Wachenheim
„Viva Voce“ zum Jubiläum des Kulturvereins
Wer weiß – vielleicht wird 2022 als das Jahr der nachgefeierten Jubiläen in die Veranstaltungsgeschichte eingehen. In Wachenheim, wo etliche fleißige Ehrenamtler-Hände sich 2020 und 2021 zweimal letztlich dann doch „für die Katz“ gerührt hatten, konnte das 40-jährige Bestehen des Kulturvereins im dritten Anlauf endlich im Palais Schloss Wachenheim über die Bühne des Marmorsaals gehen. Zu Gast war am Sonntag mit „Viva Voce“ ein vierköpfiges Vokal-Ensemble der Spitzenklasse von höchst originellem Zuschnitt, das mit „Glückbringer“ ebenfalls ein Corona bedingtes Programm aus dem Eis holte; und überhaupt, aber davon später mehr …
Seit 24 Jahren schon ist das Männerensemble, ehemals Mitglieder des Windsbacher Knabenchors, nun schon auf Bühnen nicht allein der Republik, sondern ebenso fürs Ausland gebucht, unterwegs. Sein Markenzeichen ist der (weitgehend) pure A-Cappella-Gesang und die „klassische“ Schulung seiner Mitglieder lässt diese das vornehmlich bediente Segment der Pop-Balladen und humorigen Persiflagen von scheinbar Alltäglichem mit Professionalität und ganz eigenem Esprit in Szene setzen.
Alles griffig gereimt
Es sind flockig aufbereitete Themen zwischen Gender- oder Altersgepflogenheiten, gefühlvolle Liebeserklärungen, dann wieder satirische Mitternachtsspitzchen, alles griffig gereimt. Und die werden vornehmlich von Lead-Sänger David Lugert charmant und mit rhythmischem Groove in Szene gesetzt und harmonisch extravagant unterfüttert durch Andreas Kuch – der auch arrangiert – Bastian Kupfer und den mit sagenhaft tiefem Bassregister ausgestatteten Heiko Benjes. Der gute alte Background-Chor der 60er- und 70er-Jahre feiert da fröhlich Auferstehung. Und das peppige „Dubidu“ weckt den Wunsch nach irgendwie gearteter instrumentaler Begleitung erst gar nicht.
Die Bühne, auf der die vier agilen Solisten permanent singend und tanzend unterwegs sind, ist technisch hochgerüstet, die Light-Show aus zahllosen rotierenden Lichtkegeln ist ebenso Teil der Performance wie das vordergründig lässige, aber vom Pullovergelb und Hemdenrot bis zum Ton-in-Ton passenden Sneakers-Schuhwerk durchgestylte Outfit der Protagonisten.
Vor allem aber singen sie einfach richtig gut. Die nachdenklichen, die „g’spürigen“ Songs, mit Texten, die, kriegten sie nicht zwischendurch immer gerade noch die Kurve ins leicht Ironische, kokett am Genre Schnulze vorbeitändeln, brauchen tatsächlich nicht mehr als die vier beweglichen, harmonisch äußerst trittsicheren Stimmen. Geht es dagegen fetzig zur Sache, schickt die Technik schon mal etwas Beat durch die Boxen.
„Glücksmomente“
Neben den Alltagsballaden werden auch mal „Glücksmomente“ mit Wiedererkennungswert auf die Bühne zitiert, zum Beispiel der Dschungelbuch-Hit „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“, die „Halleluja“-Beschwörung oder ein bisschen „Titanic“-Schmacht; aber hallo – natürlich mit deutlichem Augenzwinkern. Was niemals fehlen darf in dererlei Show, ist die Kommunikation mit dem Publikum und dieser Draht glüht von Beginn an leuchtend rot. Und so stimulieren die Stichwortgeber aus dem Publikum – mit Wachtenburg, Badehaisel, Saumagen und Riesling-Schorle – das Quartett schließlich sogar zu einer frech improvisierten Wachenheim-Hymne.
Als die Viva-Voce-Sänger im zweiten Teil auch noch ihre „Doubles“ lebenden Personen in Form rund 50 Zentimeter großer Handpuppen auf dem Podium platzierten, war das Publikum schier nicht mehr zu halten. Nostalgisches, auch wenn sie frischen Glitzer drüberstreuen, pflegen die vier Stimmakrobaten ja durchaus liebevoll und selbstbewusst. Warum also nicht einen Hauch von Muppet-Show ins 21. Jahrhundert herüberholen. Ein auch nicht so bierernstes Beatles-Medley gab ess als Zugabe für frenetischen Beifall.
Dass die Künstler sich während des Engagement-Einbruchs durch Corona notgedrungen ihrer einmal erlernten „bürgerlichen“ Professionen zuwandten, erfährt das Publikum an diesem Abend auch, soll indes nicht heißen, dass „Viva Voce“ ab jetzt das Bühnenfeld nicht mehr beackern möchte. Nur mit mehr Augenmaß für die wohl härter werdende Realität für freie Kunstschaffende. Jammerschade wär’s nämlich, wenn sie künftig fehlen würden.