Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Buchhandlung Sattler schließt im Februar

Nur noch bis Februar wird die Buchhandlung Sattler in der Schlossstraße geöffnet haben.
Nur noch bis Februar wird die Buchhandlung Sattler in der Schlossstraße geöffnet haben.

Das letzte Kapitel ist aufgeschlagen, und mit einem glücklichen Ende der Geschichte dürfen Bücherfreunde kaum rechnen. Am letzten Februartag 2023, wenn der Mietvertrag ausläuft, wird Inhaberin Jasmina Djordjevic die Buchhandlung Sattler in der Kirchheimbolander Schlossstraße schließen. Nachfolger sind nicht in Sicht.

Hausgemacht sind die Ursachen, die zur Geschäftsaufgabe führen, nicht. Sie ließen sich mühelos auf viele andere Kleinstädte übertragen. Vor allem der Online-Handel raubt dem stationären Buchhandel die Kundschaft, forciert wurde dieser Prozess noch einmal während der vielen Corona-Monate. Generell lassen immer mehr Geschäfts-Leerstände die Anziehungskraft der Innenstädte für Kunden schwinden, was die verbliebenen Geschäfte schmerzhaft zu spüren bekommen und was Interessenten für einen Neuanfang abschreckt, zumindest dann, wenn sie ihre Existenz davon bestreiten müssen. So seien auch diverse Gespräche über eine Nachfolge für die Buchhandlung Sattler erfolglos geblieben, sagt Djordjevic, die hier selbst zur Buchhändlerin ausgebildet worden war und 2008 Geschäft und Namen von Gründerin Sigrid Sattler übernommen hatte.

Die Neuregelung der Lernmittelversorgung in Rheinland-Pfalz hatte bereits ab 2010 eine Zeit beständig sinkender Umsätze eingeläutet; vorher war der vor allem über Buchhandlungen abgewickelte Schulbuchverkauf ein zwar aufwendiges, aber sicheres Geschäft. Am Ende, sagt Jasmina Djordjevic, habe sie mit schwerem Herzen, aber vor allem rational entscheiden müssen. Zwei Mitarbeiterinnen werden mit der Schließung ihre Arbeit verlieren. Djordjevic selbst wird in Frankfurt-Höchst weiter ihre 2015 übernommene Buchhandlung Bärsch betreiben, die sich im großstädtischen Umfeld wirtschaftlich besser behaupten kann. Ihr widmet sich die Inhaberin nach eigenen Worten abends und am Wochenende, ansonsten ist sie angestellt beim Börsenverein des deutschen Buchhandels. Möglich sei diese berufliche Kombination, weil sie sowohl in Frankfurt als auch in Kirchheimbolanden sehr gute Mitarbeiter habe, lobt Jasmina Djordjevic.

Beginn in der Garage

Dabei war es gerade der Verkauf von Schulbüchern und Heften, womit einmal die Erfolgsgeschichte der Buchhandlung Sattler begann. Zunächst in der Garage des Wohnhauses in der Dr.-Heinrich-von-Brunck-Straße, später in einem Anbau hatte die junge Mutter von vier Kindern ab 1968 für ein Zusatzeinkommen der Familie gesorgt. Das Geschäft entwickelte sich zwar, aber die Lage war suboptimal, und Kunden klingelten zu beliebigen Zeiten an der Haustür. Für den guten Rat von Fachkollegen, sich mit einer richtigen Buchhandlung in der Innenstadt zu etablieren, zeigte sich Sigrid Sattler aufgeschlossen, aber bange sei ihr vor diesem großen Schritt schon gewesen, erinnert sich die Quereinsteigerin. Doch sie wagte es – und bereute es nicht.

In der Schlossstraße war damals gerade ein Geschäft zu vermieten, das „Seifen-Platz“ geräumt hatte und das übrigens nicht zum ersten Mal eine Herberge für Bücher wurde: Viel früher, weiß Sigrid Sattler, gab es dort bereits die Buchhandlung Gotthold. Aller Anfang war schwer. Um den Laden technisch auf Vordermann zu bringen, einzurichten und mit Ware zu füllen, wurde eine Hypothek aufs Wohnhaus aufgenommen. Zuerst habe sie überaus vorsichtig bestellt, erzählt Sigrid Sattler. Sie wusste ja nicht, ob die Kirchheimbolander ihre Buchhandlung überhaupt annehmen würden. Der erste Tag sorgte für Entspannung: Die Kunden kamen in Scharen. Das war 1982, vor genau 40 Jahren.

Eine „Tankstelle“ weniger

26 Jahre später, als Sigrid Sattler sich mit 72 Jahren in den Ruhestand verabschiedete, kaufte Jasmina Djordjevic die Buchhandlung mitsamt Namen. Ein persönliches Verhältnis zu den Kunden, ausführliche Beratung und schneller Bestell-Service prägen bis heute den Stil. So manches Veranstaltungs-Schmankerl kam hinzu. Ließ sich bei Sigrid Sattler eine vornehmlich ältere und treue Lesegemeinde die vorweihnachtlichen Lese-Tipps des Frankfurter Buchwissenschaftlers Bernt Ture von zur Mühlen nicht entgehen, so zog Jasmina Djordjevic mit teils aufwendigen Aktionen erfolgreich vor allem jüngere Leseratten an, etwa mit Nächten in der Buchhandlung und regelmäßigen Lesungen.

In Kirchheimbolanden wird auch das bald heißen: Es war einmal ... Während in Frankfurt-Höchst ein kürzlich errungenes Preisgeld im Bundeswettbewerb-Wettbewerb „Neustart Kultur“ (vergeben für besondere Leistungen während der Corona-Pandemie) die Konzipierung eines Veranstaltungsprogrammes für diesen Herbst ermöglichte. Bereits vor einigen Jahren waren die Aktivitäten dieser zweitältesten Buchhandlung Frankfurts mit dem Bürgerpreis der Stadt belohnt worden.

Kleine Orte wie Kirchheimbolanden stünden bei solchen Wettbewerben offenkundig nicht im Fokus der Veranstalter, wie Jasmina Djordjevic aus eigener Erfahrung bedauert. Ein weiteres Indiz dafür, dass es Buchhandlungen in kleineren Orten besonders schwer haben? Die Buchhändlerin sieht deren Zukunft jedenfalls nicht rosig. Andererseits: „Die Menschen brauchen geistige Tankstellen.“ In Kirchheimbolanden wird es eine solche Tankstelle weniger geben im nächsten Winter.

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