Donnersbergkreis Der „flotte Otto“ am Morgen

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Mit einem lauten Scheppern schlägt Ingo Lohr das Tor an seinem Eisenberger Damwild-Gehege zu. Und schon raschelt’s 50 Meter weiter an der Schilf-Ecke des idyllischen Weihers. Kurz danach kräuselt sich das Wasser: Ein Bündel silbergrauer Schnurrhaare hüpft aus dem Schilf über die Wasseroberfläche, dahinter schlängelt sich ein schwarzbrauner Borsten-Körper Richtung Ufer. Es ist Zeit fürs Frühstück. Es ist die Zeit für Otto. Otto ist ein Sumpfbiber und seit einem halben Jahr Untermieter auf dem zwei Hektar großen Lohr-Gelände in der Wormser Straße.

Wie jeden Morgen stellt Lohr zunächst einmal den mit Brot und Äpfeln gefüllten Schubkarren unterm Apfelbaum ab. Dort wartet bereits Anna. Anna ist das Star-Reh der 15 Tiere umfassenden Damwildherde – Anna ist handzahm. Seit der passionierte Jäger Lohr es nach einer Verletzung mühevoll aufgepäppelt hat, hat das treue Tier jede Scheu gegenüber Menschen verloren. Und wenn dann Lebensretter Lohr ins Gehege kommt, gehören natürlich Streicheleinheiten zum Pflichtprogramm. Mit der linken Hand krault der 76-Jährige Annas Hals und Kopf, mit der rechten legt er drei Äpfel und einige Scheiben Brot vom Schubkarren in den bereitgestellten Eimer. Mit diesem Eimer geht es jetzt zur Fütterung der Nutrias, wie der Sumpfbiber in korrektem Zoologen-Deutsch heißt. „Otto“ rufend und langgezogen pfeifend marschiert Lohr mit dem Eimer zum Weiher. Die Lockrufe könnte sich der frühere Chef der gleichnamigen Eisenberger Buchhandlung jedoch sparen. Denn heute Morgen ist Otto recht flott unterwegs und schon fast am Ufer angekommen. Der „flotte Otto“ hat wohl Bärenhunger. Genau so wie das Sumpfbiber-Kind, das sich fünf Meter hinter Frau Mama durchs Wasser schlängelt. Richtig gelesen: die Frau Mama. Denn Otto ist nicht nur kein Biber, sondern eine Ratte – und außerdem auch kein Mann. Lohrs Ehefrau Christina hatte das Nutria-Weibchen anfangs spaßeshalber so getauft – sozusagen als Pendant zu „Anna“, dem zweiten zahmen Wildtier im eingezäunten Gehege. Lohr wirft ein paar kleine Brotfetzen ins Wasser. Otto schwimmt geschmeidig daran vorbei – sie weiß, dass am Ufer besseres und mehr Frühstück zu holen ist. Da scheut die Nutria-Mama auch den Landgang nicht. Obwohl der feste Boden unter den Pfoten nicht unbedingt ihr Ding ist. Die 15 Pfund Lebendgewicht bewegen sich im Wasser wesentlich eleganter. Otto wackelt recht unbeholfen aus dem kühlen Nass. Auch die Schwimmhäute zwischen den Zehen der Hinterfüße sind an Land nicht von Vorteil. Ebenso der 40 Zentimeter lange Rattenschwanz: Das perfekte Steuer im Wasser mutiert hier zur Stolperfalle. Trotz der offensichtlichen Schwierigkeiten wackelt Otto zielstrebig und immer noch recht flott Richtung Lohr. Der hat sich inzwischen hingekniet und macht sich für die Frühstücks-Übergabe bereit. Keine Angst, aber doch Vorsicht prägt die ungewöhnliche Szene. Auf beiden Seiten. Denn Ottos orangefarbene Zeigefinger-großen Schneidezähne sind nicht ohne. Otto beißt zu – ins dargebotene Brot. Der auf dem Boden liegende Anschnitt wird auch gleich mitgenommen. Kehrtwende, und schnurstracks geht’s zurück in den etwa 1000 Quadratmeter großen Weiher. Und siehe da: Am drei Meter entfernten Ufer wartet schon der hungrige Nachwuchs. Die Tiere weichen das alte, von einer Bäckerei gestiftete – weil für den Verkauf zu harte – Brot ein. Mama und Kind knabbern sich vom jeweils gegenüberliegenden Ende aufeinander zu. Lohr lässt einen Apfel ins nahe Ufer rollen. Und noch einen. Die Tiere zeigen an dem Obst kein Interesse. Zuerst wird das Brot in aller Ruhe weggemampft. Die beiden Äpfel sind momentan nicht in Gefahr. Papa Nutria kommt erst, wenn Lohr den Uferbereich verlassen hat. Genauso wie die anderen Weiher-Mitbewohner, die Nilgänse und Wildenten. Außerdem ist auf dem fast zwei Hektar großen Naturgelände genug für alle da. Ob für Rehe und Hirsche, Gänse und Enten oder Eichhörnchen. Und jetzt auch für Ottos Familie. Denn während andernorts die Sumpfbiber als mögliche Krankheitsüberträger nicht gefüttert werden dürfen, haben sie beim passionierten Jäger Lohr Bleiberecht – inklusive eigenhändig serviertem Frühstück.

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