Blickpunkt
Weinstraßentag: Tourismus-Experten und Vereine zur Absage
Wie der Verein Pfalzwein am Mittwoch mitgeteilt hat, wird das für Ende August angesetzte Großereignis in diesem Jahr bereits zum dritten Mal in Folge abgesagt. Das neue Polizei- und Ordnungsbehördengesetz (POG) verlangt, dass bei Großveranstaltungen ein umfang-reiches Sicherheitskonzept von einem verantwortlichen Veranstalter erstellt wird. Diese Verantwortung möchte der Pfalzwein-Verein nicht übernehmen, sieht er sich doch lediglich in der Rolle des „Impuls- und Mottogebers“. Tourismusexperten denken an eine Modifizierung der Veranstaltung, die Vereine beklagen bereits zum dritten Mal in Folge den Verlust einer wichtigen Einnahmequelle.
Jörg Dörr, Leiter der Urlaubsregion Freinsheim, kann sich ebenso wie der Dürkheimer Tourismus-Chef Marcus Brill und Stefan Thomas, der die Tourist-Information in der VG Wachenheim leitet, vorstellen, dass sich die Verantwortlichen bis 2023 Gedanken machen. Zu klären sei, wie die Veranstaltung neu aufgestellt werden könnte oder ob sie – wie in anderen Regionen geschehen – gar ganz aus dem Programm genommen werden sollte. Der Kritikpunkt: Die Veranstaltung sei nur bedingt nachhaltig und qualitativ hochwertig. Viele Standbetreiber hätten sich in den letzten Jahren bereits zurückgezogen.
Ist der Termin Ende August noch zeitgemäß?
Auch geht es um die Frage, ob der Termin Ende August noch zeitgemäß ist. „Die Frage ist generell zu beantworten, ob der Erlebnistag in der ursprünglichen Form weiter durchgeführt werden soll“, sagt Dörr, der für die geforderten Sicherheitsvorkehrungen die Ordnungsämter und die Verwaltungen in der Pflicht sieht. „Aus touristischer Sicht fällt der Erlebnistag immer öfter in den Beginn der Weinlese. Das ist eine Zeit, die bei uns eh hoch gebucht ist. Die Frage ist, ob wir dann zusätzlich eine Veranstaltung benötigen, wenn ohnehin schon sehr viel los ist“, gibt Dörr zu bedenken.
Marcus Brill hält den Termin so kurz vor dem Dürkheimer Wurstmarkt für schlecht gewählt. Zumal ihn noch ein Aspekt stört: „Mit der Veranstaltung soll das Thema ,Fahrrad’ touristisch beworben werden, und das sollte meiner Meinung nach bereits im Frühjahr zu Beginn er Saison passieren“, sagt Brill. Das Thema Radfahren wolle er während der gesamten Saison in der Pfalz in den Blickpunkt rücken, denke dabei beispielsweise an das Thema „Fahrrad und Genuss“. Die Entwicklungen im Bereich E-Bike und Pedelec erforderten neue touristische Konzepte.
Einigkeit herrscht bei den Experten auch darin, dass der Ausbau der Fahrradinfrastruktur forciert werden sollte. Gerade der auf den Weg gebrachte Ausbau barrierefreier Radwege ist aus der Sicht von Stefan Thomas enorm wichtig. „Der Erlebnistag ist aus meiner Sicht etwas in die Jahre gekommen und es bedarf dringend eines neuen Konzeptes, zumal er auch mit einem enormen organisatorischen Aufwand verbunden ist“, so Thomas. Auch habe er beobachtet, dass das Interesse der Vereine, sich am Erlebnistag einzubringen, zurückgegangen sei.
Vereine denken an eigene Veranstaltungen
Das trifft nicht auf den TC Wachenheim zu, wie dessen Vorsitzender Rüdiger Göbel berichtet. „Seit Ewigkeiten sind wir auf dem Wachenheimer Marktplatz dabei, und der Erlebnistag zählt neben dem Burg- und Weinfest zu unserer Haupteinnahmequelle“, berichtet Göbel. Er plane, Anfang September eine eigene Veranstaltung zu organisieren, um einen Teil der Einnahmeausfälle zu kompensieren.
Auch der Ungsteiner Liedertafel bricht laut Hans-Georg Weber zum dritten Mal in Folge die nach den Mitgliedsbeiträgen größte Einnahmequelle weg. „Wir haben sonst immer im Winzerhof des ehemaligen Weingutes Julius Koch zwei Konzerte gegeben und dabei auch für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt“, berichtet Weber, dessen Liedertafel mit dem Erlös der Veranstaltung etwa 30 Prozent der vom Verein zu deckenden Kosten gestemmt hat. Auch er mache sich Gedanken, eine vom Erlebnistag unabhängige Veranstaltung zu organisieren, um nicht die Mitgliedsbeiträge erhöhen zu müssen.
„Lukrative Veranstaltung“
Heike Kuhly vom Sektschloss in Wachenheim bedauert die Absage des Erlebnistages ebenso. Obwohl das Sektschloss über das Jahr hinweg noch andere Events organisiere, sei der Erlebnistag jahrelang immer eine interessante Veranstaltung gewesen. „Da die Weinstraße komplett autofrei war, konnte man den Tag einmal komplett anders erleben“, erinnert sich Kuhly. Das sei für die Gastronomie und die Hotellerie eine lukrative Veranstaltung gewesen.