Eisenberg / Kirchheim / Grünstadt
Darum sollten keine Jodtabletten gehamstert werden
Es ist eine Erkenntnis aus den großen Krisen der vergangenen Jahre: Der Deutsche neigt zum Hamsterkauf. In der Pandemie waren es Klopapier und Nudeln, jetzt, während des Ukraine-Kriegs, Speiseöl und Jodtabletten. „Wir hören aus etlichen Apotheken, dass Kunden nach Jodtabletten zur Bevorratung fragen“, sagte Ursula Sellerberg, Sprecherin des Apothekerdachverbands ABDA neulich der Deutschen Presse-Agentur. Die Tabletten gibt’s rezeptfrei.
Der Hintergedanke: „Bei einem nuklearen Unfall kann radioaktives Jod freigesetzt werden“, heißt es seitens des Bundesamts für Strahlenschutz. Werde radioaktives Jod eingeatmet oder gelangt es über Nahrung oder Getränke in den Körper, könnte es sich in der Schilddrüse anreichern und die Entwicklung von Schilddrüsenkrebs befördern, warnt das Bundesamt. Um zu verhindern, dass sich das radioaktive Jod in der Schilddrüse anreichert, sollte zum richtigen Zeitpunkt nicht-radioaktives Jod in Form einer hoch dosierten Tablette aufgenommen werden“, so das Bundesamt für Strahlenschutz weiter. Man nennt das eine Jodblockade. Gleichzeitig warnt das Amt aber davor, Jodtabletten „einfach so“ einzunehmen. „Die Einnahme von Jodtabletten (...) zur Schilddrüsenblockade sollte nur nach ausdrücklicher Aufforderung durch die zuständigen Behörden erfolgen.“
Kein Sinn als Prophylaxe
Sigrid Kruslin, Inhaberin der Eistal-Apotheke in Eisenberg, erklärt, dass es sich bei Jod um ein Spurenelement handelt. Der Körper ist nicht in der Lage, Jod zu produzieren, braucht es aber, um eine optimale Funktion der Schilddrüse und wichtiger Stoffwechselprozesse zu gewährleisten. „Im Idealfall wird der Jodbedarf über die Nahrung gedeckt, allerdings gibt es auch Fälle, wie einige Schilddrüsenerkrankungen oder auch während der Schwangerschaft, bei denen mit Jod in Form von Tabletten nachgeholfen werden muss, um den Bedarf zu decken“, weiß die Apothekerin. Die Dosis liege bei diesen Fällen meist zwischen 100 und 200 Mikrogramm. Diese Dosierung sei genau der Grund, warum die prophylaktische Einnahme solcher Standard-Jod-Präparate im Hinblick auf einen nuklearen Zwischenfall keinen Sinn ergebe. „Hier benötigt man weitaus höhere Dosen, so dass man hunderte dieser handelsüblichen Jodtabletten auf einmal schlucken müsste, um den gewünschten Effekt zu erreichen und auch der Einnahmezeitpunkt muss im Fall der Fälle genau eingehalten werden“, betont die Fachfrau. Erfolge die Einnahme zu früh, könne das Jod schon wieder abgebaut sein und das radioaktive Jod nicht mehr daran hindern, in die Schilddrüse zu gelangen. Nehme man es zu spät, könne radioaktives Jod bereits von der Schilddrüse aufgenommen worden sein. „Deswegen ist es absolut notwendig, auf die Vorgaben der Katastrophenschutzbehörden zu hören“, ist ihr Rat.
Es gebe in Deutschland ein Jod-Präparat, was genau für diesen Fall vorgesehen ist und entsprechend auch über die notwendige hohe Wirkstoffmenge verfüge. Dieses Medikament werde bei den zuständigen Behörden auf Vorrat gehalten, um die Bevölkerung im Ernstfall mit Jod zu versorgen. „Empfohlen wird die Einnahme aber nur für Kinder, Jugendliche, Schwangere, Stillende und Personen bis 45 Jahren, was daran liegt, dass die Einnahme von hoch dosiertem Jod auch Nebenwirkungen haben kann, die ab einem Alter von über 45 weitaus häufiger vorkommen können“, sagt sie und ergänzt: „So besteht beispielsweise die Gefahr, dass sich die Schilddrüse vergrößert oder dass es zu einer Entgleisung des Stoffwechsels kommt.“
Außerdem sei zu beachten, dass es auch Schilddrüsenerkrankungen gebe, bei denen generell keine großen Mengen Jod zugeführt werden dürften. Hier sollte vorher unbedingt Rücksprache mit dem behandelnden Arzt gehalten werden.
Warnung vor unbeaufsichtigter Einnahme
Barbara Mersinger ist die Inhaberin der Stern-Apotheke in Kirchheim und der Bären-Apotheke in Grünstadt. Auch sie rät von vorbeugender Einnahme von Jod-Tabletten ab. „Aufgrund der Entfernung zur Ukraine ist nicht damit zu rechnen, dass eine Einnahme von Jodtabletten erforderlich werden könnte“, meint die Apothekerin. Radioaktives Jod werde nicht nur über die Luft, sondern auch über die Nahrungskette, vor allem über kontaminierte Milch und Trinkwasser aufgenommen. „Die Einnahme von Jod schützt ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in der Schilddrüse, nicht vor der Wirkung anderer radioaktiver Stoffe, wie beispielsweise Caesium, Strontium und Plutonium“, weiß sie. Auch sie weist auf die richtige Einnahme, die essenziell wichtig sei, auf mögliche Nebenwirkungen und auf die unbedingte Rücksprache mit dem behandelnden Arzt hin. Mersinger sagt: „Bisher haben in den beiden Apotheken nur Arztpraxen vermehrt nach Jod-Tabletten gefragt.“
Auch Georg Scheidel, Inhaber der Schwanen-Apotheke im Globus in Grünstadt, stimmt in den Chor seiner Kollegen mit ein und warnt vor gesundheitlichen Risiken, die eine selbstständige Einnahme von Jodtabletten mit sich bringe. „Die unkontrollierte Einnahme kann beispielsweise zu Störungen des Verdauungstraktes und zu Hautausschlägen führen“, weiß der Apotheker. Zu Anfang des Krieges in der Ukraine habe es in seiner Apotheke zahlreiche Anfragen nach Jod-Tabletten gegeben, die allerdings in der Zwischenzeit zurückgegangen seien.
Auch der Arzt warnt
Der Mediziner Alexander Lammert ist Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie, Nephrologie und Diabetologie in Grünstadt. Er sagt: „Es gibt keinen Grund, Jod-Tabletten selbstständig einzunehmen.“ Falls es zu einem nuklearen Zwischenfall käme, wäre das Innenministerium zuständig und würde die Verteilung der Jod-Tabletten vornehmen. Lammert: „Ich gehe davon aus, dass bei uns kein ultimatives Risiko besteht, auch bei der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl war das kein größeres Problem für uns.“ Er weist darauf hin, dass auch die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie vor unkontrollierter, hoch dosierter Jod-Einnahme warnt.