Bad Dürkheim Verstopfung durch Verzopfung

700 Kubikmeter Klärschlamm stehen hier sonst: Als Jakob Mettler von Weber Ingenieure gestern den Zustand des Wachenheimer Faultu
700 Kubikmeter Klärschlamm stehen hier sonst: Als Jakob Mettler von Weber Ingenieure gestern den Zustand des Wachenheimer Faulturmes von innen dokumentiert, ist natürlich nichts mehr drin.

Ortstermin: Ein Besuch im Faulturm der Wachenheimer Kläranlage

Was durch Wachenheimer Abwasserrohre geht, landet im Faulturm am Heidweg. Einem Bauwerk von etwa 13 Meter Höhe, in dem die anaeroben Abbauprozesse laufen oder einfacher gesagt: der Schlamm fault. Damit er das weiter tun kann, musste in dieser Woche eine Verstopfung gelöst werden. Da er ohnehin leer war, wurde beim rund 50 Jahre alten Turm auch geschaut, ob er saniert werden muss. Der Blick ins Innere offenbart nicht viel. Es ist im Wesentlichen zappenduster, eine kleine Luke im unteren Bereich sorgt für einen winzigen Lichtpunkt. Der Tank mit dunklen Wänden hat am Dienstagvormittag aber auch kein Geheimnis zu verbergen. Fast leer ist er jetzt. Was die Verstopfung im unteren Drittel hervorgerufen hat, offenbart sich erst später: eine Verzopfung. Eine ziemlich unappetitliche Mischung aus Faserstoffen. Die ergeben sich durch Dinge, die eigentlich nicht in die Toilettenschüssel gehören: Feuchttücher oder Hygieneprodukte. Der Zopf hat dafür gesorgt, dass der untere Bereich nicht mehr richtig durchmischt werden konnte. Am Mittwoch ist ein Mitarbeiter der Kläranlage durch das sogenannte Mannloch, eine Luke im unteren Bereich, eingestiegen und hat das Zeug „herausgepult“, wie es Dirk Bergner von den VG-Abwasserwerken ausdrückt. Da war der Tank natürlich leer und die Innenseite gereinigt. Sonst faulen hier 700 Kubikmeter Klärschlamm, und dafür riecht es hoch oben auf dem Turm am Dienstagmorgen gar nicht schlimm, auch wenn der Deckel momentan nicht den Tank wie sonst luftdicht verschließt. Ab und zu weht eine Brise Methangas vorbei, aber auch nur, wenn man die Nase in die richtige Richtung hält. Der Faulturm ist auch ansonsten eine recht geruchsneutrale Angelegenheit, erklärt Bergner. Was eklig ist, das sei eher das, was der Rechen aus dem „frischen“ Abwasser fischt. Tampons, Binden, Feuchttücher – eben jenes, was dann oft dennoch durchrutscht und dann für Verstopfungen sorgt. Einmal, so erzählt er, sei aus dem Kanal ein BH in auffälliger Farbe vorbeigeschwommen, einige Tage später der dazu passende Slip. Menschen sollten sich vom Inneren des luftdicht verschlossenen Tanks selbstredend auch fernhalten – immerhin entsteht eine Menge Klärgas, das explosiv und gesundheitsgefährdend ist. Zur Lösung der Verstopfung und zur Analyse waren in dieser Woche nun gleich mehrere Menschen im Inneren. Neben Leerung und Reinigung werden vorher Gasmessungen gemacht, erklärt Bergner, sodass niemand gefährdet wird. Außerdem verwenden die Experten vom Baustofflabor spezielles Equipment, Funken sollte das verwendete Werkzeug nicht schlagen. Gestern sind nun zwei Spezialisten eingestiegen. Von oben sind sie an einer Befestigung in das Innere des Turms geschwebt. Einer hat laut Bergner Betonproben genommen, der andere hat die Beschichtung geprüft. Besonders sensibel sei das obere Drittel des Turms, dort befinde sich bei Betrieb besonders viel Gas, das die Hülle angegriffen haben könnte, so Bergner. Ob das beim Turm, der in den 1960er-Jahren gebaut wurde, auch so ist, das wird die Analyse zeigen. Das beauftragte Ingenieurbüro habe vom Äußeren des Turms allerdings einen guten Eindruck gehabt, so Bergner. Ob sich dieser Eindruck auch im Inneren bestätigt, ist nach der Analyse dann klarer zu sagen. Die erfolgt nicht vor Ort, sondern erst später im Labor. Der Turm ist der einzige seiner Art in der Verbandsgemeinde, zwei weitere Kläranlagen sind für Ellerstadt und Friedelsheim-Gönnheim zuständig. Sie kommen aber ohne Turm aus. In Wachenheim werden täglich etwa zehn bis 15 Kubikmeter Abwasser in den Turm geleitet, genauso viel „gefaulte“ Masse wird dadurch verdrängt und in der nächsten Stufe verarbeitet. 20 bis 30 Tage bleibt der Schlamm im Turm, erklärt Abwassermeister Aaron Kreis. Der Turm hat mehr Volumen, als es von außen scheint. Trichterförmig geht es weitere drei bis vier Meter ins Erdreich. Die Temperatur des Turms wird auf 35 bis 37 Grad gehalten, um die chemischen Prozesse zu begünstigen. Teilweise kann dazu die Energie des im Turm entstandenen Klärgases genutzt werden. Dem Klärschlamm wird im nächsten Schritt weiteres Wasser entzogen. Von der Masse bleiben am Ende lediglich 30 Prozent übrig. Diesen Rest können die Landwirte – nach einer entsprechenden Behandlung – für ihre Felder verwenden. Auch dieses schwarze Zeug, eher Pulver als Schlamm, ist für die Nase keine Beleidigung. Es sei denn, es komme wieder Wasser hinzu und es liege zu lange, so Bergner. Die Hinterlassenschaften der Wachenheimer laufen ab der kommenden Woche wieder durch den Turm, so lange kann das Abwasser im davorliegenden Becken aufgefangen werden. Für die Neubefüllung hat Abwassermeister Kreis bereits Impfschlamm bestellt, der die chemischen Prozesse im Turm wieder in Gang bringen soll. In etwa drei bis vier Wochen läuft dann wieder alles „normal“ , faulen wieder 700 Kubikmeter im Turm.

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