Bad Dürkheim
Trauerbegleiterin rät: „Konfrontieren statt ignorieren“
Manche Trauernde brauchen professionelle Hilfe. Eine Möglichkeit bietet Trauerbegleiterin Anette Neitzel-Palm. Wir sprachen mit der früheren Kinderärztin darüber, warum sie ihren Beruf an den Nagel gehängt hat, kein Klassenclown war und trotzdem lachen kann.
Eigentlich bin ich gerade sehr nervös wegen des Interviews. Sie sind nach der Familienzeit nicht mehr in Ihren Beruf zurück und jetzt Trauerbegleiterin. Warum? Ich hatte ein gutes Abi mit 1,8 und alle meinten, das dürfe ich nicht verschwenden. Das Studium habe ich gut gemacht und auch heute hilft mir mein medizinisches Wissen. Aber ich wäre besser Krankenschwester geworden. Selbst in der Kinderklinik fehlte die Zeit für das Zwischenmenschliche. Trauernden zu helfen, ist meine Herzensangelegenheit. Wann haben Sie das gemerkt? Ich war selbst nie ein fröhlicher, unbeschwerter Mensch. Eher introvertiert. In der Schule war ich kein Klassenclown, fühlte mich eher zu denen hingezogen, die einsam waren und nicht dazugehörten, die sitzen geblieben sind … … und dann? Es gab einige Todesfälle an der Schule, in der Nachbarschaft und im Freundeskreis. Da bin ich jedes Mal hin, habe den Kontakt gesucht oder dafür gesorgt, dass unsere Klassenstufe zur Beerdigung gegangen ist. Habe mit denjenigen gesprochen, die Schuldgefühle hatten, als sich ein Schüler das Leben genommen hat. Ich habe gemerkt, wie gut ihnen das Reden tut. Ich habe diese Empathie und keine Berührungsängste. Solche Gespräche sind auch eine große Bereicherung für mich. Spielen wir mal ein bisschen Freud. Woher kommt das Bedürfnis, helfen zu wollen? Nicht, dass ich Schreckliches in meiner Kindheit erlebt habe. Aber als meine liebe Omi gestorben ist – sie war für mich der Inbegriff von Heimat – konnte ich in meiner Familie mit niemandem darüber reden. Das habe ich mit mir selbst ausgemacht. Und jetzt wollen Sie, überspitzt gesagt, mit Trauernden Geld verdienen? Das Geld sehe ich mehr als Aufwandsentschädigung für Fortbildung, Fahrtkosten sowie Vor- und Nachbereitung der Gespräche. Denn nur mit Zuhören ist es nicht getan. Mein Angebot soll eine Ergänzung sein zum kostenlosen, unverbindlichen Trauercafé einerseits und der Psychotherapie andererseits, die zwar die Krankenkasse übernimmt, aber mit langen Wartezeiten verbunden ist. Für ein Erstgespräch berechne ich 40 Euro. Alles Weitere wird nach Bedarf vereinbart. Auf finanzielle Engpässe nehme ich Rücksicht. Wie viele Klienten haben Sie heute? Ich habe fünf Stammkunden, darunter jemanden seit vier Jahren. Übrigens: mehr Männer als Frauen. Ich bin allen gegenüber offen – unabhängig von Geschlecht, Alter und Konfession. Sie helfen auch beim Tod eines Haustiers. Geht das nicht zu weit? Nein. Ich schaue auf den Verlust, auf die Lücke. Egal wer gestorben ist. Manchmal liegt der Abschied auch lange zurück, etwa bei einer Fehlgeburt. Aber Trauer nach einem Beziehungsende ist nicht mein Thema. Das braucht eine andere Art der Begleitung. Wie überwindet man Trauer? Es geht nicht ums Überwinden, sondern darum, mit der Trauer zu leben. Sie holt einen immer wieder ein, mit einem Namen, einem Lied, einem Duft. Konfrontieren ist besser als Ignorieren. Weinen und lachen. Ich habe kein Patentrezept, ich bewerte nicht, ich höre zu. Die meisten wissen, was ihnen gut tut. Ich mache mich mit ihnen auf die Reise, das zu entdecken und zu leben. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit ist der Tod eines geliebten Menschen noch schwerer zu verkraften… …Alleinsein birgt aber auch die Chance, auf das zurückzublicken, was einen bereichert hat und gleichzeitig das Ich wieder in den Vordergrund zu bringen. Das, was übrig bleibt, sind Sie. Wie kann man Weihnachten gut überstehen? Ein besonders schöner Brauch stammt von der Familie Dietrich Bonhoeffers, des evangelischen Theologen, der 1945 von den Nazis hingerichtet wurde. Als sein älterer Bruder Walter 1918 an der Front fiel, schnitten seine Eltern aus dem geschmückten Tannenbaum einen besonders schönen Ast heraus und legten ihn aufs Grab. Zuhause war die Lücke am Baum sichtbar und doch strahlte er im Glanz. So kann es gelingen, den Verstorbenen zu gedenken und gleichzeitig dem veränderten Leben eine Chance zu geben. Im Internet — traueristeinfluss.de | Interview: Simone Schmidt