Bad Dürkheim Von butterweich bis kratzig
Man muss nicht immer in die Metropolen der Republik fahren, um Live-Musik auf höchstem Niveau zu erleben. Manchmal reicht ein Ausflug in das „Badehaisel“ in Wachenheims. Wie etwa am Freitag, als das Duo „Doyna“ aus Köln in dem beliebten Kulturtreff „Badehaisel“ gastierte und mit ihrem Auftritt das Publikum restlos begeisterte.
Das Duo „Doyna“, das waren am Freitag die Klarinettistin Annette Maye und der Gitarrist Johannes Behr, der kurzfristig für seinen gesundheitlich angeschlagenen Kollegen Martin Schulze eingesprungen war. Neben großartigen Eigenkompositionen basiert ihre Musik überwiegend auf traditioneller Hochzeits- und Tanzmusik osteuropäischer Juden. Schon mit den ersten Tönen wurde klar, dass traditionell beim Duo Doyna keinesfalls angestaubt klingt. Auch, wer noch nie von Klezmerformen wie Frejlach oder Bulgar gehört hat, kann sich von Maye und Behr mitreißen lassen. Da folgte man Gitarre und Klarinette gedanklich nach Spanien, dann in einen Jazzkeller, um schließlich mitten in einem bulgarischen Hochzeitstanz zu landen. Mayes Spiel wechselte dabei mühelos zwischen lyrischen Melodien und rasanten Läufen, ihre Klangfarben reichten von butterweich bis kratzig. Und das alles schon im ersten Stück! Diese musikalische Bandbreite zog sich durch den ganzen Abend. Mit der sehr perkussiven Gitarre und damit kommunizierenden Klopfgeräuschen der Klarinette, sogenannten slap tongues, gespickt mit virtuoser Improvisation, kam etwa Naftule Brandweins „Araber Tanz“ aus den 1920er-Jahren quicklebendig daher. „Wir spielen es nicht traditionell, sondern so, wie es zu uns passt“, erläuterte Maye. So verwischen die Grenzen zwischen alt und neu und es entsteht schlicht mitreißende Musik. Maye führte als Moderatorin durch das Programm und informierte dabei auch über die Entstehung und die zeitgeschichtliche Einordnung der einzelnen Stücke. So erfuhr man beispielsweise zu „Las Estrellas de los Cielos“, dass die spanischen Juden nach der forcierten Katholizierung des Landes in Marokko eine neue Heimat fanden, bis es sie nach der Staatsgründung nach Israel zog. Maye und Behr spielten so gut miteinander, dass man kaum glauben kann, dass Behr nur zehn Tage Zeit hatte, sich vorzubereiten. Besonders nach „Balkano“, einer Eigenkomposition, die mit Taktwechseln das rhythmische Fußwippen erschwerte. Kennengelernt haben sich Maye und Behr während gemeinsamer Studienzeiten in Paris. Aus dieser Zeit stammt „Hoquetus pocetus“, ein Stück, das Maye für elf Musiker geschrieben hat. Dabei spielt jedes Instrument nur mit einem Ton. „Jetzt haben wir die Töne der anderen übernommen“, erklärte Maye im „Badehaisel“. Das letzte Stück vor der Zugabe, der Titel „Ballad For A Klezmer“, „vereint alles, was diese Musik ausmacht, den Tanz, die Freude, die Melancholie und das Kreischende“, erklärte Maye. In der Version des Duo Doyna muss man dieser Aufzählung unbedingt noch Spielfreude, musikalische Sensibilität und Virtuosität hinzufügen. Ein Auftritt, den ein begeistertes Publikum mit langem Applaus bedachte. Am Freitagabend nicht in einem New Yorker Jazzkeller oder einem Berliner Szenecafé, sondern im Wachenheimer „Badehaisel“. (awg)