Blickpunkt
Streitfrage Stadtmauergarten: „Schandfleck“ oder Naturgarten?
Wenn man Dieter Filius glaubt, dann handelt es sich bei dem etwa 2000 Quadratmeter großen Areal, das der Stadtmauerverein vom Weingut Dr. Bürklin-Wolf 2015 gepachtet hat, um einen „Schandfleck“, um einen „Gerümpelgarten“. Filius moniert den aus seiner Sicht ungepflegten Zustand des Gartens und die dort gelagerten Gegenstände – wie Zeltgestänge, Pavillons und sonstige Zeugnisse aus den erfolgreichen Anfangsjahren des Projektes. „Unser Grundstück liegt direkt am Stadtmauergarten. Es war nicht immer angenehm von den Vorübergehenden gefragt zu werden, wie es denn sein kann, dass das schöne Wachenheim mit diesem Garten „geschmückt ist“, beklagt sich Filius. Die Idee von Initiator Pierre Amblard sei sehr gut gewesen und habe auch die Unterstützung der Familie Filius gefunden. Die jetzigen Zustände ließen jedoch zu wünschen übrig. „Die Personen, die jetzt in der Verantwortung sind, sind meines Erachtens völlig überfordert, diese riesige Fläche weiter zu betreuen“, sagt der Anwohner.
Ein Garten nach mittelalterlichem Vorbild
Ein Blick zurück: Im November 2015 hat die Initiative Wachenheimer Stadtmauer das Grundstück, das damals ausschließlich für den Weinbau genutzt wurde, vom Weingut Dr. Bürklin-Wolf gepachtet und unter Federführung von Amblard zu einem schönen Garten umgestaltet. Die Einweihung war im April 2017. Der Garten war nach mittelalterlichem Vorbild entstanden. Das Ziel: ausschließlich Pflanzen anzubauen, die man im Mittelalter kannte. Nach dem Rückzug von Amblard aus dem Projekt übernahm Stephanie Pflüger, ihres Zeichens Hobby-Gärtnerin, im Herbst 2017 die Verantwortung und gestaltete mit kreativen Ideen ein Paradies für Flora und Fauna, in dem auch Führungen sowie Feste und Veranstaltungen von Vereinen abgehalten werden können.
Christiane Rosenberg, Vorsitzende der Initiative Stadtmauer, räumt ein, dass der Garten in der Corona-Zeit etwas vernachlässigt wurde. „Ich kann momentan nicht die Verantwortung übernehmen, dass sich in dem Garten mehrere Menschen gleichzeitig aufhalten, deshalb konnten wir in den vergangenen Monaten dort wenig tun“, sagt Rosenberg. Sie habe aber auch beobachtet, dass auf dem Gelände Wachstum herrsche und die Natur zeige, wo was gut gedeihe. Man dürfe nicht vergessen, dass es sich um einen Naturgarten handele. Da sich die Corona-Auflagen entschärft hätten, sieht Rosenberg künftig gute Chancen, dass im Stadtmauergarten wieder gemeinsame Aktionen möglich sind. Wie beispielsweise den vor der Pandemie geplanten Bau eines festen Unterstands. Außerdem solle der Garten auch wieder geöffnet werden, damit sich die Wachenheimer dort aufhalten können.
„Ruheinsel zum Entschleunigen“
Pflüger geht davon aus, dass Kritiker der Anlage das Konzept nicht verstehen. „Unser Konzept sieht eine naturnahe Gestaltung vor, um somit zur Erhaltung der Artenvielfalt beizutragen“, sagt sie. Neben dem Setzen von Vogelschutzgehölzen habe man auch besonders nektarreiche Blumen und Pflanzen als „Bienentankstellen“ angepflanzt. Leider seien in den letzten Monaten viele Pflanzen und Sträucher aus Unkenntnis von Ehrenamtlichen, die es gut meinten, entfernt worden. Jetzt müsse man erst einmal abwarten, was wieder durchwächst. Neben einer Streuobstwiese gebe es auch eine Picknickwiese und einen Gemüsegarten mit historischen Gemüsesorten, bei dem die bodennährende Fruchtfolge eingehalten werde. So könne komplett auf Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel verzichtet werden. „Unser Ziel ist es, den Wachenheimer Bürgern und sonstigen Gartenfreunden im Herbst eine Ruheinsel zum Entschleunigen und Entspannen anzubieten“, sagt Pflüger. Sie kann sich auch vorstellen, dass dort an den Wochenenden zur blauen Stunde der beliebte „Stadtmauersekt“ ausgeschenkt werden kann.
Wie Steffen Brahner vom Weingut Dr. Bürklin-Wolf mitteilt, habe man bei der Verpachtung vereinbart, dass keine Mineraldünger und synthetischen Pflanzenschutzmittel verwendet werden. „Wir bewirtschaften unseren gesamten Betrieb seit 2005 biodynamisch, deshalb ist das Konzept des Stadtmauergartens in unserem Sinne“, sagt der Geschäftsführer.
Bechtel: „Garten wird wieder vorzeigbar“
Wachenheims Bürgermeister Torsten Bechtel (CDU), der von Filius über die Situation informiert wurde, ist schon mehrfach auf den Stadtmauergarten angesprochen worden. „Mir fällt es ein bisschen schwer, die Situation grundsätzlich zu beurteilen, zumal es der Verein in den letzten eineinhalb Jahren nicht einfach hatte und die Arbeitstätigkeiten mehr oder weniger zum Stillstand gekommen sind“, sagt Bechtel. Er könne verstehen, dass Filius den Eindruck hat, dass auf dem Gelände zu viele Dinge gelagert seien, die dort nicht unbedingt hin gehörten. „Wenn man das ein bisschen beiseite schaffen könnte, ergibt sich schnell ein anderes Bild“, erklärt der Bürgermeister, der hinsichtlich der Pflanzen kein Urteil fällen möchte. „Mir liegt jedes Stück in Wachenheim am Herzen. Dabei schaue ich natürlich zunächst auf die städtischen Flächen, bin aber sicher, dass auch der Stadtmauergarten wieder vorzeigbar werden wird“, ergänzt er.
Spätestens im Herbst wird sich zeigen, in welcher Form sich das Projekt der Initiative Wachenheimer Stadtmauer den Kritikern und Befürwortern präsentieren wird.