Speyer / Neustadt / Bad Dürkheim Vor der Wahl: Was sich Praktiker im Gesundheitssektor wünschen
Der Hausarzt
Der Neustadter Hausarzt Martin Messemer braucht nicht lange zu überlegen, was sich ändern muss. „Die Bürokratie muss radikal reduziert werden“, sagt er bestimmt. Gleichzeitig erweckt er nicht den Eindruck, hier besondere Hoffnungen zu haben. Seit Jahren werde den Ärzten von der Politik versprochen, da anzusetzen. „Getan hat sich nichts“, kritisiert er. Dringenden Handlungsbedarf sieht er auch bei der Vergütung: Seit 40 Jahren gebe es dieselbe Gebührenordnung für die Privatpatienten. Die ganzen neuen medizinischen Verfahren ließen sich darüber nicht abbilden. Bei den Kassenpatienten sei die Honorierung zuletzt immerhin etwas gestiegen. Aber andere Berufsgruppen würden, etwa durch Streiks, deutlich höhere Einkommenszuwächse durchsetzen.
Kritisch blickt Messemer auch auf die Digitalisierung. Nicht alles dort sei durchdacht oder funktioniere im Alltag. Von plakativ formulierten Forderungen wie der Abschaffung des Faxgerätes hält er nichts. „Wenn ich einen Befund ins Faxgerät stecke und an die Intensivstation schicke, kommt es dort an.“ Der Versuch, einen Befund hochzuladen, sei nach so manchem Update gescheitert. Vor allem hat Messemer aber gemerkt, dass die Digitalisierung nicht wenigen alten Menschen Schwierigkeiten mache, weil sie keinen Computer hätten oder nicht damit umgehen könnten. Deshalb fordert er ein „Recht auf Analogie“. Zumindest derzeit. „Kann sein, dass wir das in 20 Jahren nicht mehr brauchen“, sagt der Hausarzt.
Der Apotheker
„Abgesehen davon, dass das Klischee sowieso nicht gestimmt hat: Mir ist der Porsche nicht wichtig, aber ich will von meiner Arbeit gut leben und eine Familie gründen können“, formuliert Nikolaj Stollhof seine Erwartungen. Der 36-Jährige hat 2022 die Brunnen Apotheke in Bad Dürkheim übernommen. Zuvor war er angestellter Apotheker und kennt die Branche gut. „Die Luft wird dünner. Alle 16 Stunden schließt eine Apotheke“, bezieht er sich auf Zahlen von 2024: „Dabei haben wir einen Auftrag für wohnortnahe Versorgung.“ Wichtigste Einnahmequelle einer Apotheke ist die pauschale Vergütung beim Verkauf verschreibungspflichtiger Arzneimittel. Diese wurde seit 2013 nicht mehr verändert. Damals stieg sie von 8,10 Euro auf 8,35 Euro pro Medikament. „Daran hängt unsere wirtschaftliche Stabilität“, erklärt Stollhof. Seitdem lag allein die Inflation bei 30 Prozent. Außerdem versteht Stollhof nicht, warum der Versand verschreibungspflichtiger Tierarzneien in Deutschland verboten, für Menschen aber erlaubt ist. Eine Erhöhung der Pauschale könnte zu höheren Medikamentenpreisen führen, räumt er ein. Ein reduzierter Mehrwertsteuersatz hätte die gegenläufige Wirkung. Apotheken leisteten bei der Arzneimitteltherapiesicherheit einen wichtigen Beitrag für das Wohlergehen der Menschen und zur Kostenreduktion im Gesundheitswesen, betont Stollhof. Das gelte auch für ihre Präventionsangebote: „Wir haben das Know-how. Aber es muss auch abgerufen werden.“
Der Krankenhaus-Manager
Die Diakonissen Speyer betreiben gleich zwei Krankenhäuser im Wahlkreis: in Speyer und in Bad Dürkheim. „Die Menschen in unserem Land machen sich zunehmend Sorgen, ob ihre Gesundheitsversorgung auch in den kommenden Jahren gewährleistet ist“, sagt ihr Finanzvorstand Udo Langenbacher (58). Er erwarte deshalb von einer künftigen Bundesregierung „ein zügiges Handeln und eine Reformpolitik, die dieser Verunsicherung entgegenwirkt“. An fünf Punkten müsse zuerst angesetzt werden, so Langenbacher, der bis 2021 für einen anderen Arbeitgeber auch schon Verantwortung für das Kreiskrankenhaus in Grünstadt trug. Erstens sollten bei der Krankenhausreform des Bundes die Erfahrungen aus Nordrhein-Westfalen genutzt werden, wo in einem mehrjährigen Prozess definiert worden sei, welcher Krankenhausstandort für die Versorgung der Bevölkerung noch notwendig ist. Zweitens müsse der Bund einen kurzfristigen und vollständigen Ausgleich der durch Tariferhöhungen und Inflation verursachten Kostensteigerungen der vergangenen beiden Jahre ermöglichen. Weniger Bürokratie und kleinteilige Regulierung, lautet seine dritte Forderung. „Mittlerweile verbringen sowohl Ärztinnen und Ärzte wie auch Pflegekräfte täglich durchschnittlich drei Stunden mit Dokumentationsarbeiten, die häufig keinen Nutzen für die Behandlung haben“, erklärt Langenbacher. Die Bekämpfung des Fachkräftemangels und die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung auf nationaler wie europäischer Ebene sind die weiteren Punkte, die ihm besonders am Herzen liegen.
Der Pflegedienst-Chef
Marcel Tröstl ist keiner, der gerne auf die Politik schimpft. „Vom Finanziellen her passt’s derzeit in der ambulanten Pflege“, gibt der 37-Jährige zu, der vor sechs Jahren in Speyer den privaten Pflegedienst Puls aufgebaut hat. Er gesteht, dass ihm dessen Schwerpunkt im städtischen Bereich zugutekommt: Wenn auf dem Land fünf bis zehn Minuten Fahrt zwischen den einzelnen Patientenbesuchen lägen, könne das schon anders aussehen. Die 35 Puls-Mitarbeiter dürfen sich laut Tröstl jedenfalls über übertarifliche Bezahlung und Sozialleistungen freuen, und das Unternehmen engagiert sich ehrenamtlich in der Bedürftigenspeisung. Dennoch müsse die neue Bundesregierung die Rahmenbedingungen verbessern, so Tröstl. Für ihn ist damit vor allem der Wunsch nach Vereinheitlichungen verbunden: In Rheinland-Pfalz dürften sich seine Mitarbeiter nicht in reinen Onlinekursen zu Praxisanleitern weiterbilden. Personal aus Baden-Württemberg dürfe das hingegen schon – das sei ein konkreter Nachteil bei der Personalgewinnung. Bei den Tätigkeiten, die angelernte Hilfskräfte ausführen dürften, ergebe sich ein ähnliches Bild: Rheinland-Pfalz lasse nicht zu, dass sie etwa Kompressionsstrümpfe von Patienten an- und ausziehen. In anderen Bundesländern dürften sie das. „Das muss sich bei uns ändern, sonst drohen auch hier Versorgungsengpässe“, so Tröstl.