Blickpunkt
Wie Menschen mit ausländischen Wurzeln Silvester feiern
Dänemark: Kransekage und der Sprung ins Jahr
Anna Mandel verbindet mit dem Jahreswechsel in Dänemark vor allem etwas Kulinarisches. „Die Dänen sind ja Genießer. Sie lieben es zu essen“, sagt die 38-Jährige, die seit 2011 in Wachenheim lebt. So sei es guter Familienbrauch, zum Silvester-Abendessen Kransekage (sprich: Kransekäh) zuzubereiten. „Es ist eine Art Schaumkuchen aus Marzipanteig mit viel Puderzucker und gerne etwas Ingwermarmelade für die Schärfe“, beschreibt Mandel. „Am Schönsten ist es, das Marzipan selbst zu machen. Das lieben die Dänen.“ Aufgetischt werde der Kuchen als Dessert „nach einem schönen Abendessen, bevor man ins neue Jahr startet“, sagt Mandel. So ziemlich jede dänische Familie hüte ihr persönliches Kransekage-Rezept.
Ganz ähnlich wie in Deutschland sei in Dänemark zudem Zinngießen zum Jahreswechsel sehr beliebt. Angeschaut wird die Neujahrsrede der Königin, danach geht’s zu Tisch, während im Hintergrund „Dinner for One“ läuft. Und dann gibt es noch einen Brauch: Man springt von einem Stuhl, Hocker oder Tisch ins neue Jahr auf den Fußboden – „um nicht in die Kluft zwischen Alt und Neu zu treten“.
In diesem Jahr, sagt die Wachenheimerin, werden sie, ihr Mann und die beiden Kinder schweren Herzens auf den Silvester-Besuch bei der Verwandtschaft nahe Kopenhagen verzichten. Und damit auf das dortige Feuerwerk zu Mitternacht. Das gehöre nämlich auch dazu: „Am schönsten ist es in der Stadt, wenn es über den Brücken abgefeuert wird. Es ist sehr beliebt, dass man das Feuerwerk vom Wasser aus beobachtet – sofern man ein Boot hat“, erzählt Mandel.
Japan: 108 Leiden und Sorgen verschwinden
„Ich war total überrascht, dass es in Deutschland an Silvester so große private Feuerwerke gibt und es nachts so laut ist. In Japan gibt es das vor allem im Sommer und wenn, dann von staatlichen Stellen oder Organisationen. Privat macht man auf keinen Fall Feuerwerk“, erzählt Maki Ehrlich. Die Dürkheimerin, die aus Miyazaki im Süden Japans stammt, lebt seit 14 Jahren in Deutschland.
In ihrer Heimat gehe es am Silvesterabend still zu. „Man verbringt den Abend gemütlich mit der Familie zu Hause und sitzt vor dem Fernseher. Dort läuft ein spezielles Silvesterprogramm“, erzählt die 44-Jährige. Besonders beliebt sei die Show „Kohaku Uta Gassen“, bei der erfolgreiche Musiker in zwei Teams gegeneinander antreten. „Alle Japaner kennen diese Gesangsshow“, erzählt Ehrlich. Auch Comedy stehe am Silvesterabend hoch im Kurs. „Tagsüber ist es aber schon stressig: einkaufen, Essen für den Neujahrstag vorbereiten, putzen“, erzählt Ehrlich. Der Neujahrstag ist der höchste Feiertag des Landes.
Zum Jahreswechsel gibt es einige feste Rituale: Gegessen werden zum Beispiel Soba-Nudeln aus Buchweizenmehl. „Damit wünscht man sich Gesundheit und Glück“, sagt Ehrlich. Ab etwa 23 Uhr werden die Glocken buddhistischer Tempel 108-mal geläutet oder geschlagen. „In Japan sagt man: Es gibt 108 Leiden und Sorgen, die durch das Läuten verschwinden sollen“, erklärt Ehrlich.
Rund um Neujahr herum besuchten viele Japaner außerdem den Shinto-Schrein, um zu beten und Glücksbringer zu kaufen. Der Silvesterabend dieses Jahr wird im Hause Ehrlich ruhig gefeiert: Ein kleiner Ausflug mit den Kindern steht auf dem Programm, das Haus wird ein bisschen geschmückt – mit japanischer Neujahrsdeko.
Frankreich: Dessert nach Mitternacht
Der Franzose Tanguy Le Cocguic lebt mit seiner Ehefrau und den drei Töchtern seit 15 Jahren in Wachenheim und hat die letzten Jahre den Silvesterabend immer in Frankreich verlebt. „Es ist ja klar, dass in Frankreich, wenn es um das Feiern geht, lecker gegessen wird“, sagt der in Paris geborene Straßenbauingenieur. Dabei geht es um 19 Uhr los und startet mit einem Aperitif. Das Essen bestehe dann aus vier Gängen und dauere bis in die Nacht. „Das Dessert gönnen wir uns immer nach 0 Uhr, weil wir um Mitternacht gemeinsam das Feuerwerk genießen“, berichtet Le Cocguic.
Der große Unterschied zum Feuerwerk in Deutschland bestehe darin, dass die Franzosen selbst kaum böllern, sondern die Raketen beobachten, die von der jeweiligen Kommune für alle abgeschossen würden. In Paris beispielsweise würde unter dem Eifelturm normalerweise ein großes Konzert mit anschließendem Feuerwerk stattfinden, das auch im Fernsehen übertragen werde. Auch auf der Avenue des Champs-Élysées, der großen Prachtstraße in Paris würde man mit Freunden zum Feiern zusammenkommen – allerdings auch nicht in diesem Jahr. Wegen der Pandemie sind die Veranstaltungen abgesagt.
Er selbst treffe sich mit seiner Familie und Freunden zur Silvesterfeier. „Wir bringen eine große Gruppe zusammen, wobei wir immer die Generationen mischen“, sagt der Franzose. Um 21 Uhr beginne das eigentliche Essen mit den Vorspeisen wie Austern und geräuchertem Lachs und, ganz traditionell, der Gänsestopfleber, wozu ein Gewürztraminer oder Sauternes gereicht werde. Selbstverständlich gehöre der Champagner als Begleiter des Abends dazu. Im Hause Le Cocguic gebe es als Hauptspeise Cote de Boeuf, auch als Hohe Rippe oder Ochsenkotelett bekannt, die im offenen Kamin gegrillt und mit Kartoffelgratin serviert werde. Die obligatorische Käseplatte runde das Festmahl vorläufig ab. Nach 0 Uhr werden dann Eclairs oder Petit Four als Nachtisch verspeist und die Feierlichkeiten gehen mit Tanz und Musik bis in die frühen Morgenstunden.
Italien: Nach Feuerwerk gibt es Linsensuppe
Der Italiener Felice Vella betreibt in Wachenheim einen „rollenden Imbiss“ und verbringt den Jahreswechsel gewöhnlich mit der Familie in seiner Heimat auf Sizilien. „Silvester treffen wir uns um 21 Uhr bei Oma. Da kommt die Familienmitglieder aus allen Ecken Europas zusammen. Während die Frauen das Essen zubereiten, sitzen die Männer bei einem sizilianischen Kartenspiel und lassen sich leckere Antipasti schmecken“, sagt Vella. Das Festmahl besteht dann aus einem Arrosto, einer Art Schweinerollbraten. Dazu werde hausgemachter Wein gereicht.
Wenn das Essen kurz vor Mitternacht beendet ist, gehen alle raus zum Feuerwerk und stoßen mit Spumante an. Anschließend wird dann ein Teller Linsensuppe verspeist. „Bei uns sagt man, dass jede Linse für 1000 Euro im neuen Jahr steht“, sagt der Sizilianer lachend. Der benutzte Teller werde anschließend auf die Straße geworfen. Das soll Glück bringen.
England: Auld Lang Syne zum Jahreswechsel
Der Musiker, Entertainer und Komponist Ian Fullwood kommt aus England, ist aber schon über 25 Jahre in Deutschland und lebt in Bad Dürkheim. „In England ist man kurz vor dem Jahreswechsel komplett betrunken und dann singen wir zusammen ,Auld Lang Syne’ und gedenken dabei der im vergangenen Jahr verstorbenen Personen“, sagt Fullwood. Dabei sitze man feierlich in einem Kreis.
Ein typisch englisches Silvesteressen gebe es nicht, oft werde Raclette oder Fondue aufgetischt, erzählt er weiter. Das Feuerwerk werde von den Gemeinden organisiert. Sehr beliebt sei das Feuerwerk am Riesenrad „London Eye“, das auch im Fernsehen übertragen werde. Zum Neujahrstag beschenke man sich traditionell mit dreieckigen Törtchen, die mit Hackfleisch gefüllt seien. Als Musiker war Fullwood in der Vergangenheit an Silvester oft auch musikalisch unterwegs und hat für gute Stimmung bei zahlreichen Events gesorgt.