BLICKPUNKT
Wie die Hausärzte mit den Impfungen vorankommen
Hans Voigt aus Wachenheim spricht von einem „Impfchaos Deutschland“, denn in keinem europäischen Land sei man so weit im Hintertreffen. „Da war von Anfang an alles fehlorganisiert. Hätte man das gleich den Ärzten überlassen, wären schon alle durchgeimpft“, lautet die These des Hausarztes, der sich auch über die Verteilungspraxis des Impfstoffes beklagt.
„Wir erfahren drei Tage, bevor wir etwas geliefert bekommen, die Menge und die Art der Verteilung der Impfstoffe“. Dann müsse er die Patienten einbestellen und im Eiltempo verimpfen, da geöffnete Flaschen nur etwa zwei Stunden haltbar seien. Für diese Woche erwarte er 60 Dosen, davon 36 mit Biontech und 24 Dosen mit Astrazeneca. „Auch wenn man hier und da hört, dass die Impfung kein Wunschkonzert sei, kann ich einem älteren Herrn, der partout kein Astrazeneca möchte, diesen Stoff nicht verimpfen“, sagt Voigt. Obwohl er bemängelt, dass es zurzeit keine Beurteilung über Langzeitfolgen geben könne, rät er grundsätzlich zu den Impfungen. Er weise jedoch alle Patienten darauf hin, dass es hinsichtlich der Risiken noch keine Erfahrungswerte gebe und man noch gar nicht genau wisse, ob die Impfung überhaupt anschlage, da man es mit mutierenden Viren zu tun habe.
Etwa 100 Impfungen bislang verabreicht
Bis zum 20. April wurden nach Informationen der Kassenärztlichen Vereinigung in Rheinland-Pfalz knapp 109.000 Corona-Schutzimpfungen in den Arztpraxen verabreicht. Etwas mehr als 100 Impfungen davon hat Karl Deibel in seiner Praxis in Weisenheim am Berg vorgenommen. „Wir haben bisher zwei mal acht Flaschen, die offiziell für 48 Impfdosen reichen, bekommen, konnten aber aus jeder Flasche fast immer sieben Dosen entnehmen, so dass wir am Ende etwas mehr verimpfen konnten“, berichtet der Mediziner. Er könne jeweils am Dienstag Impfdosen bestellen, bekomme am Donnerstag von der Apotheke mitgeteilt, was tatsächlich an ihn ausgeliefert werden könne. Die Lieferungen erfolgen immer am Montag und am Dienstag werde mit den Impfungen begonnen.
Er könne bei der Bestellung keinen Hersteller priorisieren, sondern könne nur „Corona-Impfstoff“ bestellen. Bisher habe er immer Biontech-Pfizer bekommen, die nächsten Lieferungen sollen nun aber zur Hälfte auch aus dem Vakzin von Astrazeneca bestehen. „Ich sehe kein Problem, auch Astrazeneca zu verimpfen, das ist weiterhin ein effektiver Impfstoff und in der richtigen Altersgruppe auch als sicher einzuschätzen. Da gibt es keine wissenschaftlichen Bedenken“, sagt Deibel, der jungen Patienten und dabei vor allem den jungen Frauen Biontech verabreichen würde. Aufgrund der schlechten Mediendarstellung von Astrazeneca hätten auch viele seiner Patienten Vorbehalte, diesen Impfstoff zu bekommen. „Es gibt Leute, die lassen sich dann überzeugen, dass Astrazeneca doch gut sei, andere würden weiterhin sagen ,Nein, mache ich nicht’“, so der Hausarzt, der auf seiner Warteliste zurzeit 450 Impfwillige gelistet hat.
„Wir haben nicht genug Munition“, beklagt sich Hubert Baumann, Allgemeinmediziner aus Bad Dürkheim, über die seiner Meinung nach zu geringen Liefermengen an Impfstoff. Sein Impftag sei der Donnerstag und bisher habe er etwa 35 Patienten impfen können, obwohl er „ein Vielfaches“ davon schaffen könnte. Auf seine Warteliste, die aus über 200 Impfwilligen bestehe, könne er zurzeit keine weiteren Patienten aufnehmen. Obwohl auch Baumann bisher nur Biontech verimpft hat, hätte er keine Bedenken, auch Astrazeneca aufzuziehen. „Für die über 60-Jährigen ist das ein super Impfstoff, der vor einem schweren Krankheitsverlauf schützt“, sagt Baumann und ergänzt, dass die Hirnvenenthrombose nur etwa 20 bis 30 Mal bei weit über drei Millionen Impfungen aufgetreten sei.
In der Praxis von Hubert Gauß in Freinsheim haben über 70 Patienten ihre erste Impfdosis erhalten, über 200 stehen noch auf der Warteliste. Ob er auch Astrazeneca verimpfen würde, hängt nach Aussage des Mediziners immer vom Einzelfall ab. „Ich hätte Bedenken, auch bei einem Mann, wenn ein Patient eine Lungenembolie in der Vorgeschichte hat. Bei den Damen bin ich grundsätzlich eher zurückhaltend. Da hängt es wahrscheinlich mit dem Hormonhaushalt zusammen, da wissen wir ja noch nichts Genaues“, sagt Gauß. Er bedauert, dass die Hausärzte erst so spät in die Impfkampagne involviert wurden und hätte sich auch eine etwas andere Impfreihenfolge vorstellen können: „Man hätte erst die impfen müssen, die dann selbst die Impfungen durchführen.“
36 Impfdosen für eine Woche bekommen
Volker Benz, der mit Roland Werz eine Praxis in Ellerstadt betreibt, macht auch bei der Impfkampagne mit. „Wenn wir mehr Impfstoff hätten, machen wir noch mehr mit“, sagt der Arzt und verweist darauf, dass er in dieser Woche nur etwa 36 Impfdosen erhalten habe. Damit sei seine Warteliste mit über 700 Impfwilligen nur mühsam abzubauen. Dabei geht Benz zudem davon aus, dass Astrazeneca der „Ladenhüter“ werde, obwohl das gesamte Praxisteam damit geimpft worden sei. „Das ist ein guter Impfstoff, der nur für bestimmte Zielgruppen nicht verwendet werden sollte. Ansonsten kann man gegen Astrazeneca nichts sagen“. Der Mediziner geht davon aus, dass jährlich eine Anpassung verimpft werden muss – ähnlich wie bei der Grippeimpfung.