Rockenhausen
Der Ofen in der „Backstubb“ geht aus: Pizzeria Portofino schließt nach 40 Jahren
„Sie hat mit 89 Jahren noch in der Küche gestanden, wäre im September 90 geworden. Ich weiß nicht, vielleicht war sie ja die älteste Pizza-Bäckerin Deutschlands“, sagt Nunzio Mineo. Noch immer ist ihm und seiner Schwester Lina der Schmerz über den Verlust ihrer Mutter anzumerken. Diese habe „die meiste Zeit ihres Lebens in der Pizzeria verbracht – und sie hat die meiste Zeit mit uns verbracht“. Im Mai ist Benedetta Mineo gestorben. „Sie hatte ein krankes Herz“, erzählt ihr Sohn. Immerhin: „Sie ist friedlich eingeschlafen, meine Schwester hielt sie im Arm“ – ein tröstlicher Gedanke.
Ein paar Wochen später – am kommenden Sonntag, 30. Juni – schließt das von der Familie in der Rockenhausener Innenstadt betriebene Restaurant Portofino für immer seine Türen. Wobei das mit dem Namen des Lokals so eine Sache ist: Im Volksmund wird dieses meist die „Backstubb“ genannt – die Bezeichnung stammt noch von einem der früheren Besitzer. Andere gingen als Reminiszenz an die Senior-Chefin einfach „zur Mama“, deren über die Jahre in unzähligen Kundengesprächen angeeignetes Pfälzisch-Italienisch-Gemisch ihr bei manchen den liebevoll gemeinten Spitznamen „Achtemarkfuffzisch“ eingebracht hat. Und wenn sie nicht selten ihre Ausführungen mit einem langgezogenen „Verstaaan?“ beendet hatte, dann nickten die Gesprächspartner – auch wenn sie vielleicht mal nicht jedes einzelne Wort verstanden haben.
1964 aus Piemont nach Deutschland gekommen
Denn viel wichtiger war die herzliche Art, mit der die gesamte Familie stets ihre Gäste bewirtet hat – und natürlich das leckere Essen. Umgekehrt wussten die Mineos immer, was sie an der Nordpfalz haben. „Wir hatten nie Probleme hier, sind von Beginn an sehr gut aufgenommen worden“, betont Nunzio Mineo. Bis zur Eröffnung des Portofino lagen allerdings bereits 20 Jahre Deutschland-Aufenthalt hinter seinen Eltern. Sie sind 1964 aus der norditalienischen Region Piemont, wo die aus Sizilien stammenden Mineos damals lebten, zunächst alleine als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. „Kinder durften da erst mal nicht mit, meine Schwester und ich haben deshalb gut zwei Jahre bei unseren Großeltern verbracht.“
Benedetta und ihr 2017 verstorbener Ehemann Giuseppe waren von einer Agentur angeworben worden. „Meine Mutter hat in Karlsruhe in einem Restaurant, mein Vater in der Großküche der US-Army in Ramstein gearbeitet. Sie mussten zunächst getrennt leben – die Agentur hatte ihnen erzählt, die beiden Orte seien nur sechs Kilometer auseinander“, berichtet Nunzio Mineo. Nach einem Jahr habe sein Vater die Mutter aus dem Vertrag mit dem Restaurant „freigekauft“; zusammen eröffneten sie 1969 die Pizzeria Romantica in Lauterecken. Es folgte ein paar Jahre später die Umsiedlung nach Kaiserslautern – die Kinder waren inzwischen mit Einwilligung des Vermieters („Das war damals notwendig“) nachgekommen –, wo die Familie über zehn Jahre das Bella Italia führte.
Portofino zunächst gepachtet, dann gekauft
Per Zufall seien die Mineos 1985 in Rockenhausen gelandet: „Jemand hat uns gesagt, dass hier eine Pizzeria zu vergeben ist. Diese haben wir dann zunächst gepachtet, einige Jahre später vom bisherigen Inhaber gekauft“, so Nunzio Mineo. Längst war auch er in den elterlichen Betrieb eingestiegen, nachdem er zuvor eine gastronomische Ausbildung in einem Ramsteiner Eiscafé absolviert hatte. Ob seine Ehefrau Bärbel, seine Schwester Lina mit ihrem Mann Luciano Pietrafesa oder seine Nichte Patrizia Nieradzik – im Portofino, dem schmucken Sandsteingebäude an der Ecke Luitpold-/Kreuznacher Straße, haben stets alle Generationen angepackt.
Große Krisen galt es nicht zu überwinden; am härtesten sei die Phase in den 90ern gewesen, als die Innenstadt zur verkehrsberuhigten Zone umgestaltet und gepflastert wurde. „Die Straße war monatelang aufgerissen, zudem mussten wir als Anlieger mehrere zehntausend Mark Beiträge zahlen. Da hatten wir zu kämpfen“, hält Nunzio Mineo diese Zeit rückblickend für schwieriger als die Corona-Pandemie: „Im Gegenteil – die ersten Wochen waren problematisch, aber dann haben wir durch den Abholservice sogar Plus gemacht. Die Leute haben uns sehr, sehr geholfen, da muss man ein Riesen-Lob aussprechen.“
Die Geschichte mit dem „Omnibus“ und dem Salat
Unzählige Erinnerungen an die vielen Jahre hat Nunzio Mineo – darunter auch kuriose. Mehrmals sei bei laufendem Betrieb der Strom ausgefallen, letztmals erst vor ein paar Monaten. „Betroffen waren aber nur die Küche und der Ofen. Dort hatte ich Pizzen drin, die wurden gerade noch gut. Die Fleischgerichte auf dem Herd konnte man aber vergessen.“ Erst als die Gäste lange weg waren, habe man den Fehler in Form einer kleinen, defekten Sicherung gefunden.
Lachen muss er noch heute, wenn er an die Geschichte mit dem „Bus“ denkt: „Ein Mann hat angerufen und meine Mutter mit ihren begrenzten Deutsch-Kenntnissen hat verstanden, er wolle einen Omnibus voller Gäste anmelden. Sie kämen in einer halben Stunde – und alle möchten Salat essen.“ Ihr Sohn holte daher die gesamten Vorräte aus dem Keller und fing an, Salat zu putzen. Kurz darauf ging die Tür auf – herein kam allerdings nur ein einzelner Mann. „Er sagte, er will seinen Oktopus-Salat abholen.“
„Mit 70 Jahren ist es einfach mal genug“
Und trotz aller schönen Erlebnisse soll jetzt Schluss sein? Die Begründung von Nunzio Mineo ist so einfach wie nachvollziehbar: „Ich bin jetzt 70 Jahre alt. Meine Frau, meine Schwester – wir sind alle im Rentenalter angekommen. Ich stehe zwölf Stunden am Tag im Geschäft. Irgendwann ist es dann einfach mal genug.“ Ursprünglich wollte er bereits im vergangenen Dezember aufhören, das habe er dann mit Rücksicht auf seine Mutter verschoben: „Ich habe gemerkt, wie schwer ihr das gefallen wäre. Das Portofino war ja ihr Leben. Deshalb haben wir beschlossen, nochmal eine Weile weiterzumachen.“ Nun sei aber endgültig der Zeitpunkt gekommen, die Pizzaschaufel an den Nagel zu hängen.
Verzichten müssen die Gäste künftig auf die vielen leckeren Pizza-Pasta-Variationen – allen voran auf die Lasagne und die Combinazione, „die waren schon am meisten gefragt“, so Nunzio Mineo. Gefreut und gerührt haben ihn die Reaktionen der Menschen, die von der bevorstehenden Schließung erfahren haben. „Ganz viele haben es bedauert. Diese Woche war ein 91-jähriger Mann mit seiner ganzen Familie bei uns, um sich zu verabschieden.“ Der Senior sei seit Jahren jeden Sonntag zum Mittagessen gekommen, „ich habe oft mit ihm erzählt und ein bisschen Spaß gemacht. Jetzt hat er mich umarmt und gesagt: ,Ich werde Dich vermissen’.“
Kochkurse und Mini-Jobs?
Manche machten sich offenbar Gedanken, dass es ihm nun langweilig wird: „Einer hatte die Idee, dass ich Kochkurse anbiete, andere wollten, dass ich als Mini-Jobber zweimal die Woche für sie koche“, erzählt Nunzio Mineo schmunzelnd. Für ihn ist das aber ein Zeichen, dass seine Familie in ihrer Zeit hier vieles richtig gemacht hat: „Wir können uns nur bei allen treuen Kunden herzlich bedanken, die uns so viele Jahre unterstützt haben.“ Wie hat es Benedetta Mineo zu ihrer Diamantenen Hochzeit gegenüber der RHEINPFALZ ausgedrückt: „Wir sind nicht Italien dankbar, sondern Deutschland.“ Ihr Sohn fügt nun hinzu: „Und Rockenhausen!“