Bad Dürkheim
Zahnärzte: Warum am Dienstag so manche Praxis geschlossen bleibt
Orth ist seit 2022 Vorsitzender der Bezirkszahnärztekammer Pfalz. Der Zahnmediziner ist eigentlich kein Lautsprecher, doch er sagt: „Wir drohen, die überschaubare, inhabergeführte Zahnarztpraxis in absehbarer Zeit zu verlieren.“ In ländlichen Gebieten wie der Eifel oder dem Hunsrück sei schon seit Längerem ein Praxissterben zu beobachten – vielleicht nicht ganz so extrem wie bei den Hausärzten, aber durchaus spürbar. Mittlerweile hat das Problem laut Orth auch die Vorderpfalz erreicht. In Weidenthal und Elmstein beispielsweise seien in den vergangenen Jahren Praxen aufgegeben worden, weil sich kein Nachfolger gefunden habe. Ähnliches berichtet der Bad Dürkheimer Zahnmediziner aus Kandel. Letztlich gefährde die Aufgabe von Praxen die flächendeckende zahnmedizinische Versorgung.
Wie fest muss beim Wischen gedrückt werden?
Doch worin sieht Orth die Ursachen dafür, dass offenbar weniger junge Zahnärzte den Wunsch nach einer eigenen Praxis haben? Ein wichtiger Punkt sei der Fachkräftemangel, etwa bei Assistenztätigkeiten oder dem Praxismanagement – mit der Folge, dass die Mediziner andere Aufgaben übernehmen müssen, statt Patienten zu behandeln. „Das wollen viele meiner Kolleginnen und Kollegen nicht“, sagt Orth.
In der Verantwortung sieht der Zahnarzt die Politik: „Es gibt bestimmte Dinge, die ließen sich lösen. Aber es fehlt die Nähe zu den Praxen.“ An erster Stelle nennt Orth die Bürokratie. Beispielsweise bringt ihn auf die Palme, dass künftig die Wischgeschwindigkeit und der Anpressdruck bei der Desinfektion von Flächen mit einem Tuch „validiert“ werden soll. „Das ist typisch deutsch“, findet Orth. Bei der Hygiene seien die Praxen bereits hervorragend aufgestellt – in der Corona-Zeit habe es nur sehr wenige Infektionen in Zahnarztpraxen gegeben, und auch Probleme mit multiresistenten Keimen wie in Krankenhäusern gebe es nicht. Daher seien weitere Reglementierungen überflüssig.
Versorgungszentren kein Allheilmittel
Auch der Umgang mit nicht ausgereiften Digitalisierungskonzepten koste die Zahnärzte Zeit und Nerven. Als Beispiel nennt Orth das E-Rezept und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Grundsätzlich sei die Digitalisierung wichtig und richtig, allerdings müssten die betreffenden Systeme ausgereift sein: „Wir haben schließlich die Verantwortung für die Sicherheit der Daten.“ Nicht zuletzt geht es den Zahnärzten ums Honorar: Die Budgetierung bei gleichzeitiger Ausweitung des Leistungskatalogs führe zur Unterfinanzierung der Praxen. Dies mache sich unter anderem bei der Therapie von Parodontitis bemerkbar, einer Erkrankung von weitreichender allgemeinmedizinischer Bedeutung, sagt Orth.
Dass große Versorgungszentren das Allheilmittel für die (zahn-)medizinische Versorgung auf dem Land seien, hält Orth für einen Trugschluss. Diese siedelten sich vor allem in Städten an, sagt der Dürkheimer.
Was am Dienstag passiert
Doch wie wirkt sich der Protesttag auf die Öffnung der Praxen am Dienstag aus? Orth selbst will frühmorgens und nach seiner Rückkehr gegen 17 Uhr ausschließlich Notfälle behandeln. Von Kollegen wisse er, dass diese sich gegenseitig vertreten. Dass die eine oder andere Praxis in der Region geschlossen bleiben wird, davon geht er aus. Die Organisatoren rechnen bei der zentralen Kundgebung in Koblenz, die um 12 Uhr beginnt, mit mehr als 1000 Teilnehmern. Die Anzahl der Zahnarztpraxen in Rheinland-Pfalz beziffert Orth auf 2600.