Bad Dürkheim Wo Wucherblumen wachsen

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Leider gibt’s noch keine Kameras, die die Gedanken eines Menschen abbilden können. Das bedauert Pierre Amblard sehr. Und auch sein Gegenüber tut’s. Scheinen sich doch beim 61-Jährigen, während er so spricht, tolle Dinge vorm inneren Auge abzuspielen. Da entstehen Terrassen, kreisförmige Böschungen, es ragen Stauden in die Luft und da am Rande steht eine Pergola. In der Realität fehlt’s an solcher Szenerie – noch. Zwar zwitschern Vögel und scheint die Sonne freundlich vom Himmel – unter den Füßen ist aber Acker. Ein ehemaliger Wingert, heute beliebtes Hundeklo. Schon in wenigen Monaten soll sich das ändern, sollen die ersten Beete eines Mittelaltergartens zu sehen sein. Motor dafür ist Amblard. Hobbykoch, Hobbygärtner, frischgebackener Gästeführer und stellvertretender Vorsitzender der Wachenheimer Stadtmauerinitiative. Der Verein, dessen Kerngeschäft die Sanierung der Stadtmauer ist, hat sich zum Großprojekt entschlossen, um der Stadt langfristig einen attraktiven Treffpunkt für Jung und Alt zu gestalten – inklusive der erwähnten Pergola. 2000 Quadratmeter hat der Verein zu diesem Zwecke vom Weingut Dr. Bürklin-Wolf gepachtet. Laufzeit: zehn Jahre. Gutschefin Bettina von Guradze habe sich von der Idee begeistert gezeigt, so Amblard. Aber für die Nutzung des ehemaligen Wingertgeländes in Nachbarschaft zum Blumenweg eine Bedingung gestellt: keine Chemie. Was noch keinen Einzug in den Garten halten wird: Tomaten und Kartoffeln. Die kamen erst in der Neuzeit nach Europa und fallen daher aus dem Konzept. Im Garten werden nur Kräuter, Gemüsesorten und Blumen angebaut, die bereits im Mittelalter in Europa zu finden waren. Da gibt es dann Schätzchen zu bestaunen, die heutzutage häufig fast vergessen sind. Beinwell zum Beispiel, eine alte Wundheilpflanze. Die Samen hat Amblard jüngst aus Frankreich besorgt. Auf einer Liste mit den möglichen Gewächsen stehen auch alt klingende Namen wie Melde, Beifuß, Sinngrün oder Akelei. Die Initiative orientiert sich bei Gestaltung und Bepflanzung am Jahr der Verleihung der Wachenheimer Stadtrechte: 1341. Auf die Gärten dieser Zeit gebe es Einflüsse der Römer, der Franken und natürlich der Klöster. Bei der Recherche helfen alte Rezepte und Aufzeichnungen, wie etwa die von Hildegard von Bingen. Das Ganze soll als Permakultur angelegt werden, das bedeutet auf Nachhaltigkeit zu setzen. So werden viele Stauden gepflanzt, die sind mehrjährig und müssen nicht in jedem Jahr neu gepflanzt werden. Aus den selbstangebauten Kräutern werden Brühen hergestellt, zum Düngen und zur Schädlingsbekämpfung. Was hier wächst, soll bei Kochveranstaltungen mit mittelalterlichen Gerichten im Café Kulturey verarbeitet werden. Eine hat Hobbykoch Amblard bereits angeboten. Künftig kommen dann eben die selbst angebauten Erbsen auf den Teller. Vielleicht sollen auch eigene Produkte zum Verkauf angeboten werden. Noch ist davon nicht viel zu sehen auf dem Gelände, das nicht nur in direkter Nachbarschaft zur Stadtmauer liegt, sondern auch einen unverstellten Blick auf die Wachtenburg bietet – sehr zentral, in direkter Nachbarschaft zum Pfortenstück. Einmal wurde bisher gepflügt. Erst in einigen Wochen kann die eigentliche Arbeit losgehen. Alles, was sich Amblard so vorstellt, kann in diesem Jahr sicher noch nicht umgesetzt werden. Wenn einmal Kerbel, Kümmel und Wucher-blumen wachsen, wird das jetzt noch offen zugängliche Gelände geschlossen. So soll Vandalismus vorgebeugt werden. Christiane Rosenberg hofft, dass die Menschen mit dem Garten achtsam umgehen werden. Die 49-Jährige ist seit Mitte Januar Vorsitzende der Initiative. Mit den Vorstandsmitgliedern hat sie einen Besuch in Freinsheim gemacht. Bürgermeister Jürgen Oberholz hat sie herumgeführt. Dort sind Apotheker- und Barockgarten von Zerstörung verschont geblieben. Das macht den Wachenheimern Hoffnung. Die Pergola wird trotzdem sicherheitshalber ohne Glas gebaut, sagt Amblard. „Die Tür wird offen sein“, verspricht er. Wenn er mit seinen Vereinskollegen im Garten werkelt, kann jeder vorbeikommen. Und auch gern beim Arbeiten helfen. Und wer sich noch nicht ganz vorstellen kann, wie es mal aussehen wird: Pierre Amblard hat den Garten schon vor dem geistigen Auge.

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