Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Thärichens Tentett“ erlebt gewittrige Premiere im Badehaisel

„Thärichens Tentett“ bewies, dass Jazz rockig grooven kann.
»Thärichens Tentett« bewies, dass Jazz rockig grooven kann.

Aufhören war für die Jazzer von „Thärichens Tentett“ keine Option, als eine Gewitterfront über das Wachenheimer Badehaisel zog. Zwischen Rock, Empörung und Liebesseufzern zeigten die Berliner eine große Bandbreite, die sie mit Biss, Ironie und Witz vortrugen.

Während sich das Publikum vor dem Regenguss in Unterstände flüchtete, unterbrach das Ensemble auf seiner überdachten Bühne das Spiel. Dann ging es weiter, Zugaben inklusive. Ihre Stücke garnierte „Thärichens Tentett“ mit persönlichen Geschichten und genoss dabei sichtlich den Austausch mit dem Publikum.

In den zunächst noch sonnigen Donnerstagabend hinein erklangen die Arrangements der Band mit improvisationsstarken Gesängen zu eigenen und vertonten Texten bekannter Dichter oder Persönlichkeiten. Der international bekannte Bandleader und Pianist Nicolai Thärichen hatte mit seinen Kollegen zum 20-jährigen Bandjubiläum vor drei Jahren vereinbart, dass jeder die Möglichkeit zur eigenen musikalischen Entfaltung erhalten sollte. So entstand das sechste Studioalbum „No Half Measures“ (keine halben Sachen) und mit ihm ein generationenübergreifendes Programm, aus dem einige Titel ihren Weg ins Badehaisel fanden.

Stimmungsvoller Einstieg

„Peace“ (Frieden) von Horace Silver, ein Jazzstandard, war der stil- und stimmungsvolle Einstieg zu dem derzeit besonders angesagten Thema. Daniel Mattar, ein früherer Studienkollege Thärichens, setzte nicht nur bewegende Momente stimmlich gekonnt in Szene, sondern legte beispielsweise bei „Ein Lied wie mich verlässt man nicht“ auch komödiantische Fähigkeiten an den Tag. Nikolaus Leistle (Baritonsaxofon und Bassklarinette), nicht der einzige Multiinstrumentalist im Ensemble, verstand es bestens, sich in das Seelenleben eines abservierten Liedes hineinzuversetzen. Die Geschichte geht so: Einst in guten wie schlechten Zeiten ein geliebter Schallplattenbegleiter, wanderte das Lied eines Tages zerkratzt in die Mülltonne, um dann rachedurstig aus dem Radio wiederaufzuerstehen. Nicht nur das Arrangement verstand es genial, ein zunächst gefeiertes und dann schrill geschundenes Lied instrumental in Szene zu setzen. Auch Mattar brillierte stimmlich von himmelhochjauchzend bis hassdurchtränkt und begleitete seinen Körpereinsatz mit beeindruckender Mimik.

Vom Studioalbum hielten „Paperback Writer“, ein gefeierter Beatles-Song aus den 60er-Jahren und „No Half Measures“ mit großer Pianobandbreite die Zuhörer bei Laune. Jedes Arrangement hatte zwar seine eigene Grundstimmung, subtile Verwandlungen im Stück waren jedoch nicht ausgeschlossen. „Keepsake Mill“ nach Robert Louis Stevenson aus der musikalischen Feder von Thärichens früherem Professor Kirk Nurock, entwickelte sich stimmungsvoll, machte nachdenklich und endete melancholisch. Thärichen brillierte in seinen Soli. Ob Sven Klammer am jubelnden Flügelhorn, Jan von Klewitz (Altsaxofon), der den Kontakt nach Wachenheim geknüpft hatte, oder Simon Harrer an der kraftvoll dunklen Posaune – jedem Musiker gelangen kleine Sternstunden.

Auch der Himmel rockt

Dass Jazz auch rockig grooven kann, bewies das AC/DC-Arrangement „Up To My Neck In You“, wobei es dank Thärichens Fähigkeiten als Arrangeur sehr stimmig wirkte, Hard-Rock zu verjazzen – für Kai Brückner an der Gitarre, Pepe Berns am Bass, Kai Schönburg am Schlagzeug und Andreas Spannagel, unter anderem am Tenorsaxofon, eine Möglichkeit mehr, neben Mattar zu glänzen. Nicolai Thärichen, dessen Vater Werner als Paukist beim Philharmonischen Orchester in Berlin unter Vertrag stand und selbst komponierte, hatte bereits in frühen Jahren als Arrangeur Erfahrungen in unterschiedlichen Genres gesammelt. Immer wieder gelang es ihm, Jazz auf ganz eigene Art zu interpretieren und neu zu definieren.

Mit der rockigen Nummer begann dann auch der Himmel zu rocken, Blitze zuckten über den See. Und mit dem Start von „No Half Measures“ öffnete er dann seine Schleusen. Doch nichts war aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. Das Tentett startete neu durch und gab mit „Giant Leap For Mankind“ noch einmal richtig Gas, ließ weitere Höhepunkte, darunter ein Liebeslied, mit Finesse und Geist folgen. Dass die Musiker „die lauten und die leisen Töne können“, wie Thärichen im Vorfeld angekündigt hatte, war nicht zu viel versprochen und begeisterte die Zuhörer, die zwei Zugaben genießen konnten.

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