Blickpunkt
Wenn die Bilder aus der Ukraine böse Erinnerungen wecken
„Ich habe jetzt wieder vom Krieg geträumt“, erzählt der 82-jährige Ungsteiner Fritz Schumann, der als kleiner Junge die Bomben am 21. Mai 1942 in Ungstein und den Angriff am 18. März 1945 auf Bad Dürkheim erlebt hat. Der damals Fünfjährige erinnert sich an viele zerstörte Häuser in der Kurstadt. Im Krieg sei er regelmäßig mit seiner Mutter nach Freinsheim zu einer Bestrahlung gelaufen. „Wenn Flieger kamen, sind wir immer in den Straßengraben gesprungen“, erinnert er sich. Von Ungstein aus habe man Ludwigshafen brennen sehen, erzählt Schumann. Der Anblick von Feuer geht ihm heute noch unter die Haut. Er kann sich sogar noch an den Rauch in Ungstein erinnern, nachdem britische Bomber im Mai 1942 ihre vom Angriff auf Ludwigshafen und Mannheim „übrig gebliebenen“ Brandbomben über den Weinbergen und den Wald rund um Leistadt und sein Heimatdorf abgeworfen hatten. Vom Haus einer Tante sei nur noch eine rauchende Ruine übrig geblieben. Einer seiner Nachbarn erinnere sich noch genau an den Lärm, den die fallenden Brandbomben machten, sagt er. Viele Scheunen seien damals abgebrannt. Eine 93-jährige Nachbarin habe ihm erzählt, dass die Leute die Ställe aufgemacht hätten, um die Tiere rauszulassen. „Wenn wir Sirenen hören, steigt immer noch der Blutdruck“, sagt Schumann – und spricht für viele Menschen seiner Generation.
Milch für Turnübungen im Bunker
Auch bei Elisabeth May-Baust weckt der Ukraine-Krieg Erinnerungen, die sie eigentlich längst vergessen glaubte. Sie habe den Krieg grausam erlebt, aber man verdränge eben auch vieles im Leben, sagt die 84-jährige, die seit Langem in Bad Dürkheim lebt. „Ich sehe mich jetzt wieder mit meiner Mutter in Ludwigshafen durch die Trümmer laufen und fragen, warum kein Licht ist.“
Sie erzählt, dass ihr Vater, ein Architekt, das Haus der Familie in Edigheim schon vor dem Krieg vorausschauend mit einem Luftschutzbunker bauen ließ, in dem dann auch die Nachbarn Schutz fanden. „Unsere Nachbarn hatten ein Milchgeschäft, im Bunker habe ich vor denen geturnt, dann bekamen wir wieder eine Flasche Milch von ihnen“, erzählt sie. Die Sondersendungen im Fernsehen zum Ukraine-Krieg halte sie wegen der Erinnerungen kaum aus. Kriege würden lange nachwirken: „Für mich war der Hunger hinterher fast schlimmer als die Bomben.“
„Genau wie in Syrien“
„Es ist genauso wie in Syrien“, sagt Mohammed Wassim Mezkatli aus Herxheim am Berg. „Russische Flugzeuge haben uns bombardiert, russische Panzer haben uns beschossen“, erzählt der heute 23-Jährige über die Erlebnisse in seiner Heimatstadt Aleppo. Er floh mit Eltern und Geschwistern 2014 zunächst in die Türkei, noch bevor die russische Armee die nordsyrische Stadt belagerte, wie sie es heute mit Mariupol macht. Besonders die Bilder der Flüchtenden, die im Freien ausharren müssen, erschüttern ihn. Sie erinnern ihn an seine Flucht, die er nie vergessen wird. Sie endete schließlich 2015 in Freinsheim. Der damalige Teenager empfindet großes Mitgefühl mit den Ukrainern. In Syrien seien genau wie jetzt in der Ukraine Schulen und Krankenhäuser bombardiert worden, später gezielt die Häuser, in denen Lazarette eingerichtet worden waren. Mezkatli nennt es einen schmutzigen Krieg, der sich gegen die Zivilbevölkerung richte. Auch in Syrien sei gezielt die Infrastruktur zerstört worden, um den Druck auf die Bevölkerung zu erhöhen.
Außerdem wirft er Russlands Präsident Putin vor, verbotene Waffen einzusetzen und später zu behaupten, dass die Gegenseite dies tue. Der junge Mann hat Angst, dass der Krieg auch bis zu uns kommt. Er glaubt nicht, dass Putin oder seine Nachfolger sich mit der Eroberung der Ukraine zufrieden geben werden. Auf jeden Fall ist er sicher, dass bald vieles, vor allem Lebensmittel, sehr viel teurer werden wird.
Frauen und Kinder leiden
„Die große Rechnung bezahlen immer die Frauen und Kinder“, sagt Safa Alibrahem. Die Syrerin kam ebenfalls 2015 nach Freinsheim, nachdem sie zunächst innerhalb ihres Heimatlandes und später in den Libanon geflüchtet war. Bei den ersten Angriffen auf Deir ez-Zor, einer Stadt im Osten Syriens, mussten sie mehr als 20 Tage im Keller aushalten und waren ohne Strom und Wasser. Anschließend war sie mit ihrem Mann und den vier Kindern aufs Land geflüchtet, die Familie zog vor dem sie immer wieder einholenden Krieg in vier Jahren 14-mal um, ging schließlich nach Damaskus. Dort wurden ihr Mann und die damals elfjährige Tochter bei einem schweren Angriff verletzt. Der Mann ist heute auf einem Auge blind, hat auf dem anderen nur noch eine geringe Sehkraft. Danach beschlossen sie, Syrien ganz zu verlassen. „Als ich gesehen habe, was in der Ukraine passiert, wusste ich, was auf die Frauen und Kinder zukommt“, sagt Alibrahem. Sie habe die Angst in den Augen der Frauen gesehen.
Die Syrerin berichtet von ihrer Flucht nach Deutschland. Einen Monat dauerte es zu Fuß mit drei Kindern, ihr Mann und ein Sohn warteten hier schon auf sie. Ihre große Tochter und sie wechselten sich beim Tragen der vierjährigen Tochter ab, sie berichtet von Hunger und Kälte und Angst und dass sie das alles gerne vergessen würde, die Erinnerung jetzt aber wiederkomme. „Krieg ist immer schlimm“, sagt Alibrahem. „In einer Sekunde verliert man alles, das Haus, die Arbeit, die Familie – mein schönes Leben, einfach weg.“ Auch sie sieht Parallelen zwischen den beiden Kriegen, erzählt, dass in Syrien auch die Moscheen, in denen die Menschen Schutz suchten, bombardiert wurden. Glücklicherweise seien sie in Deutschland nun in Sicherheit, haben in Freinsheim ein neues Leben begonnen. Sie habe gehört, dass 2000 syrische Soldaten für die Russen in der Ukraine kämpfen sollen: „Was machen die da?“, fragt sie.