Donnersbergkreis „Der Markt ist fast wie eine Therapie“

Placeholder-Image

Schon lange hatten wir eine Adventsgeschichte über Bettina Marx aus Winnweiler geplant, die in Paris einen Marktstand mit Pfälzer Spezialitäten betreibt. Doch dann passiert das Unfassbare: Eine ihrer beiden Töchter wird bei den schrecklichen Attentaten im November in der französischen Hauptstadt verletzt. Sich jetzt abzuschotten kommt für die Familie trotzdem nicht in Frage. Ihr Marktstand ist für sie eine wichtige Stütze.

Als der Kontakt zu Bettina Marx im August zustande kommt, ist Weihnachten noch in weiter Ferne. Es sind Sommerferien und die Bäume voll grüner Blätter. Alles spricht zu diesem Zeitpunkt dafür, dass sich Bettina Marx’ Werdegang für eine beschwingte Geschichte in der Adventszeit eignet: Marx stammt aus Winnweiler. Seit mehr als drei Jahrzehnten wohnt sie in Paris. Im vergangenen Winter hat sich die 56-Jährige einen Lebenstraum erfüllt. Sie hat ihren Bürostuhl als Fremdsprachensekretärin gegen einen Marktstand in Houilles, einem Vorort am Rande der französischen Hauptstadt, getauscht. Zweimal pro Woche, immer mittwochs und samstags, bietet Marx dort Spezialitäten aus ihrer alten Heimat zum Verkauf an: Lewwerknepp, Bratwurst, Christstollen. Im November dieses Jahres will Marx mit ihrem Stand in der Markthalle einjähriges Jubiläum feiern. Ein würdiger Anlass für einen Artikel. Die Überschrift scheint förmlich gesetzt zu sein: „Pfälzer Saumagen in Paris“. Im Moment der ersten Kontaktaufnahme im Spätsommer ahnen jedoch weder Marx noch der Autor des Artikels, dass dieser Bericht von einem schrecklichen Ereignis überschattet sein wird. Doch dann kommt der 13. November 2015. Ein Attentat erschüttert die Welt: Terroristen töten 130 Menschen in Paris. Hunderte werden verletzt. Die meisten davon sind Besucher eines Konzertes der US-amerikanischen Band „Eagles of Death Metal“. Unter ihnen ist auch eine der beiden Töchter von Bettina Marx. Sie ist an diesem Abend gemeinsam mit ihrem Freund im Bataclan-Theater. Sie überlebt, wird verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Für die Familie ein unbegreiflicher Schock. Dass die gebürtige Rockenhausenerin trotzdem noch zu einem Gespräch über ihren Marktstand mit der RHEINPFALZ bereit ist, hat auch viel mit eben diesem selbst zu tun. Denn der Marktstand ist für die ganze Familie eine Herzensangelegenheit. Auch für Marx’ Tochter, die inzwischen wieder das Krankenhaus verlassen konnte. Ob ihr Schicksal in dem Zeitungsbericht über den Marktstand ihrer Mutter erwähnt wird oder nicht, darüber hat die Familie lange beraten. Nach gründlicher Überlegung haben alle zugestimmt. Auch oder gerade weil der Markt für die Familie eine Stütze auf dem Findungsweg zurück in den Alltag ist. Der Stand – eine Art Schnapsidee Zuviel Pastis habe sie zwar nicht getrunken, erinnert sich Marx, „aber eine Art Schnapsidee war der Marktstand schon.“ Seit jeher gehe sie leidenschaftlich gerne auf Märkten einkaufen. Doch trotz aller kulinarischen Köstlichkeiten, die die vielfältige französische Küche zu bieten hat – eines habe sie in all den Jahren vermisst: Deftige Produkte aus ihrer alten Heimat. Vor zwei Jahren hatte sie sich entschieden, ihren Bürojob an den Nagel zu hängen. Stattdessen hat sie sprichwörtlich zum Hammer gegriffen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Patrick, einem freischaffenden Designer, hat sie im Sommer 2014 aus dunkelrot gestrichenen Holzpaletten einen kleinen Eck-Marktstand gezimmert. Der Name „Pala Tina“ – eine Neuschöpfung aus dem französischen Wort für Pfalz „Palatinat“ und ihrem Vornamen Bettina. Mit ihrem Angebot an deutschen Spezialitäten hat die Pfälzerin inmitten all der Händler im wahrsten Sinne eine Marktlücke entdeckt. Gegenüber stehen ein Portugiese und ein Geflügelhändler. Nebenan werden Produkte aus der Karibik verkauft. Und ein Fisch- und ein Staubsaugerbeutelhändler sind auch nicht weit weg. „Das Ganze erinnert mich immer an die Asterix-Hefte“, beschreibt Marx den Trubel in der Markthalle augenzwinkernd und ergänzt: „Manchmal denke ich, dass gleich ein Fisch durch die Gegend fliegt.“ Wie viel Herzblut Marx in ihren kleinen Eck-Marktstand steckt, ist auf Anhieb zu erkennen: Zwischen weißbeschrifteten Schiefertafeln hat sie liebevoll eine bunte Produktauswahl aus ihrer Heimat aufgereiht: Lewwerworscht aus Marienthal, selbstgekochte Marmelade und frische Brezeln. Letztere werden übrigens jeden Samstagmorgen von einem waschechten Franzosen angeliefert: ihrem Ehemann Patrick. Für ihn ist das Brezelaufbacken Ehrensache. Schließlich ist er selbst glühender Pfalz-Fan: „Wenn wir gemeinsam rund um den Donnersberg unterwegs sind, muss in der Gaststätte immer ein Pfälzer Teller bestellt werden“, sagt Marx. Apropos: Was schmeckt denn den Pariser Marktkunden am besten? „Nürnberger Bratwürste, Spätzle und Bischoff-Bier wird am meisten gekauft“, fasst Marx zusammen. „Und der Christstollen – der geht zu Weihnachten weg wie nix.“ Nach einem Jahr auf dem Markt hat sie sich schon einen kleinen Kreis an Stammkunden aufgebaut – viele haben eine Verbindung zu Deutschland. Da ist zum Beispiel der ältere Franzose, der mal ein Glas Honig oder eine Flasche Bier kauft und sich freut, seine Deutschkenntnisse auffrischen zu können. Oder das Ehepaar, welches schon oft in Grünstadt, der Partnerstadt der Nachbargemeinde Carrières-sur-Seine, zu Gast war. Ihr größter Stammkunde ist aber ein kleiner Junge: „Er kommt seit meinem ersten Tag auf dem Markt und kauft jeden Samstag einen Schokoladenlolli.“ Nur ein Rätsel hat die Pfälzerin bis heute nicht gelöst: Was heißt Saumagen eigentlich auf Französisch? „Ich vermeide immer, das zu übersetzen“, sagt Marx lachend. Um die Pariser trotzdem auf den Geschmack zu bringen, hat sie eine kleine Pfanne dabei. Darin brutzelt sie Probierhäppchen der Pfälzer Spezialität. Keine Frage: In der Multikulti-Atmosphäre der Markthalle von Houilles fühlt sich Marx wohl. Daran haben auch die Terrorattentate nicht rütteln können. Nach wie vor kommen neben ihrem Ehemann auch regelmäßig die Töchter der 56-Jährigen vorbei, um ihr beim Verkauf unter die Arme zu greifen. Der Markt, sagt Bettina Marx, sei eine Möglichkeit, Kontakt zur Außenwelt zu bewahren. „Er ist fast wie eine Therapie“.

x