KIRCHHEIMBOLANDEN
Cunmo Yin glänzt bei „Junge Stars der Klassik“ mit Technik, bleibt jedoch unpersönlich
Weiträumig in der Stadthalle verteilt waren Stuhlpaare und Einzelsitze. Unüblich, unschön und etwas einschläfernd war, dass der Saal mittels eines schweren Vorhangs soweit abgedunkelt wurde, dass man keine Zeile des Programmblatts entziffern konnte. Interpret war Cunmo Yin, der 1993 in China geboren wurde und am Zentralen Konservatorium in Peking, später in Shanghai und in Hannover ausgebildet wurde. Yin ist der erste Preisträger des vorjährigen Wettbewerbs.
Cunmo Yin startete mit der Klaviersonate Nr. 3 in f-Moll op 5. des 20-jährigen Johannes Brahms, damals von Clara und Robert Schumann stürmisch begrüßt. Der Beginn mit großer, auftrumpfender Gebärde – das kann Cunmo Yin gut. Die folgenden verhaltenen Passagen sind klanglich delikat zubereitet, aber mit wenig Spannung vorgetragen. Man hat nicht den Eindruck, dass der Interpret die Sache des Komponisten zu seiner eigenen gemacht hätte. Er bleibt gleichsam unbeteiligter Darsteller. Das aber macht Cunmo Yin vorzüglich. Der Notentext ist sicher beherrscht und präzise artikuliert, technische Probleme gibt es nicht. Und es steht dem jungen Pianisten eine Vielzahl sinnvoll eingesetzter Klangnuancen zu Gebot.
Persönliche Stellungnahme des Interpreten fehlt
Der langsame zweite Satz schwelgt in verhaltenem Wohlklang. „Der Abend dämmert, das Mondlicht scheint, da sind zwei Herzen in Liebe vereint.“ Diese Gedichtzeilen von Sternau hat Brahms dem Satz als Motto vorangestellt. Später im Intermezzo wird er diese Musik – nun nur noch wehmütige Erinnerung – nochmals aufgreifen. Die Musik ist dynamisch fein und plausibel artikuliert, eine endlos wirkende Parade weicher, versonnener Akkorde, einfach nur zum Zurücklehnen und Entspannen.
Cunmo Yin lässt sich nie aus der Ruhe bringen, spielt in ruhig atmendem Zeitmaß, baut am Ende funkelnde Klangtürme von eleganter Brillanz, kein unebener Ton stört den stets plausibel ausgearbeiteten Fluss der Musik. Ein solch ausgedehntes Werk fehlerlos zu memorieren und auszuführen ist zweifellos eine große Leistung – nur bleibt, wie gesagt, alles auf eine schwer zu beschreibende Weise draußen. Das haben auch andere so empfunden. „Es hat mich nicht erreicht“, sagte am Ende beim Hinausgehen eine Zuhörerin, nachdem sie die Qualitäten des Konzerts anerkennend erwähnt hatte, leicht ratlos. Es fehlte die persönliche Stellungnahme des Interpreten.
Jede Passage auf Hochglanz gebracht
Die h-Moll-Sonate von Franz Liszt beginnt leise und mild, es folgt ein lauter, harter Ausbruch. Es ist höchstwahrscheinlich dem ungemein schallschluckenden Saal zuzuschreiben, dass der Diskant ein wenig stumpf, der Bass dagegen wenig durchdringend wirkt. Die Sonate bringt eine große Freude: Endlich eine vollakkordisch singende Melodie, welche indes alsbald der Meditation über kurze, wenig sagende Motive weichen muss – da: der Ansatz einer weiteren Kantilene voller leicht kitschiger Süßigkeit, von perlendem Spitzenwerk überzuckert. Es folgt ein fulminantes Feuerwerk der Fingerfertigkeit, makellos gemeistert, mit plausibler Steigerung, in jeder Hinsicht korrekt.
Was der Donner aber soll, weiß man nicht recht. Im Grunde betrachtet Cunmo Yin jede Passage für sich und bringt sie auf Hochglanz. Es folgt schönes Geperle, bevor das Maestoso-Thema in vollen Akkorden das Bedürfnis nach einer einprägsamen Melodie stillt.
Technisch makellos
Liszt hat auch Überraschungen eingebaut: Plötzlich beginnt ein zumindest stellenweise polyphon gedachtes Fugato – stand hier der späte Beethoven Pate? – das dem Hörer die Freude macht, dem Geflecht verschiedener ineinander verschlungener Stimmen zu folgen. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist freilich wieder akkordisches Gehämmer.
Diese quasi absolute Musik gestaltet der Interpret herrlich, mit durchscheinender Wucht, Kraft und Präzision. Dieses Schlussstück, in dem es im Grunde um nichts anderes als um hochintelligente, funkelnde Brillanz geht, malt Cunmo Yin bravourös, ja geradezu begeisternd schwungvoll und auch im extremsten Gewimmel klar und technisch makellos. Hier wäre Gelegenheit zu einem funkelnden Abschluss, aber Liszt hält noch eine endlose Pianissimo-Coda für zweckmäßig. Am Ende gibt es anerkennenden Applaus vom Publikum, das nach der Zugabe noch einmal jubelt: Liszts Transzendentale Etüde Nr. 10, ein hochvirtuoses Schlachtross, perfekt dargeboten.