Wachenheim
Tucholsky-Abend: Zeitlos gut
Die Texte des Schriftstellers und Journalisten Tucholsky seien auch nach fast 100 Jahren noch aktuell, erklärt Martin Pfeiffer vom gastgebenden Wachenheimer Kulturverein. Die Frage „Verehrtes Publikum, bist du wirklich so dumm?“, mit der Tucholsky das sinkende Niveau in der Literatur- und Unterhaltungsbranche beklagte, was allenthalben mit den Wünschen des Publikums begründet wurde, könnte auch ein tagesaktuelles Gedicht sein. Wobei Stuttmann freilich das Wachenheimer Auditorium ausdrücklich ausnimmt. Denn das sei ja schließlich zu diesem Abend gekommen.
Wer nicht eingefleischter Tucholsky-Kenner ist, erfährt über ihn etwa, dass er nach einer Fünf in Deutsch eine Ehrenrunde drehen musste. Und auch die Hintergründe seiner fünf Pseudonyme, unter denen Tucholsky in diversen Publikationen schrieb, dürften nicht zum Allgemeinwissen zählen. In einem Brief, den Stuttmann rezitiert, erzählt Tucholsky als Theobald Tiger dem zweiten Pseudonym Peter Panter von den Vorteilen, fünffach zu existieren. Viele Texte des Abends entstammen der „Schaubühne“, die unter dem Titel „Weltbühne“ weitergeführt wurde.
Nichts an Aktualität verloren
Die Wochenzeitschrift, gegründet von Tucholsky-Freund und -Förderer Siegfried Jacobsohn, schickt ihn Anfang der 1920er-Jahre als Korrespondenten nach Paris. In Berlin war Tucholsky inzwischen zum Hassobjekt der rechten Reaktionäre geworden. Anklänge an die Gegenwart mag dabei eine Statistik wecken, die Tucholsky als Ignaz Wrobel veröffentlichte: Von 1918 bis 1921 verhängte die deutsche Justiz für 314 Morde rechtsextremer Täter insgesamt 31 Jahre Haft, für 13 Morde linksextremer Täter gab es acht Todesstrafen und insgesamt 176 Jahre Haft.
Auch bei Tucholskys Texten gegen die Diskriminierung nicht konventioneller geschlechtlicher Orientierung muss man das rund 100 Jahre zurückliegende Erscheinungsjahr dazu nennen, denn auch dieses Thema erregt noch immer die Gemüter. Und auch ein Satz wie „Der deutsche Mann, das ist der unverstandene Mann“ könnte mitsamt der folgenden Analyse auch heute bestehen.
Spätestens mit seinem Spott-Gedicht „Joebbels“, das Stuttmann herrlich berlinernd vorträgt, stand Tucholsky auf der schwarzen Liste der Nazis. Als er 1933, damals lebte er schon in Schweden, ausgebürgert wurde, bezeichnet er sich als „aufgehörten Deutschen“ und hört auf zu schreiben. Die Umstände seines Todes im Dezember 1935, erläutert Stuttmann schließlich, bleiben fragwürdig. Hat er sich vergiftet oder stecken Agenten des Diktators dahinter? Auch so etwas kommt heute noch vor.