Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Abtreibungen: Paragraf 219a ist für Westpfälzerinnen nicht das einzige Problem

Noch dürfen Ärzte nicht über Abtreibungen in ihrem Leistungsangebot informieren. Das könnte sich bald ändern: In der Bundesregie
Noch dürfen Ärzte nicht über Abtreibungen in ihrem Leistungsangebot informieren. Das könnte sich bald ändern: In der Bundesregierung gibt es Bestrebungen, den Paragrafen 219a zu streichen.

Nach Paragraf 219a Strafgesetzbuch ist es Frauenärzten oder -ärztinnen untersagt, Abtreibungen auf Webseiten oder in Infobroschüren als Teil ihres Leistungsangebots zu erwähnen. Doch bald könnte das umstrittene Werbungsverbot fallen. Für Torsten Wilhelm, Geschäftsführer des Pro-Familia-Ortsverbandes Kaiserslautern – Anlaufstelle für Frauen aus der gesamten Westpfalz –, wäre dies eine längst fällige Gesetzesänderung. Es ist aber nicht das einzige Problem für ungewollt Schwangere.

Kaiserslautern erfüllt die Versorgung in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche derzeit nicht gut“: Wilhelm beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge. Zwar sei Pro Familia, die Beratungsstelle für Schwangerschaft, Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung, über jeden Arzt froh, der noch Abbrüche in Kaiserslautern vornimmt. „Aber wir brauchen eigentlich ein flächendeckenderes und zugänglicheres Angebot.“

Westpfalz ist unterversorgt

Üblicherweise stehen Frauen zwei Behandlungsmethoden für einen Schwangerschaftsabbruch zur Verfügung. Die medikamentöse Variante – möglich bis zur neunten Schwangerschaftswoche – bieten nur noch zwei Praxen in der Barbarossastadt an. Alternativ kann bis Woche zwölf ein operativer Eingriff vorgenommen werden. Das war bislang bei einem Arzt des Westpfalz-Klinikums möglich – wegen der Pandemie und der starken Belastung des Gesundheitswesens habe das Krankenhaus jedoch im vorigen November mitgeteilt, dieses Angebot bis auf Weiteres einzustellen. „Dementsprechend gibt es in Kaiserslautern aktuell keine Möglichkeit einen operativen Abbruch vornehmen zu lassen“, schlägt Wilhelm Alarm.

Das jedoch verschärft die Situation nicht nur für Frauen aus Kaiserslautern: Als Oberzentrum ist die Stadt auch Anlaufstelle für Frauen mit Abtreibungswunsch aus der Südwestpfalz, Pirmasens, Kusel und dem Donnersbergkreis. „Damit sind diese Regionen im Moment, was den operativen Abbruch angeht, ebenfalls nicht versorgt“, macht der 44-Jährige deutlich. „In Pirmasens ist derzeit nicht mal mehr ein medikamentöser Abbruch möglich.“ Dafür müssten nun Fahrten nach Saarbrücken, Homburg, Grünstadt, Frankenthal, Mainz oder Ludwigshafen in Kauf genommen werden.

Wilhelm kennt die Lebensumstände vieler betroffener Frauen, weiß um die Bedeutung der Unterversorgung: Die finanzielle Zusatzbelastung durch Fahrtkosten sei für viele eine weitere Hürde in der ohnehin schon belastenden und häufig alleine zu bewältigenden Situation. „Oft sind sie auf finanzielle Unterstützung des Staates angewiesen, haben keine stabile Partnerschaft, und auch das Umfeld soll aus Angst vor Ächtung nichts von ihrer Schwangerschaft erfahren.“

Adoption selten Alternative

Vorgenommen wird der Eingriff nur, wenn eine zweite Person dabei ist und die Betroffene nach Hause begleitet. Eine Freigabe zur Adoption sei nur selten eine Alternative: Zu groß sei die körperliche und psychische Belastung. Zudem werde das Thema Adoption in der Gesellschaft „nicht wertfrei“ behandelt, gibt Wilhelm zu bedenken. Ein weiterer Aspekt: Frauen, die beispielsweise im medizinischen Bereich tätig sind, bevorzugen nicht selten einen Abbruch in einer anderen Stadt: „Sie sind unter Kolleginnen oft gut vernetzt und befürchten, erkannt zu werden.“

Im vorigen Jahr haben sich insgesamt 372 Frauen quer durch die Westpfalz bei der Pro-Familia-Beratungsstelle in der Kaiserslauterer Maxstraße über die Möglichkeit eines Abbruchs informiert. Wie viele Abtreibungen dann tatsächlich in Kaiserslautern vorgenommen wurden, vermag Wilhelm aufgrund fehlender Daten nicht sagen. „Schwangerschaftskonflikt und Schwangerschaftsabbruch sind immer noch Tabuthemen“, betont der 44-jährige Diplom-Sozialpädagoge.

Das sei selbst unter Ärzten so: „Viele verstehen ihre Arbeit im Sinne der Frauengesundheit und wollen die Schwangerschaft bis zur Geburt begleiten.“ Auch lehnten nicht wenige einen Abbruch aus religiösen oder ethischen Vorstellungen ab, nennt Wilhelm einen weiteren Grund, warum immer weniger Mediziner einen solchen Eingriff anbieten.

Nicht im Lehrplan enthalten

Zudem sei der operative Eingriff sehr aufwendig: „Sie brauchen geschultes Personal, einen zusätzlichen sterilen OP-Raum und eine Aufwachmöglichkeit.“ Zudem würden Abbrüche in der Facharztausbildung nicht thematisiert. Im Unterschied zu anderen Städten spielten dagegen Aufmärsche oder gar Drohungen von Abtreibungsgegnern in Kaiserslautern weniger eine Rolle für die Entscheidung der Ärzte. Allerdings wisse er von einem Gynäkologen, „der seine Hilfe aus Angst vor sozialer Ächtung nur außerhalb seines Heimatortes anbietet“. Andere würden gerne über einen Schwangerschaftsabbruch aufklären, trauten sich mit Blick auf Paragraf 219a aber nicht.

Dass dieses sogenannte Werbungsverbot nun fallen könnte, hält Wilhelm für sinnvoll. „Hier geht es nicht um den Schutz vor unsittlicher Werbung. Die ist Ärzten ohnehin verboten“, ordnet er ein. Vielmehr hält er das Verbot für eine weitere Tabusteigerung, das Betroffenen einen erschwerten Informationszugang und damit weitere Hürden auferlege. „Die Falschinformationen zu Abtreibungen dürfen hingegen ungefiltert im Internet veröffentlicht werden“, ärgert er sich.

Sollte der Bundestag Paragraf 219a tatsächlich streichen, wäre für Wilhelm deshalb keine Abtreibungswelle zu befürchten: „Keine der von uns beratenen Frauen hat diese Entscheidung leichtfertig getroffen.“ Gleichzeitig hätten verschärfte Regeln im Ausland gezeigt, dass Abtreibungen deshalb nicht aufhörten. „Stattdessen führen sie dann schlecht ausgebildete Leute unter mangelnden hygienischen Bedingungen aus und bringen Betroffene in Lebensgefahr“, mahnt Wilhelm.

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