Bad Dürkheim „Steigende Zinsen am Horizont“
«Bad Dürkheim.»Die beiden in Dürkheim ansässigen Kreditinstitute gehen in den kommenden Jahren von einem moderaten Anstieg der Zinsen aus. Das sagten Experten der Sparkasse Rhein-Haardt und der VR Bank Mittelhaardt im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Uneinig waren sich die Bankenvertreter bei der Bewertung der derzeitigen Immobilienpreise an der Weinstraße.
„Wir sehen steigende Zinsen erst weit am Horizont“, unterstreicht Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka, die zur Sparkassen-Finanzgruppe gehört. In den USA, die der Eurozone im Wirtschaftszyklus zwei bis drei Jahre voraus seien, habe die Notenbank zuletzt im Juni erneut die Zinsen angehoben. Eine ähnliche Entwicklung erwartet Schallmayer, der kürzlich auf Einladung der Sparkasse Rhein-Haardt in Wachenheim war, auch für die Eurozone. Die Europäische Zentralbank (EZB) werde 2019 zwar an der Zinsschraube drehen, eine deutliche Zinswende sieht der Experte dadurch aber nicht ausgelöst. „In Europa bleiben wir im Niedrigzinsumfeld.“ Auch Thomas Schutt, Vorstandssprecher der VR Bank Mittelhaardt, geht von einem moderaten Anstieg der Zinsen aus. „Wir befinden uns in einer historischen Niedrigzinsphase“, sagt Schutt. Seine Prognose bezieht sich auf den Zeitraum bis 2020. Darüber hinaus sei die Entwicklung auch für Experten schwer einzuschätzen. Entscheidend sei etwa, wer 2019 Mario Draghi auf dem Chefsessel der Europäischen Zentralbank nachfolge. Auch Thomas Laumerich, Vorstandsmitglied bei der VR Bank, rechnet mit steigenden Zinsen: „Einem solchen Bonbon wie der derzeitigen Niedrigzinsphase traue ich auf Dauer nicht.“ Kunden, deren Baufinanzierung bereits läuft, rät Schutt aufgrund der Aussichten auf steigende Zinsen, sich über sogenannte Forward-Darlehen zu informieren. Diese ermöglichen es Häuslebauern oder Wohnungskäufern, deren Finanzierung in absehbarer Zeit ausläuft, sich bereits jetzt einen bestimmten Zinssatz zu sichern und damit von den derzeit günstigen Raten zu profitieren. Doch was bedeutet die derzeitige Situation für Sparer? „Es ist nicht angezeigt, Geld für drei, vier oder fünf Jahre ohne Kündigungsmöglichkeit auf ein Sparkonto festzulegen. Wir raten unseren Kunden davon auch dringend ab“, sagt Schutt klipp und klar. Auch Schallmayer rät: „Der Sparer muss nicht nur sparen, sondern investieren.“ Andreas Ott, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Rhein-Haardt, konkretisiert: Wer einen mittleren bis langfristigen Anlagehorizont mitbringe – Ott denkt da an mindestens fünf Jahre – für den sei ein Fondssparplan zu empfehlen. Durch den sogenannten „Cost-Average-Effekt“ sei sichergestellt, dass der Anleger günstige Einstiegskurse erziele, wenn er über einen kontinuierlichen Zeitraum regelmäßig Fondsanteile kaufe. Derzeit verwalte sein Haus etwa 9000 solcher Sparpläne – Tendenz steigend. Je nach Produkt sind in einem solchen Sparplan Aktien höher oder geringer gewichtet, auch reine Aktienfonds-Sparpläne gibt es am Markt. Schallmayer sieht die Aktienmärkte, mit Ausnahme der USA, trotz des rasanten Anstiegs der vergangenen Jahre insgesamt nicht als zu hoch bewertet an. Die Gewinnaussichten der Unternehmen seien weiterhin gut. Der Experte warnt aber auch: „Der Aktienmarkt ist keine Einbahnstraße, Schwankungen gehören dazu. Da ist auch Geduld gefragt – und das Wissen, dass es wieder aufwärts geht.“ Doch der „Cost-Average-Effekt“ helfe, das Risiko zu reduzieren. In der Beratung sehen wohl die Vertreter der Sparkasse als auch der VR Bank das A und O – und zugleich eine Stärke ihrer Häuser. „Wir verkaufen keine Produkte, die wir nicht verstehen“, sagt Schutt. Auch er rät Anlegern dazu, sich Fondssparpläne zuzulegen, je nach Risikoneigung mit einem höheren oder geringeren Aktienanteil. Wichtig sei auch eine gute Risikostreuung. „Die Mischung macht’s“, betont der Vorstandssprecher. Doch dafür sei es unerlässlich, dass sich Anleger von Experten beraten ließen. Auch bei der VR Bank nehme der Anteil der Kunden zu, die sich Aktien oder Aktiensparpläne ins Depot legten, berichtet Schutt. Bei Fonds oder Zertifikaten sei es wichtig, auf regelmäßige Ausschüttungen zu achten – auch darin sind sich die Experten einig. „Dividende ist der zentrale Ertragsbringer“, formuliert Schallmayer. Bei der Bewertung der derzeitigen Immobilienpreise an der Weinstraße sind sich die Experten uneinig. „Wir hatten zwar in den vergangenen Jahren eine enorme Preissteigerung. Ich würde aber nicht von einer Blase sprechen“, sagt Deka-Mann Schallmayer. Trotz der insgesamt gestiegenen Preise – wobei es natürlich regionale Ausnahmen gibt – bestehe eine hohe Nachfrage nach Immobilien, was sich auch am Zuwachs der Immobilienkredite, die die Sparkasse vergebe, ablesen lasse. Dies sei aber auch den niedrigen Zinsen geschuldet. VR-Bank-Vorstandsmitglied Laumerich sieht die Preise skeptischer. Derzeit herrsche in der Region quasi Vollbeschäftigung. Komme ein konjunktureller Abschwung – etwa durch einen Handelskrieg zwischen den USA und der EU oder China – könnte dieser Jobs kosten, was den einen oder anderen Häuslebauer in Schwierigkeiten bringen würde. Schutt betrachtet auch die Mietpreise mit Sorge: „Wir sehen es ja bei unseren Mitarbeitern: Es ist schwierig, in Bad Dürkheim bezahlbaren Wohnraum zu bekommen.“