige Nahrung. Nach dem Abernten der Felder würden die Rehe wegen der fehlenden Deckung im Spätjahr meist in den Wald ziehen, was hier in den Wintermonaten zu hohen Wilddichten führe. Waldwildschäden durch Rehe entstünden im Bereich des Forstamts Donnersberg nur in der Phase der Waldverjüngung. Gerade Eiche und Tanne seien dem Verbiss ausgesetzt. Da die Rehe hier „temporär“ ein Problem für den Wald darstellten, so der Forstamtsleiter, müsse durch Jagd versucht werden, die Wilddichte auf einem für die Vegetation erträglichen Niveau zu halten.