Bad Dürkheim / Wachenheim
Wie eine Familienhelferin Geflüchteten aus der Ukraine Mut macht
„Die Menschen aus der Ukraine sind verloren, weil sie die Kultur, die Sprache und die gesellschaftliche Ordnung in Deutschland nicht kennen“, sagt Iryna Yaroshevych. Seit gut drei Monaten bietet die sozialpädagogische Familienhelferin im Dienst der Malteser eine offene Beratungsstelle im Wachenheimer Rathaus an. Dort hilft sie bei bürokratischen, aber auch psychologischen Fragen. Dafür beendete sie sogar vorzeitig ihre Elternzeit.
Der Bedarf ist groß. „Ich bleibe oft über die offiziellen Öffnungszeiten hinaus“, sagt die Mutter zweier Kinder. Obwohl sich die Menschen nun in Sicherheit befänden, seien sie immer noch Belastungen ausgesetzt. „Es geht schließlich um Flucht“, betont sie die Umstände.
Alarm weckt traumatische Erinnerungen
Was die Kriegserfahrung vor allem mit den Kindern gemacht habe, sehe sie beim monatlichen Sirenentest in Bad Dürkheim. Der Alarm wecke traumatische Erinnerungen an Bombenangriffe. „Noch dazu macht ihnen die Trennung von ihren Vätern und Großeltern zu schaffen.“ Auch die Mütter beschäftige permanent die Frage, ob sie die Zurückgelassenen jemals wieder sehen werden.
Die Unterstützung und Gastfreundschaft vieler deutscher Familien sei für die Geflüchteten in dieser Zeit eine große Hilfe. „Die riesige Hilfsbereitschaft ist überwältigend, vor allem, weil die Helfer noch ihr eigenes Leben zu führen haben“, berichtet die Dürkheimerin.
Nicht undankbar, sondern erschöpft
Trotzdem sei das Miteinander wegen des Traumas und der kulturellen Unterschiede nicht immer einfach: Zum einen wollten die Ukrainer ihre Gastfamilien nicht mit Gesprächen über ihre Ängste belasten. Zum anderen könnten deutsche Familien die späten Schlafenszeiten der ukrainischen Kinder oder die Frühstückskultur, bei der es auch mal Nudeln am Morgen gibt, nicht nachvollziehen. „In der Ukraine ist das Frühstück die größte Mahlzeit am Tag. Und in der Schule gibt es einen Schichtbetrieb. Die eine Gruppe beginnt um 7.45 Uhr mit dem Unterricht, die andere um 13 Uhr“, erklärt Yaroshevych, die selbst vor 16 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam.
Wie die Familienhelferin erzählt, überschütten manche Gastfamilien ihre Schützlinge mit Freizeitangeboten, um die Kinder „zu beschäftigen“. Viele Kinder wollten das aber nicht. „Das hat nichts mit Undankbarkeit oder Faulheit zu tun“, sagt sie. Ihr Alltag in einem neuen Land und mit einer fremden Sprache sei nur gerade sehr voll – die Kinder erschöpft. „Wir müssen wohl alle voneinander lernen.“
Großer Integrationswille
Prinzipiell beobachtet Yaroshevych einen großen Integrationswillen bei den Hilfesuchenden: „Sie kommen sehr strukturiert mit einem Fragekatalog in meine Sprechstunde. Und: Es sind sehr gut ausgebildete Leute wie Ärzte, Anwälte, Ingenieure.“
Doch vor allem die Sprachbarriere belaste die meisten in allen Lebensbereichen. Ein Arztbesuch werde ohne Deutschkenntnisse zur Odyssee. Auch die Registrierung bei der Familienkasse sei für die Menschen nicht ohne Hilfe zu bewältigen. „Sie sollen sich am Telefon auf Deutsch mit Angaben zu Name, Adresse und Geburtsdatum verifizieren.“ Da helfe auch kein Google-Übersetzer. Dabei schämten sich viele ohnehin, Sozialleistungen zu beantragen.
Bürokratische Dinge über eine App
Dass nach Behördengängen Unterlagen per Post verschickt werden, stelle nur eine kleine Herausforderung im Alltag da, „hat aber bei einigen für Verwunderung gesorgt“, erzählt Yaroshevych und muss schmunzeln. Denn in der Ukraine laufen bürokratische Angelegenheiten schon länger über eine Handy-App.
Auch in der Schule komme es für die Kinder zu frustrierenden Momenten, weiß Yaroshevych: „Oft sollen sie wegen der Sprachkenntnisse zurückgestuft werden, vom Unterrichtsstoff sind sie in der Ukraine aber schon weiter gewesen.“ Das werde spätestens dann zum Problem, wenn die Familien wieder in die Ukraine zurückkehren wollen. „Und mehr als 80 Prozent wollen definitiv wieder zurück.“
Steter Kampf gegen Frustration
Wesentlich einfacher hätten sich auch Studenten ihren Neuanfang in Deutschland vorgestellt, berichtetet die Dürkheimerin. Nicht so schnell wie versprochen könnten sie ihr Studium wieder aufnehmen. Das Problem: Viele Universitäten setzten ein gewisses Sprachniveau voraus. Um dieses zu erreichen, müsste viel Zeit in wochenlange Sprachkurse investiert werden. „Natürlich ist es sinnvoll, die Sprache zu lernen, aber die Menschen sind frustriert.“
Mut machen
Hinzu komme, dass Zuständigkeiten wie für volljährige Jugendliche, die allein in Deutschland sind, nicht eindeutig geklärt sind. „Wenn dann Leistungen für Miete und Kindergeld eingestellt werden, wird es für diejenigen schnell kritisch.“
In der Beratung versuche sie deswegen, bürokratische Probleme zu klären und Mut zu machen. „Im schlechtesten Fall geht ihr irgendwann zurück und habt eine neue Sprache gelernt“, versucht Yaroshevych, den Menschen Hoffnung zu machen. Dennoch weiß sie, nicht allen kann sie über die Trauer hinweghelfen. Wie einer jungen Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie sei sehr unglücklich gewesen, habe jeden Tag geweint. „Vor Kurzem ist sie mit ihren Kindern in die Ukraine zurückgekehrt.“