Westpfalz
Bürokratie abbauen, Förderdschungel lichten: Was sich Betriebe zum Tag des Handwerks wünschen
Herr Leyser, wie geht es dem Handwerk in der Pfalz?
Wenn man die Handwerker fragt, wie es ihnen geht, sagen die meisten: am liebsten gut. In den Branchen ist es unterschiedlich. Dem Handwerk allgemein, das sagt die Konjunkturumfrage, geht es insgesamt noch gut. Aber wir haben auch Sorgenfalten, die sich verstetigt haben.
Welche Branchen betrifft das?
Die Baubranche hat mit der Gemengelage aus Inflation, Zinserhöhung und Materialpreissteigerung zu kämpfen. Die Verunsicherung der Häuslebauer schlägt sich in den Auftragsbüchern der Bauunternehmen nieder – und damit nachgelagert auch bei den Ausbauhandwerken, wo Maler oder Fliesenleger betroffen sind. Der zuvor hohe Auftragsbestand pufferte noch einiges ab, ist aber kräftig geschrumpft. Im Handwerk muss man improvisieren. Betriebe, die auf Neubau spezialisiert waren, haben inzwischen andere Geschäftsfelder entwickelt.
Welche weiteren Bereiche kann man nennen?
Im Nahrungsmittelhandwerk schlägt das Problem der fehlenden Fachkräfte voll durch. Zuerst werden Öffnungszeiten verkürzt, dann schließen Betriebe mangels Mitarbeitern und Nachfolgern. Häufig besteht zudem ein Investitionsstau. Beispielsweise ging im Donnersbergkreis binnen zehn Jahren jeder vierte Betrieb verloren.
Die Rückzahlung der Corona-Soforthilfen wird derzeit viel diskutiert. Welche Branche betrifft dies besonders?
Dieses Problem steht vor allem bei den Friseuren im Raum. Viele Betriebe haben die Soforthilfen in Anspruch genommen. Nun werden die Liquiditätsengpässe sukzessive überprüft. Immer wieder kam dabei zum Vorschein, dass sie bei den Betrieben gar nicht in dem Maße vorhanden waren, wie sie angenommen wurde. Viele hatten das Thema gar nicht mehr auf dem Schirm oder sind davon ausgegangen, dass es sich um einen nicht zurückzahlbaren Zuschuss handelt – und sind jetzt aus allen Wolken gefallen, weil das Geld bereits verausgabt wurde. Bei dem ein oder anderen ist die Situation existenzbedrohend.
Sind weitere Gewerke betroffen?
Prinzipiell sind alle Antragsteller betroffen, wobei wir bei der Handwerkskammer hierzu nur noch vereinzelte Rückmeldungen von Kosmetikern und Fotografen erhalten haben. Im Bau- und Ausbauhandwerk hatten einige Betriebe die Soforthilfen in Anspruch genommen – und dann mitunter ihre besten Geschäftsjahre, weil die Leute, statt in Urlaub zu fahren, in ihre Häuser und Wohnungen investiert haben. Hier wurden die Hilfen oft schon frühzeitig zurückgezahlt.
Welchen Branchen geht es besonders gut?
Durch die energetische Sanierungswelle haben beispielsweise die auf Photovoltaikanlagen spezialisierten Elektrotechniker und die Heizungsbauer volle Auftragsbücher. Da ist der Fachkräftemangel das größte Hindernis, noch mehr zu machen. Bei den Gesundheitshandwerken, also etwa Augenoptiker, Hörgeräteakustiker oder Orthopädietechniker, und im Kfz-Bereich ist die Nachfrage weiterhin sehr hoch. Aber auch ihnen macht der demografische Wandel zu schaffen, wodurch sich zuweilen längere Wartezeiten für die Kunden ergeben.
Was tut die Kammer, um die Fachkräftesituation zu verbessern?
Wir versuchen, es den Betrieben einfacher zu machen, Fachkräfte zu rekrutieren. Wir unterstützen durch individuelle Beratung, versuchen die Unternehmen fit zu machen, damit sie als attraktive Arbeitgeber am Markt auftreten. Ergänzend versuchen wir über Maßnahmen der Berufsorientierung, die Auszubildenden von morgen an das Handwerk heranzuführen. Mit dem „BoMo“-Bus kommt die „Berufsorientierung mobil“ vor Ort, damit Schüler einzelne Handwerke praktisch ausprobieren können. In Kaiserslautern und Ludwigshafen betreibt die Kammer Berufsorientierungswerkstätten. In Ferienprogrammen können praktische Erfahrungen gesammelt werden. So versuchen wir auch, die Tüftler unter den Jugendlichen zu identifizieren und für das Handwerk zu begeistern. Über Kontakte zu Schulen werden einige Programme durchgeführt. Junge Ausbildungsbotschafter gehen in Schulen und berichten, was sie in der Ausbildung erlebt haben.
Welche regelmäßigen Tätigkeiten übt die Kammer ansonsten aus?
Die Handwerkskammer der Pfalz vertritt als Körperschaft des öffentlichen Rechts die Interessen von über 18.500 Handwerksbetrieben mit rund 84.000 Beschäftigten. Sie erfüllt verschiedene hoheitliche Aufgaben. Die wohl bekannteste ist das Führen der Handwerksrolle. Wir prüfen zum Beispiel, ob Betriebe, die sich selbstständig machen wollen, auch die Qualifizierung dazu haben. Hinzu kommen die Lehrlingsrolle sowie das Meister- und Gesellenprüfungswesen. Mit unseren 225 Beschäftigten verstehen wir uns als moderner Dienstleister, der eine betriebswirtschaftliche und rechtliche Beratung anbietet, die für die Mitgliedsbetriebe und Existenzgründer kostenfrei ist. Die Handwerkskammer organisiert die überbetriebliche Ausbildung sowie Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen in ihren Bildungszentren in Kaiserslautern, Ludwigshafen und Landau. Wir sind Bindeglied zwischen den Betrieben und der Politik. Wir haben eine Digitalisierungsberatung und gerade einen Nachhaltigkeitscheck vorgestellt.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit den kommunalpolitischen Akteuren?
Gut, würde ich sagen. Im Zusammenschluss Zukunftsregion Westpfalz haben wir einen regelmäßigen Austausch sowie gemeinsame Veranstaltungen. Mit einzelnen politischen Akteuren gibt es regelmäßig gepflegte Kontakte.
Wo bestehen aus Sicht des Handwerks kommunalpolitische Verbesserungspotenziale?
Das Thema Bürokratie betrifft alle Landkreise und Kommunen, da gibt es wohl keine mit sehr kurzen Bearbeitungszeiten und ohne Komplikationen. Darüber hinaus sind es viele allgemeine Themen, die die Betriebe beschäftigen. Etwa die Dokumentationspflichten, Gefährdungsbeurteilungen, nachzurüstende Kassensysteme – vieles, was einerseits sinnvoll sein mag, andererseits aber mit Hauruck kam. Ein Beispiel ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Hier haben es die größeren Betriebe deutlich leichter, schnell auf neue Anforderungen umzustellen als die kleinen. Es sind lauter vermeintliche Kleinigkeiten, die immer noch oben drauf kommen. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz betrifft auch die Zulieferer, die auf einmal Fragebögen von über 100 Seiten ausfüllen müssen für Tätigkeiten, die seit langem zur Routine zählen – muss das wirklich sein? Ein Handwerker, der einmal im Jahr die Dachrinne einer Kirche reinigt und nach Schäden im Dach guckt, arbeitet drei Stunden – und hat sechs Stunden Vorbereitung für Genehmigungen und vieles mehr. Jedes Jahr.
Was sollte auf Bundes- und Landesebene anders laufen?
Der Bürokratieabbau sollte vorangetrieben werden. Die Betriebe brauchen eine Entlastung. Wir würden uns auch wünschen, dass der Förderdschungel gelichtet wird. Hier den Überblick zu behalten, ist nicht einfach. Für Betriebe ist es eine große Hürde, alle notwendigen Anträge auszufüllen. Das könnte man vereinfachen, vereinheitlichen und zusammenführen. Ich würde mir auf Bundesebene ein Zuschuss-Programm zur Stärkung der Digitalisierung wünschen, um insbesondere die kleinen und mittelständischen Unternehmen voranzubringen.
Interview: Torben Schröder